Posts mit dem Label Sprockhövel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sprockhövel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 2. September 2014

Aus dem Archiv: Tante Anna - Experiment Menü „Surprise“

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2015".
Das Restaurant ist geschlossen, wird ab April 2025 jedoch unter einem neuen Inhaber mit einer veränderten Küche weitergeführt.


Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt – was als autoritäre Erziehungsmaxime früher so manchem Kind den Spaß am Essen verdarb, ist in heutigen Restaurants ein Versprechen von ungeahntem Genuss. Jedenfalls in guten. Denn da braucht man eigentlich gar nicht zu wissen, was es gibt, denn ein guter Koch sollte schließlich alles so zubereiten, dass es gut schmeckt.

Bei „Tante Anna“ jedenfalls flößte mir alles so viel Vertrauen ein, dass ich ohne Zögern des Menü „Surprise“ bestellte, das dienstags bis donnerstags im Angebot ist. Schon die weißen Fensterrahmen des schieferverkleideten Hauses an der Niedersprockhöveler Hauptstraße waren einladend, und als ich den etwas engen Eingangsbereich hinter mich gebracht hatte, kam ich in die romantisch verwinkelten, in elegant-lässigem Landhaus-Stil eingerichteten Gasträume. Bei den sommerlichen Temperaturen waren die Wintergartenwände aufgeklappt und gaben Weg und Blick frei auf einen nicht weniger eleganten Garten, in dem ein japanisch anmutender Springbrunnen mit den Gästen, die an den Tischen auf dem gepflegten Rasen saßen, um die Wette murmelte.

Und auch der Blick auf die Speisekarte belehrte mich, dass der langjährige Chefkoch Detlef Bündert, der auch nach der Übernahme des Hauses durch Jutta Vollmann am Herd steht, mit seiner durchaus raffinierten, aber grundsolide und ohne modischen Schnickschnack zubereiteten Frischeküche den Geschmack der Gäste trifft. Hausgebeizter Lachs mit Honig-Senf-Dillsauce, knusprigen Reibekuchen und Salat (12,50 Euro), Seeteufel in der Kartoffelkruste mit Rieslingsauce und feinem Gemüse (26,50 Euro) oder Irisches Ochsenfilet mit Whiskey-Pfeffersauce, Röstkartoffeln und Gemüsebouquet (29,50 Euro) versprachen Genuss ohne Reue, zumal die Teller, die an andere Tische getragen, auch sehr elegant angerichtet waren. Richtig luxuriös wurden die Gerichte etwa bei Filets vom Atlantik-Steinbutt mit Trüffelscheiben auf Nudeln und Gemüse (31,50 Euro). Zudem machte Spaß, den Kellner zu beobachten, wie er mit cooler Routine die Weinflaschen aus dem reichhaltigen Angebot am Tisch öffnete.

So ersparte ich mir die Qual der Wahl, bestellte das Überraschungsmenü und wurde nur gefragt, ob ich Fisch oder Fleisch zum Hauptgang wollte. Ich entschied mich für Fleisch, Fisch dürfte jedoch durchaus in der Vorspeise Verwendung finden.

Nach ein paar Scheiben Baguette mit einer leckeren Pesto-Zubereitung als Aufstrich kam die Überraschung Nummer 1: zarter Matjes mit hausgemachter Mayonnaisen-Joghurt-Sauce, die wunderbar mild war, nicht zu sauer und nicht zu zwiebellastig. Zum Hauptgang folgte Überraschung Nummer 2: Ein butterzart geschmortes Kalbsragout mit Morcheln, Pfifferlingen und Sommergemüsen. Dazu gab es hausgemachte Nudeln. Auch dieses unprätentiöse Gericht schmeckte ausgezeichnet und zeigte, wie man mit einfachen Mitteln den Gast glücklich machen kann. Dazu gab es einen französischen Merlot (0,2 l 6 Euro). Den Abschluss bildete schließlich eine Kugel Eis mit Früchten.

