Samstag, 17. Juli 2021

Aus dem Archiv: Neue Pizza-Konzepte im Essener Süden

 
Der Artikel erschien erstmals in "Essen geht aus 2022"


Neapel ist überall

Spätestens, seit die Neapolitanische Pizza von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde, hat sich der belegte Brotfladen neben dem Homemade Burger auch in deutschen Metropolen als hochwertiges Super Street Food etabliert. Die neuen Pizza-Läden „Nola“ im Südviertel und „60 seconds to Napoli“ in Rüttenscheid bringen den Trend endlich auch in den Essener Mezzogiorno.

Von Peter Krauskopf

„Leoparding“ heißt das Zauberwort, mit dem der rein optische Eindruck von Hochwertigkeit einer Pizza bezeichnet wird. Was der Banause als „angebrannt“ abtun würde, ist schließlich der Beweis dafür, dass der Teig aus einer perfekten Mischung aus bestem Weizenmehl und einer präzisen Menge Hefe besteht, die richtig durchgeknetet und genügend lange, d.h. durchaus mehr als einen Tag und länger, „gegangen“ ist - und dann bei einer Temperatur von über 400 Grad extrem kurz gebacken wird, so dass er noch im Ofen Blasen wirft, deren hauchdünne Oberflächen eben verbrannt-dunkle Flecken auf den Pizzarand zaubern. Der Rest des Teigs bleibt dabei ungemein locker, saftig und elastisch und ist so die ideale Unterlage für die hochwertigsten Beläge.

Brotfladen, die mitsamt den Auflagen gebacken werden, gehören seit jeher zur kulinarischen Tradition in den Straßen im östlichen Mittelmeerraum. Pide heißt Brot im Türkischen, pita im Griechischen, und die Italiener haben daraus Pizza gemacht. Besonders in Neapel, neben Palermo die orientalischste Metropole Süditaliens, kultivierte man diese Art des levantinischen Street Food. Und nicht das Teigbacken allein sorgte für eine unvergleichliche Delikatesse. Auf den Lavaböden rund um den neapolitanischen Hausvulkan Vesuv wuchsen einzigartige Tomaten, und die Wasserbüffel in der kampanischen Ebene lieferten die Milch für einen samtigen Mozzarella – obwohl die Sorte fior di latte, die qualitätsbewusste Pizzabäcker gern benutzen, von Kühen aus Agerola hoch über Amalfi stammt. Als dann angeblich ein begnadeter Piazzaiolo im Jahr 1889 der italienischen Königin die nach ihr benannte Pizza Margherita widmete, bei der die Auflagen Basilikum, Mozzarella und Tomaten die italienischen Nationalfarben grün, weiß und rot symbolisieren sollten, trat die Pizza ihren Siegeszug um die Welt an.

Dass dabei die originalen Qualitäten auf der Strecke blieben, liegt auf der Hand. Die Amerikaner pumpten den Teig zu einer zentimeterdicken Muscle-Version auf und belegten ihn mit seltsamen Dingen wie etwa Ananas. Imbissbuden an jeder Straßenecke sorgten für Masse statt Klasse, und die Tiefkühlpizza tat dann ihr Übriges. Zwar wurde sie in Italien erfunden, doch zum Weltmeister wurde damit ein Backpulver-Fabrikant aus Bielefeld. So war es kein Wunder, dass die UNESCO 2017 die original Neapolitanische Pizza zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte, über das zwei Verbände mit Argusaugen wachen.

Anders als in anderen deutschen Metropolen dauerte es eine Weile, bis man im Ruhrgebiet die Neapolitanische Pizza entdeckte. Zwar engagierte sich der Bochumer Gastro-Großhändler Niggemann schon früh bei der Organisation des Wettbewerbs um die Pizza Trophy, doch die jungen Start-Up-Gastronomen des Ruhrgebiets widmeten sich erst einmal der Rettung des Burgers aus den Umarmungen der Fast Food-Ketten. Es sollte ausgerechnet Dortmund sein, wo in den letzten Jahren mehrere Pizzaläden für Furore sorgten. Einer davon war der mit dem programmatischen Namen „60 seconds to Napoli“, den Adrian Kuras und seine Freundin Bianca Sue Voigt 2019 gründeten. Der Erfolg war so überwältigend, dass man vor kurzem nicht nur in ein größeres Ladenlokal ziehen musste, sondern auch Filialen erst in Leipzig und seit Mai auch in Essen-Rüttenscheid eröffnete. Und das ist nicht alles. Die beiden fühlen sich so stark, dass in den nächsten Monaten bis zu 25 weitere Filialen in ganz Deutschland folgen sollen.


