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Samstag, 8. November 2025

Essen: Die Edel-Brennerei Reisetbauer zu Gast im La Grappa

Illustre Genussrunde im La Grappa

Die hohe Kunst des Food Parings

Die Brennerei Reisetbauer aus dem oberösterreichischen Axberg ist einer der exklusivsten Produzenten von edlen Spirituosen. Seit 1956 ist das Kirchdorfergut im Besitz der Familie Reisetbauer und wird mittlerweile in der dritten Generation geführt. Bio-Anbau, Nachhaltigkeit und Regionalität sind die Kriterien, nach denen hier konsequent gearbeitet wird.

Auf dem weitläufigen Hof werden vor Ort die Grundprodukte für die hochwertigen Spirtuosen produziert, der Obstanbau umfasst fast 17.000 Williamsbirn- und etwa 7000 Apfelbäume. Auf den Äckern und Feldern werden u.a. die Sommerbraugerste für den Single Mal Whisky oder der Weizen für den Vodka des Hauses angebaut. Einige wenige Produkte wie die Marillen werden von ausgewählten Produzenten dazugekauft.

Galt es zu verkosten: Die edlen Schnäpse von Reisetbauer

Um die landwirtschaftlichen Produkte auf allerbeste Art zu verarbeiten, wurde die Reisetbauer-Brennerei 2019 komplett erneuert und zur modernsten Brennerei Europas ausgebaut. Auch dabei waren Nachhaltigkeit und Enerigieautarkie des Produktionsprozesse die höchsten Maximen.



Weniger ist mehr:
Die kleinen Verkostungsgläser von Reisetbauer

Mehr als 20 edle Brände hat Reisetbauer im Portfolio, neben den Klassikern Williamsbirne, Marille oder Zwetschke auch solche „Exoten“ wie Karotte, Ingwer oder Quitte. In der Sonder-Edition „Brandstatt“ bringt Hansi jr. den Anspruch als Familienbetrieb besonders zum Ausdruck. Der „Reisetbauer & Son“ Single Malt Whisky, zwei Sorten Vodka, ein Superior Rum, ein XO Weinbrand und sogar eine Soja-Sauce aus regional angebauten Soja-Bohnen stehen ebenfalls auf dem Programm. 

Lukas Loos von Reisetbauer und Emrich Welsing begrüßen die Gäste


Neuerdings Cavaliere: Gastro-Legende Rino Frattesi


Ich hatte das Glück, an Allerheiligen an einer halbprivaten Verkostung einiger Reisetbauer-Produkte teilnehmen zu können. Der Essener Kommunikations- und Event-Manager Emrich Welsing und Lukas Loos, als Markenbotschafter für die Öffentlickeitsarbeit der Brennerei in Deutschland zuständig, hatten eine kleine Runde von Interessierten zu einem Food-Paring-Menü eingeladen, das beeindruckend zeigte, wie man die aromastarken Edelbrände mit exklusiven Gerichten kombinieren kann. Als gastronomischen Partner hatten sie Rino Frattesi vom Essener Spitzenitaliener „La Grappa“ gefunden. Die Gastrolegende, vor Kurzem noch mit dem italienischen Titel „Cavaliere“ (Ritter) für seine Verdienste um die italienische Gastronomie in Deutschland ausgezeichnet, brachte seinen ganz eigenen Charme in die Veranstaltung. Und die Gerichte, die er zu den Spirituosen servierte, waren überzeugend ausgewählt und brachten auf unnachahmliche Art die hohe Qualität der Schnäpse mit der luxuriösen Grandezza der La Grappa-Küche in Einklang. So wurde aus der Verkostung in der gemütlichen Enge des Edel-Italieners eine unvergesslicher Abend, bei dem es sich herrlich genießen und plaudern ließ.