Das Experiment zu essen, was auf den Tisch kommt, war voll gelungen, vor allem auch, weil das Überraschungsmenü mit 29,50 Euro recht preisgünstig war. Und den Abend im angenehmen Ambiente von Tante Anna zu verbringen, hatte etwas von einem Urlaubstag direkt vor der Haustür.
-kopf

45549 Sprockhövel-Niedersprockhövel, Hauptstraße 58
https://www.tante-anna.info/

Montag, 1. September 2014

Aus dem Archiv: Habbel’s - Mitten ins kulinarische Herz

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2015".
Update 2024: Mittlerweile hat der Koch Sigurd Marmetschke das Restaurant gepachtet.


Ein schönes Beispiel dafür, dass der Ennepe-Ruhr-Kreis nicht nur das grüne Herz des Ruhrgebiets ist, sondern auch das kulinarische, ist die traditionsreiche Kornbrennerei Heinrich Habbel in Sprockhövel-Hasslinghausen. Michael Habbel hat das Familienunternehmen zu einem der führenden Betriebe dieser Art im Lande gemacht. Die Brände, Schnäpse und Liköre des bekennenden Anhängers des Slow-Food-Idee sind handwerkliche Spitzenprodukte, und seit klar ist, dass seine Tochter Michaela den Betrieb weiterführt, ist er auch wieder in die Whiskyproduktion eingestiegen. Denn das Herstellen dieser delikaten Spirituose ist eine langwierige, generationenübergreifende Angelegenheit.

Zur Brennerei gehörte schon immer eine Gaststätte, und auch die ist unter Michael Habbels Ägide vom Dorfgasthaus zu einem Spitzenrestaurant verwandelt worden – sichtbar nicht zuletzt an dem gläsernen Bistro, mit dem er vor einigen Jahren den historischen Bau erweitert hat. Mit seinen Küchenchefs versucht er, seine Idee von einer französisch und auch asiatisch inspirierten, regionalen Landhausküche zu verwirklichen. Vor einiger Zeit gewährte er dem österreichischen Spitzenkoch Christian Exenberger für kurze Zeit Asyl, doch der driftete zu sehr in Richtung Sterneküche ab. Jetzt leitet der Düsseldorfer Roland Rohm die Küchencrew und bringt eine elegante Bodenständigkeit auf die Teller, die auch von den Gästen aus der Nachbarschaft gewürdigt wird.

Das viergängige Menü aus einer „Matjestrilogie“, Kohlrabi-Süppchen, Bullentafelspitz und Brownie zum Dessert fand ich für moderate 39 Euro recht bestechend, doch die normale Karte enthielt einige Gerichte, die auch nicht ohne waren. So las sich der rohe Thunfisch mit Wassermelone, Fetakäse, Limette und Reis-Wasabi-Eis (16 Euro) so exotisch, dass ich nicht widerstehen konnte, ihn zu bestellen. Und ich tat recht damit: Die in acht Häppchen angerichtete Vorspeise war erfrischend, knackig und pikant, einfach großartig. Genauso mein Hauptgericht, ein Kotelett vom Duroc-Schwein auf Kartoffel-Erbsen-Stampf, farbenfroh dekoriert mit allerlei essbaren Blüten (18 Euro). Mehr als zwei Finger dick, in einer feinen Panade goldgelb ausgebraten, war es ein handfestes Erlebnis. Wie durch Butter ging das Messer durch das Fleisch, das zart und ungemein saftig auf der Zunge zerging. Dazu ließ ich mir eine fantastische australische Cabernet Sauvignon-Merlot-Cuvée „Wildcard“ von Peter Lehmann (0,2-l-Glas 7 Euro) empfehlen, und auch das war gut so. Denn die Lektüre der mehrere Folianten dicken Weinkarte mit über 1000 Positionen, die auf Michael Habbels privater Bordeaux-Sammlung basiert, hätte mich schlichtweg überfordert. Ähnlich wäre es beim Digestif gewesen, bei dem man ja aus der gesamten Produktion der Brennerei hätte schöpfen können. Auch da war ich froh, zu einem hausgemachten Pflaumenlikör eingeladen zu werden. Welche Qualität die hauseigene Produkte haben, war auch beim Dessert zu entdecken, einer mit Whisky parfümierten Schokoladenmousse mit Armagnacpflaumen, in die ich mich hätte hineinlegen wollen (8 Euro).
-kopf