60 seconds to Napoli

Das übergroß dimensionierte Haus RÜ 199 beherbergte seit seiner Fertigstellung immer wieder Gastronomien, die aus dem Essener Stadtteil nicht erwachsen waren. Die kölsche Kneipe Eigelstein hatte einigen Erfolg, doch ihre Nachfolger DAS SCHÖN, ein ambitioniertes Restaurantkonzept des Bochumer Bermudadreieck-Granden Christian Bickelbacher, und Roque’s Deli, ein luxuriöser Hähnchen-Grill der Dortmunder Vapiano-Macher Christian Roque und Sabine Koegel, konnten sich bei der Rüttenscheider Community nicht durchsetzen. Es tut fast etwas weh, wenn man sieht, dass Adrian Kuras die sündhaft teuren (und schönen) Interieurs des Vorgängers radikal entfernen ließ und die geräumige Location in einem reduzierten Industrial-Look ausstatten ließ. Doch sieht man auf die bei schönstem Wetter vollbesetzte Straßenterrasse, auf der sich anscheinend ganz Rüttenscheid die großartigen Pizzen schmecken lässt, kommt man zu dem Schluss, das Konzept stimmt. Pandemie hin oder her: „Es ist Dienstag, und wir haben den Umsatz eines Samstags“, konstatiert Adrian stolz.

Das Angebot von „60 seconds to Napoli“ auf der Rü entspricht exakt dem des Stammhauses in Dortmund. Aus Neapel stammende und dort ausgebildete Pizzabäcker arbeiten an zwei Gasöfen vom neapolitanischen Ofenbauer Stefano Ferrara. Der hausgemachte Teig hat eine Ruhezeit von sage und schreibe 72 Stunden, die Auflagen wie San-Marzano-Tomaten, Mozzarella, Salami etc. werden direkt aus Neapel importiert. Gebacken werden die Pizzen bei 485 Grad exakt 60 Sekunden – langer dauert die Reise ins Piazzaparadies nicht. Dass dabei kaum eine Pizza unter 10 Euro gibt, ist mehr als angemessen. Die teuerste mit Trüffeln kostet 18 Euro.

Entsprechend perfekt sehen die fertigen Produkte dann auch aus. Die Rezepte dafür lässt sich Adrian von seinem Freund und Produktentwickler Dominik Grzeschik kreieren. So stehen etwa 16 Pizzen auf der Standardkarte, jeden Monat kommen fünf Specials dazu. Den Klassiker Margherita gibt gleich drei Mal: einmal mit dem Kuhmilch-Mozzarella fior di latte, einmal mit Büffelmozzarella und einmal mit veganem Mozzarella. Auch Raritäten finden ihren Weg auf die Pizza, etwa die scharfe kalabresische Schmierwurst Nduja. Die Pizza von der Special-Karte, die ich mir zum Probieren aussuche, ist mit der Fenchelwurst Salsiccia und Friarelli, wildem Brokkoli belegt – und natürlich fior di latte, Provolone und Tasmanischem Bergpfeffer.

Fast wie der gastronomische Gegenentwurf zu „60 seconds to Napoli“ wirkt dagegen die Pizzeria „Nola“ am Isenberplatz im Südviertel. Auch die Adresse Emilienstraße 2 ist Essener Feinschmeckern wohlbekannt. Jahrzehntelang war der Straßenname Pate für das französische und später auch internationale Restaurant „Emile“, dann für das italienische „Emilio“. Doch dann stand das Lokal leer.


