Dienstag, 2. Mai 2023

Aus dem Archiv: Bochum-Ehrenfeld - Es wächst zusammen, was zusammen gehört

Der Text erschien erstmalig in "Bochum geht aus 2024"

Im Bochumer Stadtteil Ehrenfeld kann man aufatmen. Nach drei Jahren Bauzeit werden Ende Juni 2023 endlich die Arbeiten an der Riesenbaustelle Hattinger Straße abgeschlossen sein. Dadurch bekommt nicht nur die Außengastronomie auf dem Hans-Ehrenberg-Platz ihre Lebensqualität zurück. Durch den neuen Fußgängerübergang und die Neueröffnung von zwei alteingesessenen Locations wächst auch der Stadtteil wie historisch gewachsen wieder zusammen.

Von Peter Krauskopf

Man kann es sich gar nicht vorstellen. Die kleine Straßenkreuzung am Nordrand des Hans-Ehrenberg-Platzes, an der die Szene-Wirtschaft „Zum Grünen Gaul“ und die Eisdiele „I am Love“ liegen, war vor dem zweiten Weltkrieg jener vielbefahrene Verkehrsknotenpunkt am südlichen Rand der Bochumer Innenstadt, den heute die Riesenkreuzung von Königsallee, Hattinger- und Oskar-Hoffmann-Straße am Schauspielhaus darstellt. Damals schwenkte die Hattinger Straße von Südwesten kommend am heutigen Haus der Fleischerei Haarmann nach links, nahm der heutigen Alten Hattinger Straße folgend den Verkehr von Pieper-, Oskar-Hoffmann-, Diberg-, Ehrenfelder und Clemensstraße auf und ging dann durch die „Mausefalle“ genannte Eisenbahnunterführung über den Konrad-Adenauer-Platz weiter in die Kortumstraße. Postkarten aus dieser Zeit, die Lokalhistoriker Dirk Ernesti gelegentlich auf Facebook präsentiert, zeigen mit prächtigen Gründerzeithäusern, dem Hotel Westfälischer Hof oder dem Café Industrie eine gewisse Kudamm-Atmosphäre.



Historisierende Deko in der Kleenen Tocke

Doch die Luftangriffe des zweiten Weltkriegs machten auch hier im Ehrenfeld Tabula rasa, so dass beim Wiederaufbau Bochums in den 1950er-Jahren der Neuordnungsplan von Stadtbaurat Clemens Massenberg zum Tragen kam. Der sah vor, nach der Beseitigung der Trümmer des 20-er-Jahre-Großkinos Lichtburg und vieler anderer Häuser die Hattinger Straße in Richtung Schauspielhaus zu verlegen. Dabei wurde der Fahrdamm, den kommenden Autoverkehr optimistisch erwartend, highwayartig auf vier Spuren verbreitert, so dass er den Stadtteil fast unüberwindlich in zwei Hälften teilte. Und viele der bestehenden Straßen verloren ihre verkehrstechnische Bedeutung. So auch das kurze Stück der Pieperstraße, das nördlich der neuen Hattinger übrig geblieben war. Der Straßencharakter verschwand völlig, als hier 1979 der Zugang zur Haltestelle Schauspielhaus der neugenbauten U-Bahn eröffnet wurde. 1983 wurde der Straßenrest schließlich in Hans Ehrenberg-Platz umbenannt, nach dem Bochumer Pfarrer, Nazi-Gegner und Mitbegründer der Bekennenden Kirche.