45549 Sprockhövel-Hasslinghausen, Gevelsberger Straße 127
Fon 0 23 39. 91 43 12
Mi-Sa 18-22.30 Uhr, So 12-14.30 und 17-22 Uhr. Mo,Di geschlossen
https://habbel-restaurant.de/

Donnerstag, 19. April 2012

Ennepe-Ruhr-Kreis: Wiege der Ruhrgebietsküche

Hühner auf dem Archehof Ibing in Wetter

Der Artikel über die Kulinarik im Ennepe-Ruhr-Kreis, den der Genießer in der Zeitschrift "Revier für Genießer" veröffentlicht hat hat, ist jetzt auch im Internet-Portal "Der Westen" zu lesen. Klick hier.

Freitag, 11. November 2011

Aus dem Archiv: Eggers - Au Schweinebacke!

Der Text erschien erstmalig in "Bochum geht aus 2012"

Mein Gott, brummt dieser Laden! Wir haben Donnerstagabend, und es ist ein ständiges Kommen und Gehen, so dass die Bedienungen kaum Atem schöpfen können. Hotelgäste, Damenkränzchen, Ehepaare aus der Nachbarschaft gehen in den verwinkelten Gasträumen ein und aus, und vorn an der Theke erfüllt das Hotel-Restaurant Eggers auch noch die den Zweck als Dorfkneipe. In der Hektik fällt kaum auf, dass plötzlich meine Tischdekoration, eine elegante Rose mit allerlei Trockengrün, an der heruntergebrannten Kerze Feuer fängt und von meinem Tischnachbarn durch beherztes Darüberwerfen einer Serviette gelöscht wird. Das angekokelte Ding wird kurzerhand entfernt und weiter geht’s - business as usual.

Dirk Eggers hat es wie kein anderer im Ennepe-Ruhr-Kreis geschafft, die rustikale Bodenständigkeit der Region in kulinarische Höhen der Gourmet-Küche zu integrieren. Deutlich wird das in seinem Klassiker „Paella des Bergmanns“ (15 Euro), bei der er deftigen Grünkohl mit so ausgesuchten Köstlichkeiten wie Mettwurst, Speck, gebackenen Kalbfleischklößchen, gepökelter Schweinebacke, Gänsebratwurst und Blutwurst garniert – den süßen Senf-Dipp nicht zu vergessen.

Gelernt hat Dirk Eggers sein Handwerk im Hattinger Haus Kemnade und arbeitete dann im Goldschmieding in Castrop-Rauxel, um sich den Feinschliff u.a. bei Jean-Claude Bourgeuil im Kaiserswerther Schiffchen zu holen. 2012 kann er mit seinem Hotel-Restaurant in Sprockhövel sein 15-jähriges Jubliäum feiern. Seit 1999 hat er sogar die Weihen des Guide Michelin, den „Bib Gourmand“ für ein besonders gutes Preis-Leistungsverhältnis.