Nola

„Wir wohnen beide hier in der Nähe und sind immer hier vorbeigekommen“, sagt Lukas Hömberg, der eigentlich einen Klimaanlagenbetrieb leitet und gemeinsam mit dem Oliver Langer das „Nola“ betreibt. „Das schien uns der ideal Standort für unseren Traum von einem Restaurant für neapolitanische Pizza“, ergänzt Oliver, der zuvor in zahlreichen Positionen in der Gastronomie gearbeitet hat. Mit dem Bezug zum Straßennamen machten sie Schluss und benannten ihr Lokal nach einer Stadt in der Nähe von Neapel, die bekannt für ihren Gemüseanbau ist. Dann bauten sie den Laden komplett um und verwandelten ihn in eine hübsche kleine, genauso zeitgemäß wie gemütlich wirkende Pizzeria. Die größte Herausforderung war der Einbau des Pizzaofens in den Gastraum. Gute zweieinhalb Tonnen wiegt das rustikale Stück, ebenfalls vom neapolitanischen Ofenbauer Stefano Ferrara. „Allerdings wird unser Ofen nicht mit Gas betrieben, sondern mit Holz“, meint Oliver. „Das erfordert viel mehr Fingerspitzengefühl.“

Dass sie nach der Eröffnung von „Nola“ im Herbst letzten Jahres den Restaurantbetrieb wegen der Pandemie gleich wieder einstellen mussten, war auf der anderen Seite auch eine Chance. Durch das Mitnahmeangebot im Lockdown konnten sie sich eine Stammkundschaft aufbauen, die jetzt umso lieber in den Laden kommt. Eine im Stadtteil verankerte Adresse, das ist schließlich ihr Ziel.

Aber eigentlich ist eine neapolitanische Pizza viel zu schade, um sie mit nach Hause zu nehmen und dort abgekühlt zu essen. Schließlich sind Lukas und Oliver als Pizzabäcker ausgebildet. Sie haben Kurse in Deutschland besucht und einen zertifizierten Pizzaiolo aus Neapel kommen lassen, bei dem sie sich in ihrem Betrieb weiterbilden konnten und der ihre Mitarbeiter, die aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis stammen, unterrichtete. „Wir haben auch einen Mitarbeiter, der vorher in Imbissen gearbeitet hat“, erzählen sie. „Der musste alles vergessen, was er vorher gemacht hatte.“

Auch der Teig im „Nola“ ist hausgemacht, hat mindestens eine Ruhezeit von zwölf, doch meistens sogar von 36 Stunden. Gebacken werden die Pizzen bei über 400 Grad in etwa einer Minute und warten natürlich mit dem schönsten „Leoparding“ auf. Auch die im „Nola“ verarbeiteten Produkte stammen aus Italien, allerdings kaufen Lukas und Oliver sie bei einem Großhändler für italienische Erzeugnisse. „Uns ist wichtig, dass alles übersichtlich bleibt“, meinen sie. „11 Pizzen, 3 Weine, 3 Biere und ein paar alkoholfrei Getränke: Viel größer soll unser Angebot gar nicht werden.“

Regelmäßig gibt es neue Pizzen auf der Karten. „Die kreieren wir selbst, nach unserem Geschmack“, erklärt Oliver. Die Hauspizza „Nola“ ist in klassischer Geschmackskombination mit Birnen, Walnüssen, Grogonzola und Olivenöl belegt, aber ohne Tomatensauce. Die Pizza, die ich zum Probieren bestelle, ist ganz neu und ohne Schnickschnack: mit der Fenchelbratwurst Salsiccia, fior di latte und Parmesan belegt – und hier selbstverständlich mit Tomatensauce. Und die ist besonders fein und von überzeugender Würze. Es sind nur passierte, leicht gesalzene Tomaten der Sorte San Marzano, von den Fratelli D’Acunzi mit der geschützten Herkunftsbezeichnung Pomodori S. Marzano Dell‘ Agro Sarnese-Nocerino DOP - vom Fuße des Vesuvs.

60 seconds to Napoli, Rüttenscheider Str. 199, 45131 Essen https://60secondstonapoli.de/
Nola, Emilienstraße 2, 45128 Essen, (am Isenbergplatz) https://bockauf.pizza/

Mittwoch, 14. Juli 2021

5 Jahre Bauernstube auf dem Buchholz-Hof: Tapasabend in Essen/Mülheim

Update 2025: In den Räumlichkeiten befindet sich seit 2023 die "Küche Bauernstube". https://kuche.website/

Update 2023: André Becker kocht seit August 2023 im Golfclub Haus Oefte in Essen-Kettwig. Klick hier.

Bodenständiger Luxus in der Bauernstube

Fünf Jahre ist es jetzt her, dass André Becker die „Bauernstube auf dem Buchholz-Hof“ übernahm. Zuvor hatte er als Koch am Grill im Essener „Bistecca“ und im kurzlebigen „Victor’s“ an der Bochumer Viktoriastraße die hohe Kunst des Edelsteak-Bratens zelebriert, doch schließlich fand er in der Restauration nahe des Essen-Mülheimer Flughafens seine kulinarische Heimat.