Nach ein paar Jahren entdeckte die Bochumer Szene den jetzt eher kleinstädtisch wirkenden Stadtteil. Das boomende Bermudadreieck platzte mittlerweile als größtes Kneipenviertel der Region aus allen Nähten, und so suchte man nach alternativen Standorten. Es war die Schwulen- und Lesbenszene, die hier mit ihren Clubs und Kneipen Pionierarbeit leistete. Doch auch Orlando, Freibad und Coxx verschwanden wieder, so dass das Veranstaltungsmagazin Coolibri vor fünf Jahren besorgt fragte: Ist der Hype vorbei? Doch dem war nicht so. Rund um den Hans-Ehrenberg-Platz war mittlerweile ein Kiez mit einem Gastronomieangebot entstanden, der den Charme eines Bochumer Prenzlauer Bergs hatte und der sich durchaus als beständig zeigte. Doch die größten Herausforderungen sollten noch kommen. Neben der Corona-Pandemie war das die Großbaustelle zur Sanierung der Hattinger Straße, die 2020 begann und jetzt endlich fertig wird. Das Bauvorhaben war notwendig geworden, weil die Entwässerung erneuert und die Fahrbahnen aufgrund der gewünschten Verkehrswende zurückgebaut werden sollten.


Zum Grünen Gaul

„Zum Glück liegen wir weit genug von der Hattinger Straße entfernt, um keine großartige Lärmbelästigung zu haben“, meint Jana Steffan vom „Grünen Gaul“. „Aber viele Gäste haben Probleme, uns wegen der Absperrungen überhaupt zu finden.“ Ein wirkliches Problem scheint das aber nicht zu sein, denn das Restaurant ist ausgebucht wie immer. Ohne Reservierung ist hier am frühen Freitagabend kein Platz zu bekommen – die herzhaft-kreativen Gerichte und die vorzügliche Weinkarte sind äußerst beliebt. Vor fünf Jahren hatte der Livingroom mit der Gründung des Gauls die Räumlichkeiten des ehemaligen Orlando in seine Restaurant-Familie einverleibt und dem kränkelnden Ehrenfeld damit neuen Lebensmut eingehaucht. In diesem Jahr nimmt der Gaul sogar erstmalig an der Gourmetmeile „Bochum kulinarisch“ teil.

Auch die Stammgäste der Butterbrotbar, die als Tages-Bistro schon seit Jahren einen modernen, frischen Mittagstisch anbietet, und besonders die der Eisdiele „I am Love“ lassen sich von den Unwirtlichkeiten des Baustelle nicht irritieren und nutzen die Freisitze auf dem Hans-Ehrenberg-Platz in Erwartung warmer Sonnenstrahlen. Vor über einem Jahrzehnt eröffneten Kevin Kuhn, Julia Bernecker u.a. die Eismanufaktur unter dem Namen Kugelpudel, doch schon bald kam es zur Trennung. Während Julia unter gleichem Namen an den Kortländer am Rand der nördlichen Bochumer Innenstadt zog, nannte Kevin den Ehrenfelder Laden in „I am love“ um. Beide sind heute jeweils Stammhäuser für kleine Eis-Imperien mit Filialen in verschiedenen Ruhrgebietsstädten. Zudem können Bochumer die extravaganten, z.T. veganen Eiskreationen von „I am love“, die in einem Labor in der Rombacher Hütte hergestellt werden, auch in Linden schlecken. Und neuerdings kann man den Schriftzug „I am love“ auch ein paar Schritte entfernt vom Stammhaus über dem ehemaligen  kleinen Teeladen an der Schauspielhauskreuzung lesen.



Pizza bei Pizza

Auf ihre Stammkundschaft können auch Michail Grabarovsky und seine Partnerin Natalie mit ihrem Imbiss mit dem prägnanten Namen Pizza setzen. Ihre Pizzen nach neapolitanischem Rezept gehören zweifellos zu den besten der Stadt. Der Teig geht tagelang auf, die Auflagen sind exquisit, und im original neapolitanischen Pizza-Ofen werden sie sehr heiß in jenem Leoparden-Look gebacken, der jeden Pizza-Aficionado so fasziniert. Es ist fast zu schade, die herrlichen Dinger im Stehen bzw. auf niedrigen Bierbänken oder anderen Sitzmöbeln draußen im hergewehten Baustellenstaub aus der Hand essen zu müssen, aber das scheint keinen stören. Bei der Frage nach der Baustelle zuckt Michail stoisch mit den Achseln. Das beträfe eigentlich nur die, dir direkt an der Hattinger Straße lägen – wie etwa seine Bar Mischka, die er seit einiger Zeit in den Räumlichkeiten der ehemaligen Kneipe „Zum Warsteiner“ an der Schauspielhaus-Kreuzung betreibt. Der breite Bürgersteig würde zwar viel Platz für einen Außenbereich bieten. „Aber wer will schon direkt neben einer Großbaustelle sein Bier trinken?“, fragt er. Probleme macht die Baustelle auch dem Pizza-Pendant Burger, das er in einem Container ein paar Schritte weiter in einem Container betreibt. Dass die Laufkundschaft, die sich hier verpflegen könnte, nicht gerne stehen bleibt, wird sich wohl erst dann ändern wenn die Baustelle fertig ist.

