Der Text erschien erstmalig in "Bochum geht aus 2024"
Im Bochumer Stadtteil Ehrenfeld kann man aufatmen. Nach drei Jahren Bauzeit werden
Ende Juni 2023 endlich die Arbeiten an der Riesenbaustelle Hattinger Straße
abgeschlossen sein. Dadurch bekommt nicht nur die Außengastronomie auf dem
Hans-Ehrenberg-Platz ihre Lebensqualität zurück. Durch den neuen Fußgängerübergang
und die Neueröffnung von zwei alteingesessenen Locations wächst auch der
Stadtteil wie historisch gewachsen wieder zusammen.
Von Peter Krauskopf
Man kann es sich gar nicht vorstellen. Die kleine
Straßenkreuzung am Nordrand des Hans-Ehrenberg-Platzes, an der die Szene-Wirtschaft
„Zum Grünen Gaul“ und die Eisdiele „I am Love“ liegen, war vor dem zweiten
Weltkrieg jener vielbefahrene Verkehrsknotenpunkt am südlichen Rand der Bochumer
Innenstadt, den heute die Riesenkreuzung von Königsallee, Hattinger- und Oskar-Hoffmann-Straße
am Schauspielhaus darstellt. Damals schwenkte die Hattinger Straße von
Südwesten kommend am heutigen Haus der Fleischerei Haarmann nach links, nahm
der heutigen Alten Hattinger Straße folgend den Verkehr von Pieper-,
Oskar-Hoffmann-, Diberg-, Ehrenfelder und Clemensstraße auf und ging dann durch
die „Mausefalle“ genannte Eisenbahnunterführung über den Konrad-Adenauer-Platz
weiter in die Kortumstraße. Postkarten aus dieser Zeit, die Lokalhistoriker
Dirk Ernesti gelegentlich auf Facebook präsentiert, zeigen mit prächtigen
Gründerzeithäusern, dem Hotel Westfälischer Hof oder dem Café Industrie eine
gewisse Kudamm-Atmosphäre.

Historisierende Deko in der Kleenen TockeDoch die Luftangriffe des zweiten Weltkriegs machten auch
hier im Ehrenfeld Tabula rasa, so dass beim Wiederaufbau Bochums in den
1950er-Jahren der Neuordnungsplan von Stadtbaurat Clemens Massenberg zum Tragen
kam. Der sah vor, nach der Beseitigung der Trümmer des 20-er-Jahre-Großkinos Lichtburg
und vieler anderer Häuser die Hattinger Straße in Richtung Schauspielhaus zu
verlegen. Dabei wurde der Fahrdamm, den kommenden Autoverkehr optimistisch
erwartend, highwayartig auf vier Spuren verbreitert, so dass er den Stadtteil
fast unüberwindlich in zwei Hälften teilte. Und viele der bestehenden Straßen
verloren ihre verkehrstechnische Bedeutung. So auch das kurze Stück der
Pieperstraße, das nördlich der neuen Hattinger übrig geblieben war. Der
Straßencharakter verschwand völlig, als hier 1979 der Zugang zur Haltestelle
Schauspielhaus der neugenbauten U-Bahn eröffnet wurde. 1983 wurde der
Straßenrest schließlich in Hans Ehrenberg-Platz umbenannt, nach dem Bochumer
Pfarrer, Nazi-Gegner und Mitbegründer der Bekennenden Kirche.
Nach ein paar Jahren entdeckte die Bochumer Szene den jetzt
eher kleinstädtisch wirkenden Stadtteil. Das boomende Bermudadreieck platzte
mittlerweile als größtes Kneipenviertel der Region aus allen Nähten, und so
suchte man nach alternativen Standorten. Es war die Schwulen- und Lesbenszene,
die hier mit ihren Clubs und Kneipen Pionierarbeit leistete. Doch auch Orlando,
Freibad und Coxx verschwanden wieder, so dass das Veranstaltungsmagazin
Coolibri vor fünf Jahren besorgt fragte: Ist der Hype vorbei? Doch dem war
nicht so. Rund um den Hans-Ehrenberg-Platz war mittlerweile ein Kiez mit einem
Gastronomieangebot entstanden, der den Charme eines Bochumer Prenzlauer Bergs hatte
und der sich durchaus als beständig zeigte. Doch die größten Herausforderungen
sollten noch kommen. Neben der Corona-Pandemie war das die Großbaustelle zur
Sanierung der Hattinger Straße, die 2020 begann und jetzt endlich fertig wird.