Der große Bauernladen des Buchholz-Hofes an der Meisenburgstraße in Essen Kettwig ist weitbekannt. Was aber nur wenige wissen: Sobald man in die Einfahrt zum Parkplatz abbiegt, befindet man sich auf Mülheimer Stadtgebiet. Fährt man ein paar Meter weiter, erreicht man eine große Reithalle mit der dazugehörigen „Bauernstube“.

André Becker hat gut Lachen.

André Becker hat hier in den letzten fünf Jahren aus der Verpflegungsstation für Pferdesportler ein Lokal mit bodenständiger Küche gemacht. Er bietet unprätentiöse, teils deftige Hausmannskost an, die er jedoch mit der Raffinesse eines Koches zubereitet, der in Spitzenrestaurants an der Ahr oder in Baiersbronn sein Handwerk erlernte. Das wissen seine Gäste zu schätzen. So hat er für die kommende Saison im Herbst allein 400 Bauerngänse vorbestellt, wohlwissend, dass er damit gar nicht auskommen wird.


Rinderrouladen, Sauerbraten und
Königsberger Klopse gibt es auch für Zuhause.

Neben der Alltagskost gönnt sich André Becker regelmäßig Menü-Abende wie etwa den „Tapasabend“, zu dem er am letzten Freitag den Genießer einlud. Tapas – diese Bezeichnung sollte man allerdings nicht ganz so ernst nehmen „Diese spanischen Häppchen sind doch immer dasselbe“, meint André Becker und lacht dabei so schelmisch wie der Fernsehmoderator Elton. So war der Tapasabend in Wirklichkeit Degustationsmenü in sieben Gangen plus Amuse Gueulle durch die europäische Küche, bei dem so edle Produkte wie Kaviar, Hummer, Trüffel oder Fleisch vom Galloway-Rind verarbeitet wurden, für knapp 70 Euro zu einem sensationellen Preis. Das kam völlig unprätentiös und tadellos zubereitet auf den Tisch, dass es eine Lust war, alles aufzuessen. Zumal man durch die Panoramascheiben eine luxuriöse Aussicht auf die Reithalle hatte, wo mehr oder wenig versierte Reiterinnen auf ihren Rössern die hohe Schule durchexerzierten.

Tapasabend
Bauernstube auf dem Buchholz-Hof, 9.7.2021

Vorweg ein Glas Champagner

Amuse Gueulle
Kaviar auf Blini mit Wachtelei


Carpaccio vom kanadischen Rinderfilet
mit 24 Monate gereiftem Parmesan

Der italienische Klassiker in bester Qualität.

Thunfisch-Tatar mit Melonensalsa

Eine ungemein erfrischende Produktkombination.

Spargelquiche mit Hummer

Die Quiche bestand nicht wie erwartet aus Mürbeteig, sondern aus Rührei. Zusammen mit Spargel und Hummer eine samtig-knackige Köstlichkeit.

Gnocchi mit frischem Trüffel

So edel ist italienische Küche im Ruhrgebiet.

Galloway-Burger mit Galloway-Currywurst

Ein unwiderstehlicher Gruß aus dem Ruhrgebiet.

Kalbsfilet in Portweinsauce, frischen Pfifferlingen und Kartoffelpüree

Klassisch gut und der Saison entsprechend.

Crème brûlée von der Kokosnuss

Ananas war auch noch dabei…

Küche Bauernstube, Am Buchholz 12, (Buchholz-Hof), 45470 Mülheim an der Ruhr. https://kuche.website/

Der Genießer bedankt sich für die Presse-Einladung.

Montag, 12. Juli 2021

Permakultur Ruhr Essen: „Bunte Beete“ auf der Bonnekamphöhe

Update 2026: Die diesjährige Saison beginnt am am Samstag, den 9. Mai. Das Café hat jeweils samstags ab 12 Uhr geöffnet.

Update 2025: Die diesjährige Saison beginnt am am Samstag, den 10. Mai. Das Café hat jeweils samstags ab 14 Uhr geöffnet.

Update 2024: Am 4. Mai beginnt die diesjährige Saison auf der Bonnekamphöhe und das Café hat jeweils samstags ab 11 Uhr geöffnet.