Lukas schenkt ein, Sven von der Cocktailbar
Daktari ist erwartungsfroh



Il Menu

Reisetbauer Qualitätsbrand & La Grappa
1.11.2015, La Grappa 



Vodka Axberg & 
Geräucherter Balik Lachs, 
Baby Matjes, Mallossol Kaviar und Gänsestopfleber
Um die Regionalität des Premium Vodkas zu unterstreichen, benennt ihn Reisetbauer nach dem oberöstereichischen Heimatort der Brennerei, Axberg. Hier wächst das Basisprodukt für die Vodka-Produktion, die Weizensorte „Mulan“. Den Vodka mit russisch inspirierten Produkten zu kombinieren, ist klassisch und bot sich an. Balik Lachs ist die Spezialität eine Lachsräucherei in der Schweiz nach einem russischen Rezept. Mallossol ist die aus dem russischen stammende Bezeichnung für wenig gesalzenen Kaviar. Darüberhinaus präsentierte Rino noch weitere Edelprodukte: Gänsestopfleber und Baby Matjes. 



Williamsbrand & 
Jacobsmuschel Carpaccio, Auster Fine de Clair

Würzig und fruchtig kommt der der Williamsbrand daher, und ich möchte hinzufügen, mir kam er nicht so süß vor, wie ich es bei dem Grundprodukt Birne erwartet hatte. Die Kombination mit den Meeresaromen von Jakobsmuschel und Auster ergab eine überzeugende Aromenergänzung.



Karottenbrand & 
Linseneintopf mit Wild Gambas aus Nigeria, Risotto und Seeteufel in Hummerbisque
Eine Spirituose, die nach Karotte schmeckt, ist weit mehr als ein Kuriosität. Und sie passt natürlich hervorragend zu einem bodenständigen Gericht wie Linseneintopf. Um den Luxus nicht aus den Augen zu verlieren, gab Rino noch etwas Risotto und Seeteufel in Hummerbisque dazu – beides Gerichte, die ebenfalls mit der süßlichen Karotte harmonierten. 



Zwischendurch: Blaubeere mit altem Balsamico




Haselnussgeist & 
Gnocchi Giuliano, Parmesan Fondue, Perigord Trüffel
Gnocchi Giuliano, die Gnochi in Trüffel-Parmesan-Sauce, sind der Signature Dish vom La Grappa, nach denen sich die Fans auch auf den Essener Gourmetmeilen die Finger ablecken. Der aromastarke Haselnussgeist nahm die Herausforderung der selig machenden Umami-Bombe lässig an. 



Himbeerbrand & 

Löffel Gorgonzola al pepe verde, Grüne Pfeffer Sauce, Lammkotelett
Als Blauschimmelkäse präsentiert sich der Gorgonzola süßlich und buttrig, aber auch pikant und scharf. Das wurde durch die Leichtigkeit des Himbeergbrands mit seinem süßlich-zitronigen Aromenspiel wunderbar  ergänzt. Das Lammkotelett war da eine betörende Zugabe, zart und saftig, meisterhaft gebraten, vom Knochen zu lutschen wie ein Eis am Stiel. 



Ciambella alla Rino

Außer Konkurrenz präsentierte Rino ein neues Gericht für die Karte des La Grappa, eine große, mit Zucchini und der neapolitanischen Schmier-Salami Nduja schmackhaft gefüllte Nudel, die sich an das traditionelle Donut-ähnliche Geback Ciambella anlehnt.



Reisetbauer & Son Single Malt Whisky, Superior Rum &

Valrhona Schokolade Assortiment
Ist der Single Malt Whisky „Reisetbauer & Son“ der Idee verpflichtete, aus regionalen Produkten einen originären Österreichischen Whisky zu produzieren, ist der Superior Rum aus internationalen Zuaten ein Dokument der Weltoffenheit. Beide Spirituosen waren eine ideale Begleitung zu den Pralinen des Schokoladen-Spezialisten Valrhona. 




Mascarponecrème mit Pistazenlikör

Ebenfalls außer Konkurrenz lief dieses zweite Dessert.





Brennerei Reisetbauer. https://www.reisetbauer.at/
La Grappa. Essen-Südviertel, Rellinghauser Str. 4. Tel 0202. 23 17 66.
Mo-Fr 11.30-14.30 & 17.30-23.30 Uhr, Sa 17.30-23.30 Uhr, So geschlossen. https://www.la-grappa.de/

Der Genießer bedankt sich für die Einladung.
 
