Montag, 29. August 2016

Gourmetmeilen 2016: Saisonfinale mit dem „Kulinarischen Altstadt-Markt Hattingen“ und „Steele à la carte“ und ein kritischer Rückblick.



Ob die subtropischen Temperaturen von um die 30 Grad die Esslust der Gäste, die am letzten Wochenende der „Gourmet-Meile Metropole Ruhr“ nun wirklich gefördert hat, sei einmal dahin gestellt. Jedenfalls brachten der strahlend blaue Himmel und der permanente Sonnenschein ein Feeling in den Schatten des Doppelbocks des Welterbes Zollverein, das mediterraner nicht sein konnte. Überhaupt war die diesjährige Gourmetmeilensaison – neben den Terminverzerrungen durch die Fußball-EM – geprägt durch die Wetterkapriolen. Schermbeck versank im Regen, genauso wie die Eröffnungstage von Rüttenscheid und Kettwig, beim Spargel-Gourmetfestival in Kirchhellen bibberte man vor Kälte, genauso wie an manchen Tagen in Bochum. Und auf Zollverein knallte die Sonne.

Gegessen hat der Genießer sehr gut. Besonders Bochum, Mülheim, Recklinghausen und Haltern überraschten ihn. Die Favoriten GourmeDo und „Essen verwöhnt“ (hier und hier) versanken ein wenig im business as usual. Die Dortmunder GourmeDo muss bei aller Eleganz aufpassen, dass nicht zuviel Nordstadt-Feeling aufkommt, und „Essen verwöhnt“ muss sich überlegen, wie es nach dem Abgang der Résidence seinen Ruf als „Königin der Gourmetmeilen“ im nächsten Jahr verteidigen kann. Metropole Ruhr hat‘s vorgemacht und neben Nelson Müller mit Björn Freitag einen Ruhrgebiets-Sternekoch von außerhalb herangezogen. Überhaupt tun die Gourmetmeilen im Ruhrgebiet gut daran, angesichts der aufkommenden Konkurrenz durch die Street-Food-Bewegung mit ihren Food-Truck-Festivals das Profil in Richtung Qualität und Hochwertigkeit zu schärfen.

Den Abschluss der Gourmetmeilen-Saison 2016 bilden am kommenden Wochenende vom 1. bis zum 4. September 2016 noch einmal zwei Perlen unterschiedlichster Art.

Kulinarischer Altstadtmarkt in Hattingen

Der Kulinarische Altstadtmarkt Hattingen, der in dem historischen Häuserrund um die St-Georgs-Kirche stattfindet, bildet mit seiner malerischen Fachwerk-Romantik einen überraschenden Gegensatz zur Industriekultur von Zollverein. Bespielt wird er hauptsächlich von sechs bewährten Landgasthäusern des EN-Kreises wie Weiß, Hackstück und Kemnade sowie und dem griechischen Lokal Poseidon. Für den Genießer besonders überzeugend: Diergardts, Eggers aus Sprockhövel und - nach seinem Bochumer Debüt - An der Krüpe. Alle Infos zum Kulinarischen Altstadtmarkt Hattingen hier.

Steele à la carte

Steele ist neben Kettwig und Rüttenscheid der dritte Essener Stadtteil, der mit einer eigenen Gourmetmeile im ruhrgebietsweiten Konzert mitspielen kann. Die ortsansässigen Gastronomen um den Traditions-Italiener Acquario schaffen es bereits zum 15. Mal, gemütliche Esskultur in die Trabantenstadt zu bringen. Dieses Jahr haben sie lange gebraucht, um ihr Programm ins Internet zu stellen, aber dann hat doch alles geklappt. Und Romantik gibt es auch durch gleichzeitig startende Oldtimer-Rallye am Samstag und die Oldtimer-Traktoren-Schau am Sonntag. Alle Infos zu „Steele à la carte“ hier.

Sonntag, 28. August 2016

Mit Slow Food Bochum auf dem Schepershof im Windrather Tal, Velbert



Idylle auf dem Schepershof in Velbert

Bei den mediterranen Temperaturen am letzten Wochenende war es ein Segen, dass sich der Genießer und eine tapfere Gruppe von Slowfoodies aus dem CV Bochum bereits bei Öffnung des Hofcafés am frühen Morgen auf dem Schepershof in Velbert trafen. Schon bei der Anfahrt durch das idyllische Windrather Tal ließ Urlaubsstimmung aufkommen. Die Felder, Weiden und Wiesen leuchteten in der Morgensonne, die wiederum vom strahlend blauen Himmel schien, und man dachte kaum, dass man sich am Südrand der Ruhrgebiets befand, sondern musste unwillkürlich an Südtirol denken. Nur die hohen Berge fehlten.

Windrad im Windrather Tal

Den Namen hat das Windrather Tal nicht von den vereinzelten kleinen Windräder, die man hie und da sieht, sondern vom Windrather Bach, der ein paar Kilometer weiter in den Deilbach mündet, der wiederum durch den nach ihn benannten bekannten Hammer untrennbar mit industriellen Seite der Gegend verbunden ist. Im Windrather Tal sind sich in den letzten 40 Jahren mehrere Demeter-Bauernhöfe entstanden, die ökologischen Landbau nach den anthroposophischen Lehren von Rudolf Steiner betreiben. Einer davon ist der Schepershof, dessen Hofkäserei die Bochum Slowfoodies besichtigen wollen.