Update Sommer 2023: Die Bonnekamphöhe gestaltet den hinteren Teil des Geländes in einen Bildungs- und Workshopbereich um. Dort werden in Zukunft Projekte mit Kindern und Jugendlichen umgesetzt. Deshalb muss dort das Waldcafé weichen und wird sonntags nicht mehr stattfinden. Das Café ist nun in den vorderen Bereich bei der neuen Sitzlandschaft der Bunten Beete verlegt worden und hat unter dem Namen Gartencafé ab sofort samstags von 14-18 Uhr geöffnet. Herzhafte Speisen wird es nur noch zu besonderen Anlässen geben. Hier ein Bericht über das neue Gartencafé klick hier.



Neuzugang auf der Bonnekamphöhe: Svenja und ihre "Bunte Beete"

Gefeiert wird auf der Bonnekamphöhe eigentlich jedes Jahr. So entdeckte der Genießer den Zaubergarten im Herzen von Essen-Katernberg bereits vor vier Jahren, als er im Rahmen des Sommerfestes 2017 an einer Führung über das wildromantische Gelände teilnahm (klick hier). Dabei war der Permakultur-Garten damals schon über sechs Jahre alt. Mastermind des Projektes ist nach wie vor der Biologe Hubertus Ahlers, der seinerzeit das Potential des drei Hektar großen brachliegenden Areals im Essener Norden erkannte. Ursprünglich als Gemüsegarten für die Gastronomie in der naheliegenden Zeche Zollverein gedacht, wurde daraus bald eine Stiftung zur Umsetzung eines Permakultur-Projektes. In der Landwirtschaft bedeutet Permakultur, die ökologischen Kreisläufe der Natur nachzuahmen, etwas, was in der modernen Agrarwirtschaft weitgehend zu kurz kommt. Und so gestaltete Hubertus Ahlers im Rahmen eines Inklusionsbetriebs mit Unterstützung der Uni Essen die grüne Oase als Gemüsegärtnerei mit hydroponischer Bewässerung, Obstanbau und Arealen für Wildpflanzen. Alle diese Bereiche ergänzen sich und halten sich im biologischen Gleichgewicht, sorgen für Artenvielfalt und Austausch von Nährstoffen. Und das bemerkt man an den wunderbaren Produkten, die die Gärtnerei hervorbringt und die ein Beweis sind, was für eine Lebensmittelqualität in der Großstadt erzeugt werden kann.

Biologe und Bonnekamp-Mastermind Hubertus Ahlers

In diesem Jahr konnte auf dem Sommerfest das neuste Projekt der Bonnekampstiftung eröffnet werden, eine nachhaltige Gastronomie mit dem schönen Namen „Bunte Beete“. Zuständig dafür ist Svenja Kronauer mit ihrer mobilen Küche, dem „Beet-Mobil“. Hier wird sie Gemüse und Obst der Bonnekamphöhe verarbeiten. Neben haltbaren Produkten wie Marmelade, Chutneys, eingelegtes Gemüse, Sauerkraut, eingeweckte Suppen und Eintöpfe wird es auch ein frisches, rein pflanzliches Angebot zum Verzehr vor Ort oder zum Mitnehmen geben, z.B. bunte Salatmix mit Wildkräutern und essbaren Blüten, gute Deutsche Küche aus Omas Zeiten mit Fleischalternativen, Wraps in verschiedenen Variationen, ein Kaffee-und-Kuchen-Angebot, Smoothies und Limonaden. Dazu gehört auch das "Waldcafé" ein paar Schritte weiter mit selbstgebackenen Kuchen (Bericht klick hier).


Illustre Gäste auf der Bonnekamphöhe:
Berthold Bühler und Heinrich Wächter mit Hubertus Ahlers

Vor der offziellen Eröffnung am letzten Samstag gab es ein paar Tage zuvor eine Pressekonferenz, die sich jedoch als eine Art Pre-Opening-Paety mit einer illustren Gästeschar entpuppte. U.a. hatten sich zwei Urgesteine der Ruhrgebietskulinarik eingestellt, die beiden einzigen Köche, denen bislang der Titel „Bürger des Ruhrgebiets“ verliehen wurde: Berthold Bühler, der langjährige Patron des mit zwei Michelinsternen ausgezeichneten Restaurants „Résidence“ in Kettwig, und Heinrich Wächter, Vorsitzender des Köcheclubs Gelsenkirchen und Botschafter der Ruhrgebietsküche. Alle Gäste zeigten sich begeistert von der nachhaltigen und wildromantischen Idylle, die auf der Bonnekamphöhe geschaffen wurde.