La Grappa im Genussbereit-Archiv
Rezension in "Ausgehen im Ruhrgebiet 1994/95" klick hier
Rezension in "Essen geht aus 2008/2009" klick hier
Gratulation zu Rinos 60. Geburtstag 2016 klick hier

Freitag, 24. Januar 2025

Neu in Essen-Rüttenscheid: Hugenpoet & Friends


2025 ist es 70 Jahre her, dass aus dem ehrwürdigen Barockschlösschen Hugenpoet im Ruhrtal ein Hotel wurde. Seit 1831 ist der vielfach um- und wiederaufgebaute Adelssitz, dessen Ursprünge bis ins frühe Mittelalter reichen, im Besitz der Familie Fürstenberg und diente zu Wohn- und musealen Zwecken - bis 1955 der legendäre Gastronom Kurt Neumann das gastronomische Potential des Kleinods im Kettwiger Ruhrtal erkannte, das Schloss pachtete und ein Hotel mit 19 Zimmern eröffnete. Seitdem hat das exklusive Haus die unterschiedlichsten Epochen erlebt, lange Jahre unter der Regie von Neumanns Sohn Jürgen und später von Michael Lübbert. Mit Erika Bergheim als Küchenchefin wurde dem Schloss für verschiedene Restaurantkonzepte sogar zweimal einen Michelinstern verllehen.



Sommelière Marion Nagel und Schlossherr Maximilian von Fürstenberg

Seit 2014 steht Maximilian Freiherr von Fürstenberg dem Unternehmen vor. Sein Küchenchef Dominik Schab, schon seit 2003 in der Schlossküche tätig, hat - neben der Verantwortung für die aktuellen Hugenpoet-Restaurants „1831“ und „Bistro in der Remise“ - auch eine eigene Feinkostreihe unter dem Label „Schlossgemachtes“ ins Leben gerufen. Neben feinen Konfitüren gibt es Spezialitäten von exklusivem „Hugenpoeter Schlossgartenhonig“ bis hin zur volkstümlichen „Hugenpoeter Currysauce“, neben schlossgemachtem Limoncello auch Hugenpoeter Hausabfüllungen edler Weine und Sekte von Korell, Hans Bausch, Robert Weil und St. Antony sowie Produkte von befreundeten Brennereien, Kosmetikherstellern und Olivenölproduzenten.




Schlossgemachte Feinkost ...
 
 


... und edle Weine

Und so wurde zum Jubiläum die Idee für einen Concept Store geboren, in dem diese Produkte auch im eigentlichen Essener Stadtgebiet angeboten werden. Der Standort war schnell gefunden. Zu den befreundeten Spezialitäten-Produzenten von Schloss Hugenpoet gehören auch die „Coffee Pirates“ in Essen-Rüttenscheid. Die mussten, weil das Kaffeerösten im dichtbesiedelten Stadtgebiet doch mit einiger Genussbelästigung einhergeht, die Produktion ihrer exklusiven Kaffeespezialitäten in ein Gewerbegebiet verlagern, und so wurde ein Raum neben ihrem Café auf der Rüttenscheider Straße frei. Und so entstand auf der RÜ das „Hugenpoet & friends“ als eine Mischung aus Feinkostladen, Weinbar, Weinshop und Deli. Eine ideale Gastgeberin dafür ist die Hugenpoeter Sommelière Marion Nagel, die schon als Restaurantleiterin in Björn Freitags „Goldenem Anker“ und als Sommelière in Sven Nöthels Sternerestaurant „Mod“ gearbeitet hat .


Das "Schmuckkästchen" auf der RÜ.
Im Angebot ist sogar Maßgeschneidertes eines bekannten Konfektionärs.