Ob die neuen engen Bürgersteige, die an der Hattinger Straße entstehen, für Fußgänger wirklich attraktiv sind, sei einmal dahingestellt. Ein großer Fortschritt ist aber der neue Fußgängerübergang über die Hattinger Straße, der dem historischen Verlauf der Pieperstraße folgt. Durch den Rückbau der breiten Straße in einen Autofahrstreifen und einen Radweg pro Fahrtrichtung, einem breiten Mittelstreifen und einer Ampel wird die Überquerung der vielbefahrenen Straße wesentlich vereinfacht. (Ob das den Autofahrern gefällt, die die große Ausfallstraße nutzen müssen, ist eine andere Frage.)

Blickt man hier vom Hans-Ehrenfeld-Platz in die Pieperstraße, merkt man jetzt erst so richtig, wie nah eigentlich der Teil Ehrenfelds südlich der Hattinger Straße ist. Der Filiale von „Bäcker Peter“, die vor gar nicht langer Zeit in den Räumlichkeiten des ehem. Schuhhauses Dömer eröffnet wurde, liegt wie Skylla der Charybdis eine große Filiale der Bäckereikette Schmidtmeier gegenüber. Auch dort wird man froh sein, wenn die Baustelle weg ist, hatte man auf dem zum Vorplatz der St.-Meinolphus-Mauritius-Kirche verkehrsberuhigten Ende der Pieperstraße einen großen Außenbereich eingerichtet, auf dem z.B. die Nachbarschaftsfeste des Vereins „Ehrenfelder Miteinander“ stattfanden. Der kann jetzt wiederbelebt werden.

Und man merkt, wie nah es eigentlich zu einer Ikone der Ehrenfelder Gastronomie ist, der Aubergine. Denise Ostrop zog vor über zwanzig Jahren mit ihrem Restaurant aus Altenbochum hierher. Ihre Mutter Gisela hatte zuvor das kurdisch-westfälische Restaurant Kokille in der Innenstadt betrieben, und gemeinsam versorgten sie nun das kulturell beflissenene Publikum des nahen Schauspielhauses mit feiner mediterraner Küche. Vorher war hier eine Eckkneipe, die Gisela Ostorp als Treffpunkt der Ehrenfelder SPD kannte, und ein chinesisches Restaurant, das so gar nicht zu repräsentativen Architektur im von den Knappschaftsgebäuden geprägten Umfeld des südlichen Ehrenfeldes passte. Bis heute hat sich dieser überzeugende Küchenstil der Aubergine kaum geändert, zumal Denise Ostorp großen Wert auf nachhaltig produzierte Zutaten legt. Dass die Aubergine mit ihrem Angebot quasi die Gastro-Legende „Alt Nürnberg“ beerbte, war den Damen damals nicht bewusst. Dieses Lokal an der Schauspielhauskreuzung war vierzig Jahre lang das Aushängeschild für feine Küche in Bochum und schloss Anfang der 2000-er Jahre – aus kaum nachvollziehbaren Gründen wurde die Location in 1-A-Lage seitdem nie wieder verpachtet