Presserundgang im Schwarzkohlfeld

Auf dem Naschpfad


Die Kirschen in Nachbars Garten

Anzuchtstation

Ausruhstation

Welche Qualität die Produkte haben, die in der Gärtnerei erzeugt werden, bewiesen die kleinen Gerichte, die Svenja Kronauer in ihrem „Beet Mobil“ zubereitet hatte: verschiedene Dips und ein Salat, der an Vielseitigkeit nichts zu wünschen übrig ließ.

Frischer Gartensalat aus Mitsuna aus den asiatischen Braunsenfsorten, Brunnenkresse, Borretschblüten, Kapuzinerkressenblüten- und Blätter,marinierter Mangold, Mauretanische Malve, Ringelblume, Möhren „Purple Haze“ in lila-gelber Farbvariation, Blattsalate wie Salanova, Multigreen,Lollobiando und Lollorosso.
 

Salbei-Frischkäse mit Zwiebelgrün
Veganer Frischkäse, Sojajoghurt, leicht angebratener Salbei und Zwiebelgrün

Mangold-Hummus
Im Ofen gerösteter Mangold mit Olivenöl und Kreuzkümmel, gerösteter Sesammus (Tahini), Sojajoghurt, etwas Zitronensaft und Knoblauch 

Möhren Tomaten Dip
Lila Möhren vom Feld, Tomatenmark, Olivenöl, Zwiebelgrün, Cayenne Pfeffer, Thymian und Oregano
 
Gegrillte Zucchini
 

In der Obhut der Revier-Granden


Infos zu Bunte Beete, Feldernte, Restaurantzeiten, Führungen:
Permakulturstiftung Bonnekamphöhe
Bonnekamphöhe 8
45327 Essen-Katernberg
Immer Samstags 14-19

Urbane Landhausküche: Linsen-Couscous auf Ziegenjoghurt mit gebackenen Harissa-Möhrchen und gerösteten Mandeln (vegetarisch)


Eigentlich hätte man aus dem Bund Möhren, das Svenja von der „Bunten Beete“ den Teilnehmern der Pressekonferenz zur Eröffnung ihrer Gastronomie auf der Bonnekamphöhe in Essen (Bericht klick hier) mitgegeben hatte, ein deftiges Ruhrgebietsessen machen können, etwa Möhren durcheinander, so richtig lecker mit gekochtem Schweinebauch (klick hier). Doch das wäre mit dem Grundgedanken der von der Bonnekamp-Stiftung betriebenen Permakultur Ruhr im Herzen von Essen-Katernberg wohl nicht ganz kompatibel gewesen. Und so suchte ich im Internet nach einer vegetarischen Alternative und wurde schließlich mit diesem arabisch-orientalisch inspirierten Rezept fündig, um das in allerbester Bio-Qualität erzeugte Gemüse zu verarbeiten. (Und irgendwie passt die Herkunft des Gerichtes auch ganz gut in den Essener Norden.)


Svenja von der "Bunten Beete" auf der Bonnekamphöhe....


...gab uns ein paar Gemüsepröbchen aus dem Permakultur-Garten mit.

Allerdings wandelte ich es etwas ab. Als Grundlage für die Sauce nahm ich Joghurt von der Ziege, den man mittlerweile in jedem gutsortierten Supermarkt als Milchproduktalternative für Laktoseintoleranz geplagte Menschen bekommt. Wer Lust und Zeit hat, kann sich allerdings auch wunderbaren Ziegenjoghurt in Bioqualität auf den Ziegenhöfen in der Umgebung besorgen (klick hier), etwa in Castrop-Rauxel (klick hier). Auch verzichtete ich darauf, den Joghurt mit Tahini anzudicken. Eigentlich mag ich die Sesamaromatik sehr, aber die meisten dieser im Handel erhältlichen Pasten erinnern mich an muffige Erdnussbutter. Deswegen würzte ich die Sauce nur mit Zitrone, Minze und etwas Knoblauch.