„Auf gut Deutsch“ ist das Motto seiner Küche, was aber nicht heißt, dass er nicht über den Tellerrand hinausblickt. Zum Entree, zwei Scheiben selbst gebackenes Brot, wurden mir beim Testbesuch neben einem Stück mit Grünkohl verfeinerter Mettwurst, Gänseschmalz und Kräutersalz auch mit Kreuzkümmel aromatisiertes Öl gereicht – ein Gruß an die aus Deutschland und besonders dem Ruhrgebiet nicht mehr wegzudenkende türkische Küche. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war Dirk Eggers Mitbegründer der Köchegruppe „ReVier“, für die er leider kaum noch Zeit hat, und seit neustem ist er auch Mitglied des Vereins „Westfälisch genießen“. So kommt es, dass er neben 120 anderen Postionen auch die exklusive Cuvée Roter bzw, Weißer Westfale des Pfälzer Weingut Bürklin-Wolf führt. Überhaupt macht er sich für den Wein in der Region stark und legte im vorigen Jahr den ersten Weingarten in EN an. Die dort wachsenden Tafeltrauben kommen natürlich in der Küche zum Einsatz.

Als Vorspeise hatte ich aus dem saisonalen Gänsemenü die Praline aus der Gänseleber (10 Euro) gewählt, eine wunderbar zarte Pastete, die in Pumpernickelbröseln gewälzt war und fast wie ein Schokoladenmousse-Trüffel aussah und schmeckte. Die Süße dieser Preziöse wurde durch ein Gelee aus Trauben aus eigenem Anbau konterkariert. Dazu gab‘s süßlich aromatisierte Kürbiskügelchen und in einer extra Schale winterlichen Rapunzelsalat mit einem warmen, vielleicht etwas zu schweren Speckdressing.

Geradezu sternverdächtig war dann das Hauptgericht: In Altbier und Senfsaat glacierte Schweinebacke auf dicken Bohnen in Thymian und dicken Bratkartoffeln (16 Euro). Butterzartes Fleisch, bei dem jede Faser auf der Zunge zerschmolz, dazu die pikante Aromatisierung mit Bier und Senf – einfach einzigartig. Und dazu die samtweichen dicken Bohnen, leicht säuerlich und gelegentlich von einem knusprigen Crouton begleitet. Denn Streit, ob man die dicken Bohnen nun mit oder ohne innere Pelle serviert, umging Dirk Eggers, indem er einfach so zarte junge Kerne einsetzte, bei denen die Pelle einfach nicht störte. Den Genuss wäre geradzu perfekt gewesen, wenn die Bratkartoffeln etwas weicher gewesen wären. Die krosse Kruste der dicken Dinger löste sich von einem Kern, den man leider nicht mit der Gabel zu einem idealen Saucenträger zerdrücken konnte, sondern dem man mit den Messer zu Leibe rücken musste.

Als Nachtisch bot Dirk Eggers eine Dreier-Variation von Schokolade und Öl an (9 Euro), deren Bestandteile auch einzeln zu bestellen waren. Da ich ahnte, dass so ein Drittel als Dessert völlig reichen würde, bestellte ich die Terrine von Vollmilchschokolade im Baumkuchenmantel mit Muskatnuss (3,50 Euro) und wurde voll bestätigt. Die drei dicken Scheiben waren wie ein Spiegelbild der Gänseleber-Praline der Vorspeise: zart, süß und betörend. Geradezu pfiffig war, wie das Walnussöl dazu gereicht wurde. Es befand sich in einer kleinen Pipette, wie sie Feinmechaniker bei ihrem diffizielen Handwerk beim Ölen benutzen, und konnte je nach Geschmack über die Schokoladenterrine geträufelt werden. Sie war natürlich schneller alle gedacht, so wohlschmeckend war der Inhalt.

-kopf

Hauptstraße 78, 45549 Sprockhövel. Tel. 02324-71780. Do-Mo 11:30 - 23.00 Uhr,  Küche  12:00 - 14:00 Uhr & 18:00 - 21:00 Uhr. https://www.eggers-sprockhoevel.de/

Freitag, 4. November 2011

Herbstvergnügen V: „Auf dem Brink“ in Sprockhövel

Das Restaurant ist geschlossen. 

