Montag, 14. Juli 2003

Aus dem Archiv: Ange d’Or Junior - Flottes Zeitgeistmuseum

Der Text erschien erstmals in "Essen geht 2003/2004".
Das Restaurant gibt es nicht mehr.


Junior ist gut. Seit 1990 gibt es das Ange d’Or Junior bereits, und die Vorgeschichte des skurrilen Edelrestaurants im Ruhrtal ist schon fast eine vergessene Legende. 1965 gründete Claude Huppertz das Ange d’Or und erkochte sich mit der Zeit zwei Michelinsterne. 1990 schließlich gab er die Sterne freiwillig zurück und überließ die Küchenhoheit seinem Sohn Claude junior. Aus dem Gourmettempel wurde ein modisch flottes Szenerestaurant, das nach wie vor einer fantastischen gehobenen Küche frönte, jedoch nicht mehr auf die kaum noch kalkulierbaren Qualitätsstandards der Sternetester schielen musste. Das war für das Publikum im Ruhrgebiet schon damals einfach zu teuer.

Seit 13 Jahren gibt sich das Ange d’Or Junior nun so wie es ist. An allen Ecken und Enden atmet der Laden den postmodernen Zeitgeist der End-Achtziger Jahre, als die Frauen pinkfarbene Kostüme mit Schulterpolstern trugen, bei Ikea schwarze Billy-Regale der Renner waren und sich sogar im Ruhrgebiet eine japanische Zubereitung von rohem Fisch namens “Sushi” und “Sashimi” durchzusetzen begann. Eine güldene Engelsputte weist auf dem hauseigenen Parkplatz mondänen Limousinen den Weg. Der Kamin steht für Gemütlichkeit, der Dielenboden ist abgelatscht wie in einer Studentenkneipe, aber die Theke lebt vom Kontrast von dunkler Farbe und metallischem Chrom. An den Wänden hängt eine kleine Ausstellung von Bildern wie aus jenen Tagen.

Ganz avantgardistisch gab es im Ange d’Or Junior schon damals eine asiatisch inspirierte Cross-Over-Küche, die heute immer noch modern ist. Die Karte wechselt monatlich. Sie liest sich wie ein multikulturelles Sammelsurium und wirkt in ihrer kulturellen Sorglosigkeit von geradezu kalifornischer Lässigkeit. Da steht das rheinisch-westfälische Nationalgericht “Himmel und Erde - gebratene Entenleber auf caramelisierten Äpfeln & Kartoffelschnee” (EUR 13) neben “Saté Spießen & Frühlingsrollen auf asiatischem Gurkensalat mit spicy Saucen” (EUR 11), “Oktopus ’Mykonos style’ auf Linsensalat” (EUR 11,50) neben “6 Weinbergschnecken ’Bourgogne style’ im Häuschen serviert” (EUR 8), “Ente aus dem Wok mit asiatischem Gemüse & Kartoffelstäbchen” (EUR 19,50) neben “Original Wiener Schnitzel mit Sauce Remoulade, Walbecker Spargel & Pommes rissolées” (EUR 21).

Selbst innerhalb der Gerichte gibt es einen Clash der Esskulturen. Die ganz italienisch “Involtini” genannte kleinen Rouladen waren ganz bodenständig mit Senf, Speck und Zwiebeln gefüllt, so wie man es von zu Hause kennt, dazu gab es knackiges Sommergemüse, natürlich aus dem Wok, und Kartoffelgratin (EUR 19,50). Auf ähnliche Art wurden beim “Crazy Birma Huhn”, einem Ange-d’Or-Junior-Klassiker, asiatische und italienische Geschmackskomponenten raffiniert miteinender verbunden. Zusammen mit “Scampi und Gemüsenudeln” hätte man das köstlich pikante Curry-Hühnchen auch als “mare e monte” anbieten können.

Was wahre Begeisterung hervorrief, war der der Vorspeisenteller “Sashimi Deluxe” (EUR 17,50), der gut und gerne für zwei Personen reichte. Es gibt wohl keinen Japaner im Ruhrgebiet, bei dem man die “rohen Edelfische aus dem Atlantik” in solcher Qualität bekommt. Die dazu gereichte Meerrettich-Sauce Wasabi und besonders der Rosen-Ingwer waren von umwerfend zarter Pikanterie; und mit einem 2002er Gavi di Gavi von Gemma wurde ein Weißwein dazu empfohlen, der nicht besser hätte passen können. Überhaupt bietet die Weinkarte, passend zur Cross-Over-Ausrichtung der Küche, ein hervorragende Auswahl aus aller Herren Länder.

-kopf


Essen-Kettwig, Ruhrtalstr. 326-328

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