Die Möhren rieb ich, wie im Rezept vorgesehen, vor dem Backen mit Harissa ein. Diese scharfe Chilipaste verpasste ihnen einen gehörigen Wumms, und für meinen Geschmack hätte ich etwas vorsichtiger sein können. Dabei hatte ich das Harissa schon mit ein paar Spritzern von dem Spitzen-Rapsöl der Kornkammer in Witten (klick hier) verdünnt.

Heraus kam jedenfalls ein leckeres, farbenfrohes und schwer gesundes Essen, zu dem ein selbstgemachtes Glas Ayran aus mit Wasser verdünntem Ziegenjoghurt und etwas Salz hervorragend schmeckte.


Rezept: Linsen-Couscous auf Ziegenjoghurt mit gebackenen Harissa-Möhrchen und gerösteten Mandeln (vegetarisch)

2 Portionen

Gebackene Harissa-Möhrchen:
6-8 Möhren, je nach Größe
1 EL Harissa (scharfe Chilipaste)
Rapsöl
Salz
Zucker

Möhren putzen, abschrubben bzw. schälen und das Grünzeug kürzen. In leicht gesalzenem und mit Zucker gesüßtem Wasser 5 Minuten blanchieren. Harissa mit etwas Rapsöl verdünnen und auf die Möhren auftragen. Möhren auf ein mit Backpapiere ausgeschlagenes Blech legen und im 200 Grad heißen Ofen 20 bis 25 Minuten backen.

Linsen-Couscous:
½ Tasse grüne Linsen
1 kleine Knoblauchzehe
1-2 Schalotten
Rapsöl
½ TL gemahlene Koriandersaat
1 Msp gemahlener Kreuzkümmel
½ Tasse Couscous
1 Tasse Gemüsebrühe
Pfeffer und Salz

Linsen in einem Sieb waschen. Knoblauch und Schalotten fein würfeln. Öl in einem Topf erhitzen, Knoblauch- und Schalottenwürfel dazu geben und anschwitzen. Linsen dazugeben, mit Koriandersaat und Kreuzkümmel würzen und kurz mitschwitzen lassen. Mit eine Tasse heißem Wasser auffüllen und in ca 25 Minuten gar kochen lassen. Ggf. Wasser dazugeben.
Couscous in eine Schüssel geben. Gemüsebrühe zum Kochen bringen, darüber gießen und gar quellen lassen.
Wenn die Linsen fertig sind, gequollenen Couscous dazu geben, vermischen und weiter ziehen lassen. Ggf. heiße Flüssigkeit dazu geben. Mit Pfeffer und Salz würzen.

Joghurtsauce:
250 g Ziegenjoghurt
Abgeriebene Schale von ½ Zitrone
Zitronensaft
1 Knoblauchzehe, gepresst
Gehackte Minzblätter
Pfeffer, Salz, Zucker

Joghurt mit Zitronenschale und -saft vermischen. Gepressten Knoblauchund gehackte Minze unterrühren. Ggf. mit Pfeffer, Salz und Zucker abschmecken.

Anrichten:
2 EL Minzblätter
2 EL Mandelsplitter

Joghurtsauce auf Teller geben. Couscous-Linsen darauf geben und mit den gebackenen Möhren belegen. Mit Minzblättern und gerösteten Mandelsplittern bestreuen.

Hier eine Variante des Gerichts mit türkischem Fladenbrot (klick hier).

Sonntag, 11. Juli 2021

Slow Food Bochum: Besuch der Bonnekamphöhe in Essen-Katernberg



Gestern wurde im Rahmen eines Sommerfestes bri der Permakultur Ruhr auf der Bonnekamphöhe in Essen die Gastronomie "Bunte Beete" eröffnet. Bonnekamphöhe-Mastermind Hubertus Ahlers führte die Slowfoodies aus Bochum über das wild-idyllische Gelände und klärte über den ökologischen und sozialen Hintergrund des Projektes auf. Anschließend spendierte Svenja Kronauer von der "Bunten Beete" einen Probiersalat.

Hubertus zeigt den Slowfoodies die Bonnekamphöhe
 
Svenja von der "Bunten Beete"

Montag, 5. Juli 2021

Urbane Landhausküche: Fregola mit Zucchini, Limetten, Minze und in Piment d' espelette-Butter gebratenen Sardinen. Eine neue lilafarbene Kohlsorte, eine Kreuzung aus Stielmus und Grünkohl, war auch dabei.