Nachdem „Hugenpoet & Friends“ schon seit einigen Wochen fürs Publikum geöffnet hatte, luden Marion Nagel und Maximilian von Fürstenberg letzten Montag zu einer kleinen Pressepräsentation in ihr kleines Schmuckkästchen. (Das kleine Lokal standesgemäß „Stadtpalais“ zu nennen, wäre zugebener Maßen etwas übertrieben.) Marion Nagel präsentierte die Weine des Hauses und eine Anzahl jener verführerischen Kleinigkeiten in Probiergröße, die als Business Lunch oder als Begleitung zum Wein serviert werden; vorbereitet werden sie in der Kettwiger Schlossküche und in Rüttenscheid gefinisht. Entzücken konnten mich die Stullen mit Gänse-Rillette oder vegan mit Rote Bete, Süßkartoffel-Paprika und Linsen-Dal, die Käseplatte von Kober mit den Sorten Wild & Blumig, Chällerhocker, Korbunder Ziege und Zwiebelmarmelade oder das Sauerteigbrot von der Dortmunder Naturbackstube Kreis. Begeistert war ich, als es sogar Bretonische Jahrgangssardinen in Butter gab.


I
Im Glas: Champagner Rose von Nicolas Feuillatte

Besonders amüsant war es, als Maximilian von Fürstenberg den Nachmittag zu einer extemporiereten Ausgabe einer Veranstaltung machte, die er regelmäßig im Schlosshotel Hugenpoet anbietet: „Der Baron plaudert aus dem Nähkästchen“. Temperamentvoll gab es zahlreiche Anekdoten aus seinem Leben als Schlossherr, Adelsspross und Waldbesitzer aus dem Sauerland zum Besten. 

 


Afterwork Party mit Medien
20.1.2025, "Hugenpoet & Friends"

Käse von Kober mit Zwiebelmarmelade

 

Sauerteigbrot aus der Naturbackstube Kreis in Dortmund



Curry-Zitronen-Süppchen zum Aufwärmen
 


Im Glas:
2022 Rheingau Riesling Traditione Edition Hugenpoet
Weingut Robert Weil, Rheingau
 

Stullen à la Hugenpoet


Eine Rarität. Bretonische Sardinen in Butter

 
Und natürlich Currywurst mit der schlossgemachten Sauce


Hugenpoet and Friends. Rüttenscheider Straße 218, 45131 Essen. 0201 63024605. Di-Sa
11 – 20 Uhr. https://hugenpoetandfriends.de/


Der Genießer bedankt sich für die Einladung.
Dank an Michael Alisch für die Organisation.

Sonntag, 3. November 2024

Essen: Krupp-Menü im Wirtshaus zur Heimlichen Liebe

Herbststimmung statt Aussicht: Empfangssekt an der Feuerschale

Es gibt im Rahmen der Ruhrgebietsküche, deren Historie in der Regel von den proletarischen Essgewohnheiten der Berg-und Stahlarbeiter geprägt ist, nur wenige Ereignisse, die in dem Bereich dessen angesiedelt sind, die man heute Fine Dining nennt. Eines davon war die Hochzeit der Industriellen-Erbin Bertha Krupp und des Diplomaten Gustav von Bohlen und Halbach, die im Oktober 1906 auf dem Krupp’schen Edel-Domizil Villa Hügel in Essen stattfand. Über mehrere Tage hinweg wurden damals in Anwesenheit des deutschen Kaisers an die 100 Gäste sowie eine ganze Armee von Bediensteten auf edelste Art verköstigt.



Eigens gelabeltes Tafelwasser

Aus diesem Gerichte-Fundus bot am letzten Sonntag das „Wirtshaus zur Heimlichen Liebe“ in Essen bereits zum fünften Mal das ein Krupp-Menü an. Schließlich hatte der Großvater von Berta Krupp, der Gussstahl- und Kanonenkönig Alfred Krupp, bei einer Wanderung den Ort hoch über dem Ruhrtal in der Gemarkung Baldeney entdeckt und ihn wegen seiner fantastischen Aussicht seine „heimliche Liebe“ genannt. Nicht weit davon entfernt begann er dann mit dem Bau seiner Villa Hügel. So kommt es, dass man von dem entzückenden Biergarten des heutigen „Wirtshauses“ eine spektakuläre Aussicht auf den Baldeneysee und die schlossähnliche Industrielle-Behausung hat - jedenfalls im Sommer und bei schönem Wetter. In Herbst und Winter, wenn es früh dunkel wird, versuchen die Wirtin Maren Romberg und ihr Küchenchef Thomas. Manschke, mit Events wie dem Hochzeitsmenü die Gäste zu locken.