Das Bauvorhaben war notwendig geworden, weil die Entwässerung erneuert und die Fahrbahnen
aufgrund der gewünschten Verkehrswende zurückgebaut werden sollten.

Zum Grünen Gaul„Zum Glück liegen wir weit genug von der Hattinger Straße
entfernt, um keine großartige Lärmbelästigung zu haben“, meint Jana Steffan vom
„
Grünen Gaul“. „Aber viele Gäste haben Probleme, uns wegen der Absperrungen
überhaupt zu finden.“ Ein wirkliches Problem scheint das aber nicht zu sein,
denn das Restaurant ist ausgebucht wie immer. Ohne Reservierung ist hier am
frühen Freitagabend kein Platz zu bekommen – die herzhaft-kreativen Gerichte und
die vorzügliche Weinkarte sind äußerst beliebt. Vor fünf Jahren hatte der
Livingroom mit der Gründung des Gauls die Räumlichkeiten des ehemaligen Orlando
in seine Restaurant-Familie einverleibt und dem kränkelnden Ehrenfeld damit
neuen Lebensmut eingehaucht. In diesem Jahr nimmt der Gaul sogar erstmalig an
der Gourmetmeile „Bochum kulinarisch“ teil.
Auch die Stammgäste der Butterbrotbar, die als Tages-Bistro
schon seit Jahren einen modernen, frischen Mittagstisch anbietet, und besonders
die der Eisdiele „I am Love“ lassen sich von den Unwirtlichkeiten des Baustelle
nicht irritieren und nutzen die Freisitze auf dem Hans-Ehrenberg-Platz in
Erwartung warmer Sonnenstrahlen. Vor über einem Jahrzehnt eröffneten Kevin Kuhn,
Julia Bernecker u.a. die Eismanufaktur unter dem Namen Kugelpudel, doch schon
bald kam es zur Trennung. Während Julia unter gleichem Namen an den Kortländer
am Rand der nördlichen Bochumer Innenstadt zog, nannte Kevin den Ehrenfelder
Laden in „I am love“ um. Beide sind heute jeweils Stammhäuser für kleine Eis-Imperien
mit Filialen in verschiedenen Ruhrgebietsstädten. Zudem können Bochumer die
extravaganten, z.T. veganen Eiskreationen von „I am love“, die in einem Labor
in der Rombacher Hütte hergestellt werden, auch in Linden schlecken. Und
neuerdings kann man den Schriftzug „I am love“ auch ein paar Schritte entfernt
vom Stammhaus über dem ehemaligen kleinen Teeladen an der Schauspielhauskreuzung
lesen.

Pizza bei PizzaAuf ihre Stammkundschaft können auch Michail Grabarovsky und
seine Partnerin Natalie mit ihrem Imbiss mit dem prägnanten Namen Pizza setzen.
Ihre Pizzen nach neapolitanischem Rezept gehören zweifellos zu den besten der
Stadt. Der Teig geht tagelang auf, die Auflagen sind exquisit, und im original
neapolitanischen Pizza-Ofen werden sie sehr heiß in jenem Leoparden-Look
gebacken, der jeden Pizza-Aficionado so fasziniert. Es ist fast zu schade, die
herrlichen Dinger im Stehen bzw. auf niedrigen Bierbänken oder anderen
Sitzmöbeln draußen im hergewehten Baustellenstaub aus der Hand essen zu müssen,
aber das scheint keinen stören. Bei der Frage nach der Baustelle zuckt Michail
stoisch mit den Achseln. Das beträfe eigentlich nur die, dir direkt an der
Hattinger Straße lägen – wie etwa seine Bar Mischka, die er seit einiger Zeit
in den Räumlichkeiten der ehemaligen Kneipe „Zum Warsteiner“ an der
Schauspielhaus-Kreuzung betreibt. Der breite Bürgersteig würde zwar viel Platz
für einen Außenbereich bieten. „Aber wer will schon direkt neben einer
Großbaustelle sein Bier trinken?“, fragt er. Probleme macht die Baustelle auch
dem Pizza-Pendant Burger, das er in einem Container ein paar Schritte weiter in
einem Container betreibt. Dass die Laufkundschaft, die sich hier verpflegen
könnte, nicht gerne stehen bleibt, wird sich wohl erst dann ändern wenn die
Baustelle fertig ist.