Lange Zeit war ich zwar bei Instagram angemeldet, hatte aber dieses soziale Netzwerk weitestgehend ignoriert. Bis ich vor drei Monaten auf die Idee kam, die Fotos, die sich in den 12 Jahren des Blog-Machens hier auf „Genussbereit“ angesammelt haben, auch dort zu veröffentlichen. Gleichzeitig entdeckte ich die unzähligen Fotos von professionell angerichteten Tellern, die dort gepostet wurden und die eine wunderbare Inspiration sind – auch ohne Rezepte dazu.

So fiel mir ein Foto aus einer toskanischen Trattoria ins Auge, bei dem ich dachte, das machst du nach: Fregola mit Zucchini, Minze und Sardinen (und einer launigen Bemerkung, dass man die sardische Nudelspezialität auch in der Toskana zubereiten kann.) Und nicht nur da. In meinem Küchenregal stand noch eine angebrochene Tüte mit Fregola von dem Bottarga-Artischocken-Gericht von neulich (klick hier), und an Sardinen mangelt es bei mir bekanntlich auch nicht. So hatte ich noch eine Dose bretonische, in mit Piment d‘espelette gewürzter Butter eingelegte Sardinen, die jetzt prima zum Einsatz kommen konnte.


Lilafarbiger Kohl vom Wochenmarkt.
Update 5.10.2023: Es handelt sich dabei um die Sorte Red Russian Kale,
auch Sibirischer Federkohl genannt.

Doch ich ging noch weiter. Auf dem Wochenmarkt war mir eine lilafarbene Kohlsorte aufgefallen, die mir der Gemüsehändler als eine Kreuzung aus Stielmus und Grünkohl anpries. Davon hatte ich ein Bund gekauft, und das musste jetzt weg. Also kam der farbenfrohe Kohl mit ins Gericht – wer es nachkochen will, aber keinen zur Hand hat, kann getrost normalen Grünkohl nehmen, oder um im Italienischen zu bleiben, auch Cavolo nero oder Cima di Rapa. Das schmeckt alles ähnlich.

Das fertige Gericht fand ich ziemlich klasse, urwüchsig und elegant zugleich. Dazu ein schöner trockener Weißwein – was will man mehr!


Rezept: Fregola mit Zucchini, Limetten, Minze, in Piment d'espelette-Butter gebratenen Sardinen und lila Kohl


150 g Fregola (kleine aus Sardinien stammende Nudelsorte)
200 g Zucchini
1 kleine Zwiebel
2-3 Knoblauchzehen
1 Limette, Saft und abgeriebene Schale
1 Bund Minzblätter
100 g lila Kohlblatter oder Grünkohl, Schwarzkohl, Cavolo nero oder Cima di rapa
Pfeffer, Salz
geriebener Pacorino oder Parmesan
Oliven- oder Rapsöl
1 Dose Sardines à poêler mit Piment d’espelette

Zucchini, Zwiebel und Knoblauch in kleine Würfel schneiden, die so groß wie die Fregola sind.
Schale einer Limette abreiben, die Frucht dann auspressen.
Kohlblätter in schmale Streifen schneiden.
Salzwasser für die Fregola zum Kochen bringen, dann die Nudeln in zwölf Minuten nach Packungsanweisung gar kochen.
In der Zwischenzeit in einer Pfanne das Öl erhitzen. Zwiebeln darin anbraten, Kohlblätterstreifen dazugeben und mitbraten. Zucchini und Knoblauch dazu geben und ebenfalls mitbraten. Limettensaft und –schale dazugeben, ein EL Nudelkochwasser dazugeben und bei geschlossenem Deckel schmoren lassen.
Geschlossene Dose Sardines à poêler in einem Sieb über die kochenden Nudeln halten, damit die Butter in der Dose schmilzt. Dose vorsichtig öffnen und die flüssige Butter mit den Sardinen in eine Pfanne geben. Sardinen in der Butter anbraten.
Wenn die Nudeln gar sind, mit einem Schaumlöffel aus dem Wasser heben und zu dem Gemüse geben. Kurz mitbraten lassen, evtl. mit Kochwasser geschmeidig machen. Sardinenbutter aus der Pfanne dazugeben und umrühren. Geriebenen Pecorino oder Parmesan unterrühren.
Nudeln mit Gemüse auf vorgewärmte Teller verteilen. Die gebratenen Sardinen darauf verteilen. Mit Pfeffer aus der Mühle und gehackten Minzblättern bestreuen.