Der ein oder andere Leser meines Blogs hat sich vielleicht darüber
gewundert, dass in den letzten zwölf Wochen kein neues Rezept mehr
auf Genussbereit erschienen ist. Das hatte einen guten Grund. Im Lauf
des letzten Jahres wurde in das Haus, in dem ich wohne, eine
Wärmepumpe eingebaut und aus diesem Anlass das ganze Gebaude
komplett saniert. Ende November kam auch meine Wohnung dran, und so
musste ich mit meiner gesamten Einrichtung interimsmäßig in die
Nachbarwohnung ziehen, damit die Handwerker in aller Ruhe die neue Heizung,
ein neues Bad, neue Fenster, neue Fußböden, neue Elektroleitungen
und v.a.m. einbauen konnten. Ende Januar konnte ich dann wieder
zurückziehen.
Noch aufgeräumt: Meine neue KücheIn diesem Zusammenhang nutzte ich die Gelegenheit, meine Küche
auszutauschen, die ich vor vierzig Jahren beim Einzug übernommen
hatte und die mittlerweile kurz vor dem Zusammenbruch stand. Das ging
dank meines Küchenmannes Herrn Rose aus der Nachbarschaft ziemlich
flott. Schon nach einer Woche konnte ich den neuen Induktionsherd und
den neuen Backofen in Augenhöhe nutzen. Doch etwas Postenswertes zu Kochen, dazu fühlte ich mich nicht in der Lage. Hatte ich in meiner
Interimswohnung nur zwei lahme Herdplatten zur Verfügung, auf denen
kaum das Nudelwasser zum Kochen gebracht werden konnte, hielt mich
nach dem Wiedereinzug die allgemeine Unordnung erst einmal davon ab. Doch letzten Sonntag war es endlich
soweit.
Pitigliano: Das kleine Jerusalem in der Toskana. (Mehr Bilder auf Facebook klick hier).Mein unfreiwilliges Exil zwischen unausgepackten Umzugskisten
hatte ich mir durch hemmungslosen Fernsehgenuss versüßt, und dabei war
ich auf die TV-Serie gestoßen, in der Jamie Oliver durch die
italienischen Regionen reist und landestypische Gerichte vorstellt.
In der Folge über die Toskana kam er gemeinsam mit seinem
italienischen Koch-Mentor Gennaro Contaldo auch nach Pitigliano, was
mich sehr interessierte. Auf Empfehlung von Ariane vom Blog „Tra
dolce ed amaro“ besuchte ich vor elf Jahren diese wunderschöne
Stadt auf den Tuffsteinhöhen der Maremma, die eine große jüdische
Tradition hat. Im Viertel „La Piccola Gerusalemme“ wollten wir
das jüdische Restaurant „Il Ghetto“ besuchen, aber das hatte
natürlich Ruhetag. Mit der Erkundung der jüdischen Küche wurde
also nichts, aber wir wurden in der Osteria „Il Tufo Allegro“
voll entschädigt, die damit warb, nur Produkte aus
Slow-Food-Presidii zu verwenden.
So freute es mich umso mehr, dass Jamie Oliver und Gennaro
Contaldo ein Gericht zubereiteten, das aus der Familie einer
jüdischen Dame in Pitigliano stammte: Jüdische Artischocken.
Eigentlich werden die carciofi alla giudia nach Rom verortet, wo
sie als lokale Spezialität angeboten werden. Ariane hat in ihrem
Blog „Tra dolce ed amaro“ einen schönen Post darüber
geschrieben (klick hier). Das Besondere an dieser Zubereitung ist,
dass die Artischocken zweimal gegart werden. Zuerst werden sie in
sanft simmerndem Öl weich gesotten, um dann noch einmal bei großer
Hitze knusprig frittiert zu werden.

In Pitigliano werden die Artischocken mit Rinderhack gefüllt.Auch die Jüdischen Artischocken nacht Art von Pitigliano werden
zweimal gegart; aber sie werden zuerst frittiert und anschließend
noch einmal in einer Tomatensauce fertig gezogen. Der grundlegende
Unterschied ist aber, dass sie noch mit Rinderhack gefüllt werden.
Für die Zubereitung braucht man die kleineren, flammenartigen
italienischen Artischocken, nicht die großen, teils kindskopfgroßen
runden von der Loire. Sie werden von den äußeren harten Blättern
befreit und in Lilienform geschnitten, der Stängel gekürzt und
geschält. Dann werden sie längs geviertelt und das Stroh im Innern
entfernt. Zum Füllen nimmt man eine kleine Portion Rinderhack und
drückt da die Artischockenviertel hinein, so dass wieder eine
geschlossene Blüte entsteht. (Auf Facebook finden sich Clips von
Jamie Oliver, in denen er das zeigt klick hier.)

Noch ist das Stroh in den Artischocken-Vierteln vorhanden.
Die Artischockenstücke müssen in Zitronenwasser aufbewahrt werden.
Gefüllt, paniert,...
...in Öl frittiert,...