Gestern, 17.45 Uhr, Dorfgasthof „Auf den Brink“ in Sprockhövel-Herzkamp. Die Dämmerung heimelt. Der Genießer fühlt sich wohl. Ein Slow-Food-Restaurant, wie es im Buche steht. Als Betreiberin Rositta Peloso erfährt, dass ich auch Mitglied dieser Vereinigung bin, bewirtet sie mich um so herzlicher, und auch Küchenchef Olaf Altenhain kann nicht umhin, sich vom Herd loszureißen und mit mir ein Viertelstündchen über die Ruhrgebietsküche zu plaudern. Soweit irgend möglich, werden die Zutaten seiner ausgezeichneten Landhausküche aus direkten Umgebeung bezogen. Obst und Gemüse kommen z.B. von den Windrather Höfen im nahen Velbert, die Forellen für die Vorspeise aus dem Felderbach, der durch die Elfringauser Schweiz rauscht. Aus den Burger Brezeln, einer Spezialität aus dem Örtchen Burg an der Wupper und von Slow Food als gefährdetes Lebensmittel in die „Arche des Geschmacks“ aufgenommen, hat Altenhain gleich ein ganzes Menü kreiert.
Der Genießer genehmigte sich ein wunderbares herbstliches Menü. Dazu gab's einen Spatburgunder vom Weingut Waßmer im Badischen.
 
Vorspeise: Gefüllte Felderbach-Forellenröllchen
auf Kohlgemüse

Hauptgang: Hasenrückenfilet auf
Zimt-Orangen-Peffersauce
und Kohl-Maronen-Roulade
und Kartoffel-Sellerie-Püree

Dessert: Armer Ritter mit Nougat,
confierter Ananas und Mandel-Joghurt-Sorbet

Freitag, 9. September 2011

Aus dem Archiv: Auf dem Brink - Geburtstag, Hochzeit und Weihnachten auf einmal


Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2012"
Das Restaurant gibt es nicht mehr.

Ganz im äußersten Zipfel des IHK-Bereichs Mittleres Ruhrgebiet, da, wo die idyllische Elfringhauser Schweiz ins Bergische Land übergeht und Wuppertal nicht mehr weit ist, liegt in Sprockhövel-Herzkamp der Landgasthof „Auf dem Brink“. Das schieferverkleidete Haus beherbergt nicht nur ein kleines Hotel, sondern auch eines der ambitioniertesten Restaurants der Region. Das heißt jedoch nicht, dass hier beim Ambiente cooles Design vorherrscht oder in der Küche nach irgendwelchen Sternen gegriffen wird. Küchenchef Olaf Altenhain und seine Lebensgefährtin Rositta Peloso, die den unprätentiös und gemütlich daherkommenden Landgasthof betreiben, haben sich als überzeugte Mitglieder der Genießer-Bewegung Slow Food ganz der regionalen Küche verschrieben.

Und das meinen sie bei allem Spaß am guten Essen ziemlich ernst. Die Produkte, die Olaf Altenhain in seiner Küche verarbeitet, stammen meist aus der nahen und nächsten Umgebung. So kommen Obst und Gemüse von den Bio-Höfen im Windrather Tal in Velbert, die Forellen aus dem Felderbach, der durch die Elfringhauser Schweiz rauscht. Aus der Burger Brezel, einer Spezialität aus dem bergischen Örtchen Burg (genau, das mit dem gleichnamigen Schloss an der Wupper) und als vom Aussterben bedrohtes Lebensmittel von Slow Food in die „Arche des Geschmacks“ aufgenommen, hat Olaf Altenhain ein eigenes Menü (4 Gänge, 35 Euro) kreiert und das Backwerk in so unterschiedliche Gerichte wie die westfälische Potthucke (à la carte 13,90 Euro) oder das italienische Tiramisu (à la carte 6,90 Euro) eingebaut. Zu gern hätte ich das Menü beim Testbesuch probiert, aber jetzt im Herbst musste es dem obligatorischen Gänsemenü von der Karte weichen. Dafür nimmt Altenhain natürlich die Gillbachtaler Freilandgans, ein Premiumprodukt aus dem Rheinland.