Neben einem Grauen Burgen vom Weingut Bauer an der Mosel
wurden der porugiesische Pegos Claros und
die südafrikanische Bordeaux-Cuvée The Fifth Quarter ausgeschenkt.


Ob das Menü am letzten Sonntag auf eine historische-kritische Art und Weise tatsächlich den Luxus widerspiegelte, den es bei der Vermählung der reichsten Frau damals gab, sein einmal dahingestellt. Vielmehr war es mit seinem in der heutigen Zeit volkstümlichen Preis von 69 Euro für fünf Gänge eher Ausdruck einer knallharten Kalkulation, die Zutaten und handwerklichen Aufwand in Balance halten musste. Die Besucher des Ausflugslokals waren begeistert, nicht nur weil es ihnen schmeckte, sondern weil die Gerichte auch mit hübschen kreativen Ideen von heute serviert wurden.

Moderatorin Dr. Brigitta Hübner

Natürlich trug zum Gelingen des Abends auch der Vortrag der Gästeführerin, Archäologin und Ruhrgebietsspezialstin Dr. Brigitta Hübner bei, die mit zahlreichen Anekdoten aus der Geschichte der Familie Krupp die einzelnen Gänge verband.


Krupp-Menü
69 Euro
27.10.2024, Wirtshaus zur Heimlichen Liebe


Grüner Spargel mit Brüsseler Sauce
Wie ein hochherrschaftliches Salat-Bouquet sah der Eingangsgang nicht aus, sondern erinnerte eher an einen modernen Beilagensalat. Was eine „Brüsseler Sauce“ ist, konnte ich bei Recherchen im Internet und meinen Handbüchern nicht herausbekommen, die Salattunke schmeckte wie ein normales süßsaures Dressing. Normalerweise wird werden Gerichte nach „Brüsseler Art“ so genannt, wenn Rosenkohl dabei ist, auf Französisch „choux der Bruxelles“. Hier war grüner Spargel das Grundgemüse, was ich bei einer Rezeptvorlage aus dem Oktober 1906 verwunderlich fand. Aber vielleicht konnten sich die Krupps schon damals die Treibhaussegnungen von einem Frühlingsgemüse im Herbst leisten.


Kalte Bouillon in Tassen
Hübsch die Idee, den Gang als ausgelaufene Tasse zu servieren. Die Klaten Bouillon war eine gelierte Hühnebrühe, die leide etwas fad war und von einem Klecks Sahnerettich übertüncht wurde. Die Fleischeinlage bestand aus einem kleinen Röllchen.


Geflügelraugout auf ungarische Art
Auf das Ungarische an diesem Gericht wies die kleine Paprikaschote hin. Auf einer Basis von zerzupften Hühnerfleisch und recht harten Cerealien befand sich ein gefülltes frittiertes Fleischbällchen.



Hammelsteaks nach Renaissance
Heute würde man das Fleisch nicht Hammel nennen, sondern Lamm. Es war tadellos gbraten und mit deiner schmackhaften Kräuterkruste und viel Sauce versehen. Dazu gab es wunderbar zarte Nudeln.




Eisbombe mit Gebäck
Ob eine Eisbombe im Jahr 1906 wirklich ausgesehen hat wie der Helm eines Sturmtruppler aus „Star Wars“ und schon mit Mangosauce garniert war, weiß ich nicht. Jedenfalls war der Gang ein erfrischendes Dessert.