Ob die neuen engen Bürgersteige, die an der Hattinger Straße
entstehen, für Fußgänger wirklich attraktiv sind, sei einmal dahingestellt. Ein
großer Fortschritt ist aber der neue Fußgängerübergang über die Hattinger
Straße, der dem historischen Verlauf der Pieperstraße folgt. Durch den Rückbau
der breiten Straße in einen Autofahrstreifen und einen Radweg pro Fahrtrichtung,
einem breiten Mittelstreifen und einer Ampel wird die Überquerung der
vielbefahrenen Straße wesentlich vereinfacht. (Ob das den Autofahrern gefällt,
die die große Ausfallstraße nutzen müssen, ist eine andere Frage.)
Blickt man hier vom Hans-Ehrenfeld-Platz in die Pieperstraße,
merkt man jetzt erst so richtig, wie nah eigentlich der Teil Ehrenfelds südlich
der Hattinger Straße ist. Der Filiale von „Bäcker Peter“, die vor gar nicht
langer Zeit in den Räumlichkeiten des ehem. Schuhhauses Dömer eröffnet wurde,
liegt wie Skylla der Charybdis eine große Filiale der Bäckereikette
Schmidtmeier gegenüber. Auch dort wird man froh sein, wenn die Baustelle weg
ist, hatte man auf dem zum Vorplatz der St.-Meinolphus-Mauritius-Kirche
verkehrsberuhigten Ende der Pieperstraße einen großen Außenbereich eingerichtet,
auf dem z.B. die Nachbarschaftsfeste des Vereins „Ehrenfelder Miteinander“
stattfanden. Der kann jetzt wiederbelebt werden.
Und man merkt, wie nah es eigentlich zu einer Ikone der Ehrenfelder
Gastronomie ist, der Aubergine. Denise Ostrop zog vor über zwanzig Jahren mit
ihrem Restaurant aus Altenbochum hierher. Ihre Mutter Gisela hatte zuvor das
kurdisch-westfälische Restaurant Kokille in der Innenstadt betrieben, und
gemeinsam versorgten sie nun das kulturell beflissenene Publikum des nahen
Schauspielhauses mit feiner mediterraner Küche. Vorher war hier eine Eckkneipe,
die Gisela Ostorp als Treffpunkt der Ehrenfelder SPD kannte, und ein
chinesisches Restaurant, das so gar nicht zu repräsentativen Architektur im von
den Knappschaftsgebäuden geprägten Umfeld des südlichen Ehrenfeldes passte. Bis
heute hat sich dieser überzeugende Küchenstil der Aubergine kaum geändert,
zumal Denise Ostorp großen Wert auf nachhaltig produzierte Zutaten legt. Dass
die Aubergine mit ihrem Angebot quasi die Gastro-Legende „Alt Nürnberg“
beerbte, war den Damen damals nicht bewusst. Dieses Lokal an der
Schauspielhauskreuzung war vierzig Jahre lang das Aushängeschild für feine
Küche in Bochum und schloss Anfang der 2000-er Jahre – aus kaum
nachvollziehbaren Gründen wurde die Location in 1-A-Lage seitdem nie wieder
verpachtet
Wenn man von der Aubergine ein paar Schritte Richtung
Königsallee geht, kommt man zum William-Shakespeare-Platz, unter dem seit den
1980-er Jahren das Parkhaus des Schauspielhauses schlummert. Pfiffig wie man
war, krönte man diese verkehrstechnischen Katakomben mit einem
Backsteinhäuschen, das sich gastronomisch nutzen ließ, und unter dem Namen
Biercafé eine Legende in der Ehrenfelder Gastronomie wurde. Anfangs wurde es
von den Leuten des Mandragora, einer der Wurzeln des Bermudadreiecks,
betrieben, später von Thomas Meyer. Seit 2010 prägte dann Rüdiger „Bolle“ Boldt das Image als stilvolle Kneipe für
den kulturbeflissenen Biertrinker. Die Corona-Zeit überlebte das leider Biercafé
nicht.