Doch selbst die lasse ich diesmal nicht auf meinem Teller landen, sondern mich interessiert der Feldhase, der mir von der Wildkarte als Rückenfilet auf Zimt-Orangen-Pfeffersauce (23,80 Euro) entgegenspringt. Früher war Hase ja eine eher anrüchige Sache, so dass er in der Gastronomie nur selten auf den Tisch kommt, aber bei Olaf Altenhain wird er zu einer zarten Versuchung. Die Sauce ist ein aromatisches Feuerwerk, und in die Beilagen möchte man sich hineinlegen. Geht das Kartoffel-Sellerie-Püree geschmacklich über seine Funktion als Saucenträger schon weit hinaus, so fallen bei der mit Maronen gefüllten Wirsingroulade Geburtstag, Hochzeit und Weihnachten schließlich zusammen. Ist das ein herrliches Schmausen! Mit einem Glas Spätburgunder von Fritz Waßmer aus dem Badischen verputze alles bis auf den letzten Rest, obwohl ich schon die gefüllten Felderbach-Forellenröllchen (11,80 Euro) als Vorspeise zur mir genommen habe. Füllung und Basis des zarten Fischs ist ein Sauerkraut aus Filderkraut, einer Spitzkohl-Varietät von der schwäbischen Alb, die ebenfalls von Slow Food geschützt ist. So üppig das Gericht auf dem Teller aussieht, so leicht und appetitanregend ist es durch seine wunderbare Säure.

Zum Dessert genehmige ich mir schließlich einen Armen Ritter (6,40 Euro). Doch arm sieht dieser süß-pikante Landedelmann überhaupt nicht aus, ganz im Gegenteil. Zu dem ausgebackenen Zwieback gesellt sich noch eine nicht zu süße Nougatfüllung, confierte Ananas. Den Helm bildet ein Mandel-Joghurt-Sorbet. Und der Schild sei auch nicht vergessen. Er besteht aus einem knusprigen Krokant-Plätzchen.
-kopf

Dienstag, 17. November 2009

Hotel-Restaurant Eggers: Paella des Bergmanns


Schon lange, bevor Dirk Eggers vom gleichnamigen Hotel-Restaurant in Sprockhövel Mitglied der Köchegruppe „ReVier“ wurde, hat er sich der Neuinterpretation traditioneller Ruhrgebietsküche gewidmet. Einer seiner Klassiker ist die „Paella des Bergmanns“ (14 Euro). So postmodern der Name klingt, der an das fröhliche Knappschaftsrentner-Dasein auf Malle erinnert, so traditionell ist das Gericht. Die Basis ist der gute alte westfälische Grünkohl, den aber nicht nur eine schnöde Bratwurst krönt, sondern eine kleine Schlachtplatte ganz besonderer Art: butterzarte Schweinebacke, knackige Entenbratwurst, pikantes Gänsekassler, herzhafte Mettwurst, gebratene Blutwurst und knuspriger Speck. Schon vor Jahren befand der Genießer, dass das zwar großartig, aber „nichts für magere Mädchen“ ist. Heute hatte er Gelegenheit, dieses Urteil zu bestätigen. Mannomann, war dat lecker! Zumal zum Grünkohl noch klasse Bratkartoffeln und ein sauguter süßer Senf-Dipp gereicht wurden. Als Vorspeise gab’s die „Gänsekraft-Brühe Asia“ (6 Euro), mit knackigen Juliennes aus Asia-Gemüse und raffiniert abgeschmeckt – der Sesam blieb in angenehmer Erinnerung. Zum Nachtisch dann wieder Heimisches: „Die Bergmannstrüffel – Variationen von der Backpflaume“, als Mini-Eis am Stiel, in einer süßen Teigtasche, einfach eingelegt, im Schlafrock (der eher ein knuspriges Baströckchen war) und als Sorbet (8 Euro). Man sollte wirklich öfter nach Sprockhövel fahren!
Übrigens: Die Köchegruppe „ReVier“ (Julius Meimberg, Mario Kalweit, Stefan Manier und Dirk Eggers) hat ihre Herbstsaison erfolgreich abgeschlossen. In Planung ist die Winteraktion ab Januar, deren Höhepunkt ein gemeinsames Menü am 31. Januar im Hotel-Restaurant Eggers ist.

