Donnerstag, 4. Januar 2018

Aus dem Archiv: Das kulinarische Vest

Der Text erschien erstmals in "Ruhrgebiet geht asu 2018/2019"

 

Von Bauer Ewald zum Baiersbronn des Ruhrgebiets

Das Vest ist der historische Name die Landschaft, die im Norden des Ruhrgebiets den Übergang des rheinisch-westfälischen Industriegebietes ins ländliche Münsterland bildet. Als Speisekammer des Ruhrgebiets hat das Vest kulinarisch eine Menge zu bieten, und mit seit Neustem drei Sternerestaurants ist es als Restaurantlandschaft geradezu spektakulär.

Von Peter Krauskopf

Die Engelsburg in Recklinghausen ist ein Stück Westfalen im Ruhrgebiet wie aus dem Bilderbuch. Der barocke Residenzbau, den sich einst ein kurfürstlich-kölnischer Statthalter und Richter bauen ließ, beherbergt heute ein luxuriöses Hotel, und das Restaurant des Hauses trägt den Namen „VestTafel“. Dieses Wortspiel bezieht sich auf die historische Bezeichnung jenes Bereiches, die besagter Statthalter zu verwalten hatte, das Vest. Es umfasste den heutigen Kreis Recklinghausen mit seinen insgesamt zehn Gemeinden, die Stadt Bottrop mit dem eingemeindeten Kirchhellen und das nördliche Gelsenkirchen.

Verwaltungstechnisch ist die Bezeichnung „Vest“ schon längst verschwunden. Marketingtechnisch feiert er jedoch besonders im kulinarisch-gstronomischen Bereich fröhliche Urständ. Nicht nur die „VestTafel“ trägt den bodenständigen Begriff im Namen. Auch die Recklinghäuser Brennerei Dörlemann, wirbt damit als „Ihre Kornbrennerei im Vest“ und ist in der Tat der letzte Produzent westfälischer Schnapsspezialitäten in der Kreisstadt. Die Gourmetmeile „Zu Gast in Recklinghausen“, die 2017 ihr 30-jähriges Jubiläum feiern konnte und damit eine der ältesten Veranstaltungen dieser Art im Ruhrgebiet ist, warb lange mit dem Begriff „Vestival“. Und auch die großen Indoor-Gastroaktionen der Region verzichten nicht auf den Begriff. Das jährlich im Februar und März stattfindende „Menue-Karussell Vest“ ist mit 35 teilnehmenden Restaurants eine populäre Leistungsschau der ortsansässigen Gastronomie, und das „Kochquintett Kreis Vest“ bietet über die Sommermonate eine exklusive gastronomische Spitzenauswahl.

Typisch für die Region sind die Landgasthöfe Zum blauen See und Bullerkotte. Thomas Püttmann und Thilo Bullerkotte haben für ihre schmucken Ausflugslokale zu durchaus experimentierfreudigen Hot Spots des Fine Dining verwandelt. „Wie wild darf ein Koch sein?“, fragt Thilo Bullerkotte auf seiner Interntseite, und Thomas Püttmann gibt schmunzelnd zu, durchaus ein wenig „wild“ in seinem Angebot zu sein. Als „Junger Wilder“ hatte auch einst Stefan Manier begonnen, der schon seit Jahren im Gasthaus Stromberg im etwas östlich gelegenen Waltrop für Spitzenküche sorgt. Im letzten Jahr hat er sich mit Bernd Stollenwerk einen weiteren Spitzenkoch als Chef de cuisine ins Haus geholt, so dass das Stammhaus in der Waltroper Innenstadt und die sog. Werkstatt in den historischen Hallen auf Zeche Waltrop erstklassig bespielt werden können.