Wirtshaus zur heimlichen Liebe. Baldeney 33, 45134 Essen. Tel. 0201/435200. Di-Sa 12-22 Uhr. So & Feiertag 10-21 Uhr. Mo Ruhetag. www.heimliche-liebe.de/

Mittwoch, 25. September 2024

Neu in Essen-Rüttenscheid: C’era una volta


Jahrzehntelang war das Café Mondrian Treffpunkt für alle, die das urbane Leben im Essener Stadtteil Rüttenscheid genießen wollten, sei‘s bei einer Shopping-Pause, beim kleinen Business-Lunch oder ganz einfach nur beim gepflegten Müßiggang. Leider überlebte die gastronomische Institution die Covid-Zeit nicht, denn die Corona-Hilfen erreichten den Betreiber nicht rechtzeig. So musste das Café am 1. Januar 2022 schließen. Dass das Filetstück im RÜ-Karree an der Ecke Rüttenscheider-Dorotheenstraße nicht ungenutzt belieben konnte, schien klar. Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis der Essener Gastronom Franco Giannetti seine Vorstellungen als neuer Betreiber dort umsetzen konnte. Fehlende Baugenehmigungen aus früheren Zeiten, Probleme bei der Beschaffung von Material für den Umbau und andere Unwägbarkeiten verzögerten den Neustart an der exponierten Stelle. Doch im Augst war es endlich soweit – Franco konnte sein neustes Kind endlich eröffnen. Unter dem nostalgisch-sentimentalen Namen „C’era un volta“ – italienisch für „Es war einmal“ – entführt das Etablissement als Café, Bar und Erlebnisraum seine Gäste in eine märchenhafte gastronomische Welt voller italienisch inspirierter Genüsse.



Gastronom Franco Giannetti

Wie kein anderer Essener Gastronom schafft es Franco Giannetti, seine Restaurants als Erlebniswelten zu inszenieren. Geboren wurde der heute 55-Jährige in Duisburg-Hochfeld, wo seine Eltern, eine Privatköchin und ein Steinmetz aus Italien, ein Restaurant betrieben. Er machte eine Kochausbildung u.a. im legendären „La Belle Èpoque“ in Mülheim-Broich, wo er seine Bewunderung für die französische Küche entwickelte, wurde aber dann zu einem der wichtigsten Protagonisten, die Rüttenscheid zu einem Hotspot für italienische Küche im Ruhrgebiet machten – erst mit dem Bistro „Elysées“ (klick hier) und dem „Lucente“ und später dann mit der „Gastronomia Officina“. Heute umfasst sein Imperium sieben Restaurants verschiedener Ausrichtung, zwei Event-Locations und ein Catering-Unternehmen.

Betritt man einen seiner Läden, so fühlt man sich wie Captain Picard auf dem Holo-Deck seines Raumschiffs Enterprise. Das jeweilige Konzept ist wie bei einem Bühnenbild eines Hollywoodfilms auf den Punkt gebracht. Bei mir regten die Inszenierungen Francos und seiner Innenarchitekten jedenfalls sofort die Fantasie zu allerlei Kapriolen an, wie einige meiner Texte zeigen: die Reflektionen über edles Fleisch bei der Beschreibung des Grill-Rooms „Bistecca“ im Glückaufhaus (klick hier), die Mutmaßungen über die Authentizität von Risotto bei der von der Trattoria-ähnlichen „Gastronomia Officina“ in Bredeney (klick hier) oder das Schwärmen für den Pariser Charme im Post über „Paul’s Brasserie“ auf der Huyssenalle (klick hier). Dass die Texte teilweise über zehn Jahre alt sind, die Läden aber immer noch existieren, beweist, wie nachhaltig Francos Konzepte sind.