Sonntag, 21. Januar 2007

Aus dem Archiv: Eggers - Nichts für magere Mädchen

Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2007/2008"

Jenseits der A43, wo mit den sanften Hügeln der Elfringhauser Schweiz das Westfälische ins Bergisch-Rheinische übergeht, liegt mitten in dem Dörfchen Sprockhövel-Niedersprockhövel das Hotel-Restaurant von Dirk Eggers. Die landschaftlich reizvolle Umgebung ist mit Ausflugslokalen reich gesegnet, doch Eggers ist sicherlich der anspruchsvollste Gasthof der Region. Nicht nur die Hotelgäste wissen das zu schätzen, hier finden in den verschiedenen, z.T. kleinen und verwinkelten Gastzimmern auch zahlreiche Familienfeiern statt, und selbst die anspruchsvollen Zungen des Gourmet-Vereins Slow Food wusste Dirk Eggers schon mit einem speziellen Menü zu verwöhnen. „Salon de Menu“ nennt er sein gut besuchtes Restaurant im Untertitel.

Eggers hat sich der regionalen Küche mit französischem Einschlag verschrieben, und das auf beachtlichem Niveau. Und so fällt dem Gast beim Studium der Karte die Wahl schwer. Soll er nun eines der Menüangebote wählen, etwa das Gourmetmenü (EUR 50) mit fünf variantenreichen Gängen von Ente über Jakobsmuschel bis Wildschwein auf Feigenrotkohl, das viergängige Saisonmenü (EUR 34), einen Streifzug durch die deutschen Regionen von Nord nach Süd und Ost nach West, oder die kräftig-deftigen Gerichte von der sog. Feinschmeckerkarte, die sich frisch zubereitet an den Produkten der Saison orientieren?

Ich war bereits im letzten Frühjahr in den Genuss eines Menüs mit zwölf (!) Miniatur-Gerichten in vier Gängen gekommen, das Eggers im Rahmen des „Menuekarussells“, einer alljährlich stattfindenden, zeitlich befristeten Aktion von Lokalen der Region, anbot (EUR 40). Das in seiner Präsentation fast asiatisch anmutende Potpourri an leckeren Häppchen zeigte deutlich, dass er das Handwerk der Haute Cuisine versteht, brachte aber die eifrige Bedienung ob seiner unüberschaubaren Vielfalt in arge Konfusion.

So wählte ich diesmal personalschonend die Hausmannskost und sollte es nicht bereuen. Als Amuse Gueulle wurde mir ein Töpfchen mit sündhaft leckerem Schweineschmalz serviert, süß-kräuterig angemacht mit knusprig ausgebratenen Grieben, daneben ein Löffelvoll köstliches Blutwurst-Steckrüben-Püree und ein Gläschen Wasabi-Erdnüsse, die durch ihre überraschende Schärfe wie kulinarische Knallfrösche wirkten - alles sicherlich nichts für Askese gewohnte magere Mädchen.