Ein Höhepunkt in der Entwicklung der Küche im Vest ist die Verleihung eines Michelinsterns an Daniel Georgiev von den Ratstuben im Ratshotel in Haltern. Damit wurde der Ruf der Region als „Baiersbronn des Ruhrgebiets“ gefestigt. Im Umkreis von 14 Kilometer finden sich jetzt sage und schreibe drei Sternekrestaurants, ein Drittel der Gesamtzahl in der Metropole Ruhr mit ihren 5 Millionen Einwohnern. Mit Rosin (2 Sterne)und dem Goldenen Anker (1 Stern) in Dorsten befinden sich zwei äußerst populäre deutsche Gourmettempel in der Nachbarschaft. Frank Rosin zeigt in seiner TV-Sendung auf Kabel 1 orientierungslosen Gastronomen, wo es mit ihren betrieben lang geht, und Björn Freitag vom Goldenen Anker beseitigt als Haus- und Hofkoch des WDR mit aufklärerischen Sendungen die kulinarischen Defizite der Nordrhein-Westfalen. Überhaupt Dorsten: Im Schatten der beiden schillernden TV-Stars gedeiht das Restaurant Henschel seit 55 Jahren. Seit Anfang an ist Leonore Henschel, eine der wenigen Frauen unter den Spitzenköchen in Deutschland, für die Küche verantwortlich.

Lange litt die westfälisch geprägte Küche der Region unter dem Vorurteil, „warm, weich und fettig“ zu sein. In den Wirtschaftswunderjahren machte Bauer Ewald in Haltern-Sythen Furore. Mit westfälischer Schlitzohrigkeit entwickelte der geschäftstüchtige Landmann seinen „EWG-Musterhof“ – wobei EWG für „Ewald wird gewinnen“ stand – zu einem kuriosen kulinarischen Freizeitpark mit Riesenschnitzeln, der nach der Wiedervereinigung noch einmal eine üppige Blüte erlebte. Und in der Tat ist das Vest heute noch so etwas wie die Speisekammer des Ruhrgebiets. Die großen Bauernhöfe versorgen die Supermärkte der Region mit frischem Obst und Gemüse. In den letzten Jahrzehnten hat sich besonders der edle Spargel als regionale Spezialität etabliert. In Kirchellen findet seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 auf Hof Umberg jährlich zu Pfingsten das Spargel-Gourmetfestival (19. – 21.5.2018), bei dem fünf Restaurants Spezialitäten rund um das königliche Gemüse und die zur gleichen Zeit reifenden Erdbeeren anbieten. Was als Experiment von Gastronomen in der Nachbarstadt Essen begann, hat sich mittlerweile zu einer Massenveranstaltung entwickelt, die aus dem kulinarischen Kalender nicht wegzudenken ist. Erntefrischen Spargel gibt es im Frühjahr zudem in den zahlreichen Hofläden, etwa auf dem Schmückerhof direkt neben Hof Umberg mit seinem schmucken Landcafé oder auf dem Spargelhof Schulte-Scherlebeck in Herten.

Doch nicht nur Obst, Spargel und Erdbeeren, sondern auch Ziegenkäse wie von den Hofkäsereien Sondermann in Dorsten und Andres in Haltern, Kräuter von der Kräutermagie Keller in Datteln und vor allem edles Fleisch gehören zu den Produkten, die im Vest erzeugt werden. Bauer Burkhard Sagel in Kirchhellen hat die konventionelle Fleischproduktion aufgebeben und widmet sich jetzt einer nachhaltigen Rinderzucht, deren Erzeugnissen man bei ihm kaufen kann. Hof Dingebauer in Castrop-Rauxel gehört zur Erzeugergemeinschaft Neuland. Das exklusivste Fleisch bietet jedoch die Vogelsang Stiftung in Datteln an. Eigentlich mit der Renaturierung ehemaliger Industrieflächen betraut, setzt die Stiftung Aubrac- und Heckrinder zur Landschaftspflege ein. Dabei gedeihen die halbwild gehaltenen Tiere so gut, dass ihr Fleisch unter der Marke Urbeef vermarktet wird.

Zum Abschluss ein besonderer Tipp für Leute, die die kulinarische Landschaft Vest ganz kompakt kennen lernen wollen. Reservieren Sie sich das erste Augustwochenende 2018 für ein kleines Gourmetmeilen-Hopping. Vom 1. bis zum 5.8. findet „Zu Gast in Recklinghausen“ mit acht Gastronomien der Region vor dem imposanten Rathaus statt, und vom 3. bis zum 5.8. das charmante „Haltern bittet zu Tisch“ ebenfalls mit acht Teilnehmern. Wer an diesem Wochenende in den Sommerferien ist, kann zwei Monate früher schon mal vorkosten: bei „Castrop kocht über“ vom 30.5. bis 3.6.2018.

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