...und in Tomatensauce gar gezogen.Erst war ich skeptisch, ob mir das gelingen würde, aber ich fand
es dann recht einfach. Das Zuschneiden funktionierte auch deshalb
so gut, weil ich vier ziemlich frische italienische Artschocken mit
noch weichen Blättern im Biosupermarkt gefunden hatte. Dass die
gefüllten Blüten beim Frittieren nicht auseinanderfielen, lag
sicherlich daran, dass das Rinderhack mit Ei gebunden war und das
ganze Ding noch mit Mehl und Ei paniert wurde.
Rinderhack, Kräuter, Chili und Eier: Zutaten für die Füllung
Dosentomaten, Kräuter, Stangensellerie, Knoblauch und Zwiebel:
Zutaten für die SauceFür die Tomatensauce und die Hackfüllung folgte ich dem Rezept,
wie es Jamie Oliver vorschlägt (
klick hier). Die eher herbe Tomatensauce mit
Zwiebeln und Stangensellerie passt sehr gut zur Artischocke, die nur
mit Chili, Basilikum und Petersilie gewürzte Rinderhackmischung wird
besonders Burger-Aficionados überzeugen. Aber letztendlich kann
jeder auch seine eigenen Versionen benutzen. Was mich wunderte war,
dass Jamie Oliver im Ursprungsrezept für sechs Artischocken die
Unmenge von 400 Gramm Hackfleisch angibt. Ich hatte für vier
Artischocken 250 Gramm, und davon blieb soviel übrig, dass ich noch
vier Fleischbällchen ohne Artischocken drumrum frittieren konnte.
Übrigens: Zuerst hatte ich die Idee, anstelle der
Rinderhackmischung meine Linsenzubereitung für vegane Polpette zu
verwenden (klick hier) und das Ganze so zu veganisieren. Doch dann
entschied ich mich doch aus Respekt vor der jüdischen Tradtion des Gerichts
für die Fleischversion.
Rezept: Jüdische Artischocken, gefüllt nach Art von PitiglianoErgibt 5 gefüllte Artischocken
Tomatensauce:
2 400 g Dosen geschälte Tomaten
1 Zwiebel
1
Zehe Knoblauch
1 Stange Sellerie
15 g frisches Basilikum
15
g frische glattblättrige Petersilie
Olivenöl
Pfeffer, Salz
Für die Tomatensauce Zwiebel, Knoblauch, und Selleriestange fein
würfeln. In einer größeren hochwandigen Pfanne Olivenöl erhitzen
und die Gemüsewürfel darin weich schwitzen, ohne dass sie Farbe
annehmen. Die Dosentomaten dazugeben und mit einer Gabel zerdrücken.
Mit ein bis zwei Konservendosen Wasser auffüllen und zum Köcheln
bringen. Basilikum und Petersilie hacken und dazu geben. Alles für
ca. 30 Minuten einkochen lassen. Mit Pfeffer und Salz abschmecken.
Artischocken:
4 italienische Artischocken
Saft einer
Zitrone
Eine Schüssel mit kaltem Wasser füllen und den
ausgepressten Saft einer Zitrone hinzugeben. Äußere harte Blätter
der Artischocken dicht am Stielansatz abbrechen oder abschneiden. Das
geht meiner Erfahrung nach am besten mit einer Schere. Mit einem
scharfen Messer die Blüte rundum in Lilienform spitz zuschneiden.
Stängel einkürzen und schälen. Die Artischocke längs vierteln.
Das Stroh über dem Boden mit einem scharfkantigen Löffel entfernen.
Artischockenviertel in das Zitronenwasser geben, damit sie nicht
anlaufen.
Fleischfüllung:
250 g Gehacktes vom Rind
1 getrocknete
Chili oder ein Prise Chiliflocken
1 Ei
15 g frisches
Basilikum
15 g frische glattblättrige Petersilie
Pfeffer, Salz
Chili fein hacken, dabei zu viele Kerne entfernen. Gehackte Chili
oder Chiliflocken mit Pfeffer und Salz unter das Hackfleisch mischen.
Ein aufgeschlagenens Ei untermischen. Basilikum und Petersilie fein
hacken und ebenfalls untermischen. Hackmischung in fünf Portionen
teilen.
Fertig stellen:
100 g Mehl
1 Ei
ca ½ l Pflanzenöl zum
Frittieren
Pflanzenöl in einem Tiopf auf ca 160 Grad erhitzen, d.i. Stufe
5.
In einem tiefen Teller ein Ei verkleppern. In einen anderen
tiefen Teller das Mehl geben.
Je eine Portion Hackmischung auf ein
Artischockenviertel geben, zwei andere Viertel dagegendrücken und so
eine gefüllte Artischocken formen.
Gefüllte Artischocken in
Mehl wälzen und dann im verklepperten Ei wenden. In das siedenden Öl
geben und 7 bis 10 Minuten frittieren, bis sie goldbraun sind. Aus
dem Öl heben, auf Küchenkrepp abtropfen lassen und in die
eingekochte Tomatensauce geben. Noch einmal 10 Minuten unter
gelegentlichem Wenden köcheln lassen.