Als Vorspeise wurde eine Apfel-Sellerie-Suppe in einem kleinen Kaffeekännchen serviert, aus dem man sie in eine Tasse gießen musste, in der unter einer in Butter weich geschwitzten Apfelscheibe ein Stückchen geräuchertes Welsfilet schlummerte (EUR 5,90). Das war so originell wie lecker. Der Name des Hauptgangs ließ nicht nur mich, sondern auch die beiden Deko-Fasane und den holzgeschnitzten Jägersmann, die mir von der Fensterbank aus beim Essen beäugten, schmunzeln: „Paella des Bergmanns“ nannte sich das üppige Pfännchen (EUR 13,90), das dann aber eher an eine Elsässer Schlachtplatte erinnerte als an das spanische Reisgericht. Allerdings war die vegetabile Grundlage, die von so köstlichen Schlemmereien wie Mett-, Gelb- und Entenbratwurst, Schweinebacke, geräucherter Entenbrust und gebratenem Speck gekrönt wurde, nicht Sauerkraut, sondern herzhafter Grünkohl. Dazu erstklassige Bratkartoffeln und ein selbst angerührter Senfdip, und mir leuchtete die alte Bergmannsweisheit, dass wer hart arbeitet, auch gut essen muss, auf der Stelle ein. Als Restauranttester war ich ja auf Arbeit und langte also kräftig zu. Dazu, als Tribut an die Rheinische Lebensart, ein Alt – großartig.

Der Nachtisch war eigentlich unbeschreiblich: Ein warmer Pumpernickelpudding mit Rübenkraut-Buttermilcheis und Kirschen (EUR 7) zeigte einmal mehr, was für ein feines Produkt Pumpernickel ist. Kein noch so lockerer Schokoladenkuchen hätte dieser Kreation das Wasser reichen können.

-kopf

Hauptstraße 78, 45549 Sprockhövel. Tel. 02324-71780. Do-Mo 11:30 - 23.00 Uhr,  Küche  12:00 - 14:00 Uhr & 18:00 - 21:00 Uhr. https://www.eggers-sprockhoevel.de/

Mittwoch, 14. Juni 1995

Aus dem Archiv: Kar(l)töffelken

Der Text erschien erstmals in „Ausgehen im Ruhrgebiet 1996“.
Das Restaurant gibt es nicht mehr.

Noch in der letzten Ausgabe von „Ausgehen im Ruhrgebiet“ stand die „Rotisserie Landhaus Leick“ in Sprockhövel auf Platz 6 in der TOP TEN der exklusiven Restaurants im Ruhrgebiet, trotzdem schien sich die Grande Cuisine in der Tradition der Kochbuchautorin Henriette Davidis nicht mehr zu lohnen. Seit Februar 1995 wurde das „à la carte“-Programm der Rotisserie gestrichen, es wird nur noch zu besonderen Veranstaltungen groß´gekocht. Außerdem hat sich Michael Leick von seinem Küchenchef getrennt.

Der tatkräftige Juniorchef des traditionsreichen Gastronomieunternehmens setzt vielmehr auf das Konzept des „Karltöffelken“, eines Kartoffelhauses, das er im Garten der Leick’schen Villa seit einiger Zeit mit großem Erfolg betreibt. Die Villa, die bislang die Rotisserie beherbergte, soll umgebaut werden und ab Herbst 95 das „Karltöffelken“ aufnehmen. Das rustikale Gartenhaus, in dem sich das „Karltöffelken“ bisher befindet, ist mit seinen 40 Plätzen zu klein geworden. Michael Leick hat schon zu Künstlern Kontakt aufgenommen, die die neuen Räumlichkeiten gestalten sollen. Wenn alles fertig ist, soll es auch wieder ein kleines Gourmet-Angebot geben.

Auch im neuen „Karltöffelken“ wird sich alles um die Kartoffel drehen – von der Vorspeise bis zum Dessert. Als Spezialitäten sind „Kartoffel-Spaghetti“, „Kartoffel-Lasagne“ und „Kartoffel-Pizza“ geplant. Die im Sommer in dem wunderschönen Biergarten zu Füßen der Villa getesteten Kartoffel-Gratins waren ihr Geld wert. Sowohl der Lachs bei dem einen und die Sommertrüffel bei dem anderen setzten angenehme geschmackliche Akzente.
-kopf

Bochumer Str.67, 45549 Sprockhövel