Wenn man von der Aubergine ein paar Schritte Richtung Königsallee geht, kommt man zum William-Shakespeare-Platz, unter dem seit den 1980-er Jahren das Parkhaus des Schauspielhauses schlummert. Pfiffig wie man war, krönte man diese verkehrstechnischen Katakomben mit einem Backsteinhäuschen, das sich gastronomisch nutzen ließ, und unter dem Namen Biercafé eine Legende in der Ehrenfelder Gastronomie wurde. Anfangs wurde es von den Leuten des Mandragora, einer der Wurzeln des Bermudadreiecks, betrieben, später von Thomas Meyer. Seit 2010 prägte dann Rüdiger „Bolle“ Boldt das Image als stilvolle Kneipe für den kulturbeflissenen Biertrinker. Die Corona-Zeit überlebte das leider Biercafé nicht.

Doch nun hat sich eine Lösung gefunden. Hayri Nargili, der an der Hunscheidtstraße den Kiosk „Zum Philosophen“ betreibt, will mit seinem Partner Bilal Balyemez das Biercafé weiterführen - allerdings nach seiner Philosophie. Tatsächlich hat er allerlei Geisteswissenschaften studiert, kam aber dann auf die Die, sich dem realen Leben zuzuwenden. Er übernahm den Kiosk im Ehrenfeld, der sich schon rasch zu einem soziokulturellen Zentrum im Stadtteil wandelte, an dem sich Kinder ihre Klümpkes kaufen können und Eltern ihr Bierchen. Beim neuen Biercafé schwebt ihm Ähnliches vor. Auch das soll ein Kiosk werden, bei dem Bierspezialitäten durchs Fenster verkauft werden. Aber dennoch soll es auch eine Innengastronomie haben, in der kulturelle Veranstaltungen stattfinden können. Und es soll „KultUr-Café Zum Philosophen“ heißen. Doch bis es soweit ist, wird es wohl noch etwas dauern. „Das Gebäude muss erst grundsaniert werden“, sagt Hayri.

Damit die Zeit bis dahin nicht zu lang wird, haben sich Hayri und Bilal vorgenommen, noch in diesem Mai in den Räumlichkeiten des ehemaligen Rimini direkt an der Hattinger Straße das Restaurant „Kleene Tocke“ zu eröffnen. Den Namen haben sie gemeinsam mit dem Bochumer Lokalhistoriker und Postkartensammler Dirk Ernesti gefunden. „Tocke“ sei, so Hayri, ein mundartlicher Name für Ehrenfeld und beziehe sich darauf, dass der Stadtteil früher so klein gewesen sei. Man kann aber auch soekuliern, dass es einfach eine freie Assoziation über den Begriff „Tacos“ sein könnte. Diese mexikanische Spezialität sollte in dem Laden, unterstützt von einer großen Fassadenschrift, nach der Schließung der Pizzeria Rimini verkauft werden, was aber nur kurz gelang. Dennoch hat die Location eine lange gastronomische Geschichte im wiederaufgebauten Ehrenfeld. Das Rimini war, ähnlich wie das „Alt Nürnberg“ ein paar Schritte weiter, fast ein halbes Jahrhundert eine gastronomische Institution an der Schauspielhauskreuzung.



Kleene Tocke

Eine Art türkisch inspirierte Heimatküche will Haiyri in der „Kleenen Tocke“ anbieten. Dass er dabei Mischkas Burger-Container direkt vor der Nase hat, stört ihn weiter nicht. „Obwohl“, so sinniert er, „vielleicht wäre es besser, dort Döner zu verkaufen.“

Dass zur Eröffnung der „Kleenen Tocke“ die Großbaustelle auf der Hattinger Straße verschwinden wird, ist wie für alle Gastronomen im Ehrenfeld ein wahrer Segen. Hoffen wir, dass dann der neue Fußgängerübergang die beiden Hälften des Stadtteils miteinander zusammenführt. Die Verbindung vom ehemaligen Rimini und dem ehemaligen Biercafé durch die gemeinsamen Betreiber ist da ein schöner Anfang.

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