Doch nun hat sich eine Lösung gefunden. Hayri Nargili, der
an der Hunscheidtstraße den Kiosk „Zum Philosophen“ betreibt, will mit seinem
Partner Bilal Balyemez das Biercafé weiterführen - allerdings nach seiner
Philosophie. Tatsächlich hat er allerlei Geisteswissenschaften studiert, kam
aber dann auf die Die, sich dem realen Leben zuzuwenden. Er übernahm den Kiosk
im Ehrenfeld, der sich schon rasch zu einem soziokulturellen Zentrum im
Stadtteil wandelte, an dem sich Kinder ihre Klümpkes kaufen können und Eltern
ihr Bierchen. Beim neuen Biercafé schwebt ihm Ähnliches vor. Auch das soll ein
Kiosk werden, bei dem Bierspezialitäten durchs Fenster verkauft werden. Aber
dennoch soll es auch eine Innengastronomie haben, in der kulturelle
Veranstaltungen stattfinden können. Und es soll „KultUr-Café Zum Philosophen“
heißen. Doch bis es soweit ist, wird es wohl noch etwas dauern. „Das Gebäude
muss erst grundsaniert werden“, sagt Hayri.
Damit die Zeit bis dahin nicht zu lang wird, haben sich
Hayri und Bilal vorgenommen, noch in diesem Mai in den Räumlichkeiten des
ehemaligen Rimini direkt an der Hattinger Straße das Restaurant „Kleene Tocke“
zu eröffnen. Den Namen haben sie gemeinsam mit dem Bochumer Lokalhistoriker und
Postkartensammler Dirk Ernesti gefunden. „Tocke“ sei, so Hayri, ein
mundartlicher Name für Ehrenfeld und beziehe sich darauf, dass der Stadtteil
früher so klein gewesen sei. Man kann aber auch soekuliern, dass es einfach
eine freie Assoziation über den Begriff „Tacos“ sein könnte. Diese mexikanische
Spezialität sollte in dem Laden, unterstützt von einer großen Fassadenschrift, nach
der Schließung der Pizzeria Rimini verkauft werden, was aber nur kurz gelang.
Dennoch hat die Location eine lange gastronomische Geschichte im
wiederaufgebauten Ehrenfeld. Das Rimini war, ähnlich wie das „Alt Nürnberg“ ein
paar Schritte weiter, fast ein halbes Jahrhundert eine gastronomische
Institution an der Schauspielhauskreuzung.


Kleene Tocke
Eine Art türkisch inspirierte Heimatküche will Haiyri in der
„Kleenen Tocke“ anbieten. Dass er dabei Mischkas Burger-Container direkt vor
der Nase hat, stört ihn weiter nicht. „Obwohl“, so sinniert er, „vielleicht
wäre es besser, dort Döner zu verkaufen.“
Dass zur Eröffnung der „Kleenen Tocke“ die Großbaustelle auf
der Hattinger Straße verschwinden wird, ist wie für alle Gastronomen im
Ehrenfeld ein wahrer Segen. Hoffen wir, dass dann der neue Fußgängerübergang
die beiden Hälften des Stadtteils miteinander zusammenführt. Die Verbindung vom
ehemaligen Rimini und dem ehemaligen Biercafé durch die gemeinsamen Betreiber
ist da ein schöner Anfang.