KI-generierter Wandschmuck

Der Himmel hängt voller Blumen



Surreale Märchenwelt: Pink Pelikan und Riesenerdbeere

Im „C’era una volta“ zelebriert Franco nun ein Märchenland, wie es auch die Welt von Barbie in dem Film-Hit vom letzten Jahr ist. Der Himmel hängt nicht voller Geigen, sondern voller Plastikblumen, erinnert aber auch an das Zitronendach des „Da Paolino“ auf Capri. Die großformatigen Screens an den Wänden zeigen ein cooles Model-Porträt wie aus der Discoära mit einem Blumendschungel auf dem Kopf und sind nach seinen Francos Vorstellungen KI-generiert. Der Schneewittchenspruch „Spieglein, Spieglein an der Wand“, allerdings in internationalem Englisch, verbindet Kindheitserinnerungen mit narzisstischer Selbstbespiegelung. „Die Idee zu alldem kam aus einer melancholischen Stimmung der Rückschau“, meint Franco kurz.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Tische mit klassischem Kaffeehaus-Charme

Und so sind natürlich auch die Versatzstücke da, die man mit der Café-Kultur verbindet; vor allem die kleinen Tische mit gusseisernen Belle-Epoque-Füßen und jenen dunklen runden Tischplatten, die für Pariser Cafés so typisch sind. Und nicht zu vergessen die gediegene Markise des edlen Außenbereichs, die von einer nostalgischen Scherengitter-Konstruktion gehalten wird und die Dorotheenstraße in ein Stück Montmartre, oder besser noch, in den Big Easy von New Orleans verwandelt.

The Big Easy in Rüttenscheid: Die Straßenterrasse

Letzten Donnerstag hatte Franco zu einer Pressekonferenz eingeladen, um seinen neusten Laden vorzustellen. Mit einer Reihe kleiner Probierportionen stellte er das Küchenkonzept vor, das italienisch geprägt ist. Bis 12 Uhr gibt es Frühstück (am Wochenende bis 13 Uhr), zum Lunch Hauptgerichte wie ein gereiftes Black Angus Steak vom Grill mit Pommes frites und Trüffelhollandaise, Doradenfilet alla pizzaiola oder Melanzane all parmigiana, aber auch verschiedene Vorspeisen und einige Pasta-Gerichte.

Großen Wert wird auf die, ich nenne es mal ganz profan, belegten Brote, die als Pinsa Romana, Crostone und Foccacia auf der Karte stehen. Sofern die Basis aus Sauerteig besteht, stammt dieser aus der direkten Nachbarschaft, der kultigen Blond Bakery von Lisa Scherpel. Belegt sind sie mit ausgesuchten italienischen Zutaten, die Franco selbst importiert, z.B. Büffel-Burrata aus Kampanien, Crucolo-Käse aus dem Trentino oder Pistazien aus dem sizilianischen Bronte.



Cocktailspezialist Denis Roscic von der "FCK Yoga Bar"

Aber das „C’era una volta“ ist auch eine Cocktailbar. Auch für dieses Angebot ist ein Spezialist aus der Nachbarschaft zuständig, Denis Roscic von der „FCK Yoga Bar“. Irritierend ist, dass es im „C’era una volta“ zwar Kaffeespezialitäten gibt, aber keine Torten oder Kuchen – vielleicht kommt das ja noch. Der Kaffee jedenfalls hätte es verdient, des handelt sich dabei um eine Spezialröstung, die es nur in Francos Restaurants gibt.
 
Pinsa, Costone, Focaccia etc.
19.9.2024, C'era una volta 
 

Hauswein mit Katze









Probierhappen: Feinste Pinsa, Crotone
und Focaccia mit erlesenen Auflagen


 



Essener Herausforderung:
Gefüllte Gnocchi in Trüffelsauce (natürlich hausgemacht)


Vitello tonnato


Steak mit Pommes und Trüffelmayo

Tiramisu
 

Porn Star Martini
aus Mile Vodka, Vanille, Maracuja
und Spumante Blanc de blanc im Pinnchen



C’era un volta. Rüttenscheider Straße 113, 45130 Essen. Tel. 0201/61563939. Mo-Do 9.30–22.00 Uhr, Fr, Sa 9.30 – 0 Uhr, So 10 – 21.30 Uhr. Zur Website hier klicken.


Der Genießer bedankt sich für die Einladung zur PK.
Dank an Michael Alisch für die Organisation.