Tobias Schlevogt führt die Slowfoodies über den Hof.

Empfangen werden sie von Tobias Schlevogt, dem Hofkäser. Der ehemalige Event-Manager aus Düsseldorf ist vor sechs Jahren mit seiner Familie in die Hofgemeinschaft eingetreten und präsentiert das Projekt professionell und vor allem mit authentischer Begeisterung. Als Demeterhof vertritt der Schepershof das Prinzip des geschlossenen Kreislaufs, bei dem möglichst alles, was der Hof braucht, auch dort produziert wird. Der Schepershof ist ein Allround-Hof, wie die Slowfoodies bei einem kleinen Rundgang über das Anwesen sehen können. Obst, Gemüse, Getreide, Schweine, Milchvieh und Geflügel, es gibt hier alles. Und dazu ist der Schepershof ein Bauernhof wie aus dem Bilderbuch: Menschen, Tiere und Pflanzen leben in idyllischer Eintracht miteinander.

 Im Stall tummeln sich nur...

 ...ein paar Kälber.

 Die Hörner werden nicht entfernt.

 Diese Kälber sind gerade entwöhnt.

Liebevoll wird der Nachwuchs dokumentiert.

Die Milch der artgerecht, u.a. mit Hörnern lebenden Kühe, die bis zu 16 Jahre alt werden, wird in der hofeigenen Käserei direkt zu Käse, Joghurt, Quark und pasteurisierter Trinkmilch verarbeitet. Dafür ist Tobias zuständig. Er hat das Käsen bei einem französischen Käsemacher gelernt und ist auch von der Käsetradtion in der Schweiz tief beeindruckt.

Der große Kessel fasst 500 Liter Milch. 

Hygiene-Mokassins für die Besucher.

Spezialität des Schepershof ist, neben dem Gouda-ähnlichen Bergischen Landkäse und einem Frischkäse, der Bergkäse. Neben der hofeigenen Rohmilch kommen dabei spezielle Bakterien-Kulturen zum Einsatz, die den Bakterien ähneln, die in den Schweizer Bergen entstehen und den fein zerteilten Bruch in den schnittfesten Hartkäse verwandeln. Bei der Reife bekommt er schließlich sein besonderes Aroma. Alle dabei entstehenden Hefeablagerungen können getrost mitgegessen werden. „Käse ist nicht dazu geeignet, dass sich giftige Schimmelkulturen darauf ansiedeln“, erklärt Tobias.

Im Reiferaum bekommen die Laiber ihre Würze. 

 Auf zur Verkostung.

Zudem versucht Tobias einen Käse zu machen, der dem Appenzeller aus der Schweiz nachempfunden ist. Dabei wird der Käse beim Reifen noch mit Kräutern aromatisiert. Die Molke, die bei der Herstellung des Käsebruchs anfällt, wird als Kraftfutter an die Schweine verfüttert. „Das ist im Sinne des geschlossenen Kreislaufs sinnvoller, als Ricotta daraus zu machen“, erklärt Tobias.

Die Rinde kann man mitessen. 

Köse Teilen erfordert Kraft.

 Allein dieser Duft!

 Bitteschön!

Hmmmm!

Die Slowfoodies können den Bergkäse in verschiedenen Reifestadien probieren. Und tatsächlich, Tobias hat Recht, wenn er sagt: „Am besten ist er, wenn sich auf der Oberfläche schon Milben gebildet haben.“

Schepershof, Windrather Tal, Velbert. Infos hier.

 Auf der Terrasse des Hofcafés.

 Ab zum Verkauf im Hofladen!

 Milchvieh unterm Apfelbaum.


Freitag, 26. August 2016

Gourmetmeile Metropole Ruhr 2016: Nachschlag am Freitag



Hier ein kleines nachmittägliches Menü vom Freitag auf der Gourmetmeile Metropole Ruhr auf Zeche Zollverein.

Gummersbach
Suppe von Castelluccio-Linsen mit Spieß von Kaminwurzen und Croutons
Sahnig-süße Verführung mit einem angenehmen Schuss Säure, krachenden Croutons fürs Mundgefühl und herzhaften Kaminwurzen als externe Wursteinlage.

Mintrops Stadt Hotel Margarethenhöhe
Tranchen von der Eifeler Ur-Lamm-Hüfte mit Pesto-Rosso an einem Auberginen-Zucchini-Törtchen und Falafelbällchen
Eifel meets Levante. Das Eifeler Ur-Lamm ist das sog. Einola-Lamm, dessen Name sich aus den Worten Eifel und Nolana zusammensetzt. Nolana sind auf ursprüngliche Eigenschaften zurück gezüchtete Schafe, die denen der Tiere vor 3000 Jahren ähneln.

Zum Goldenen Anker
Eingelegte Kirschen, Pumpernickel, Mascarpone, Edelmandel und Zuckerwatte
Lustig anzusehendes Dessert von Sternekoch Björn Freitag.

Wann erfindet endlich einer einen Trinkhalm,
der lang genug ist, dass man mit ihm trinken kann?

Die Gourmetmeile Metropole Ruhr geht noch bis Sonntag 28.8.2016. Sa+So ab 12 Uhr. Den großen Bericht zur Eröffnung mit vielen Menü-Bildern finden Sie hier.

Gourmetmeile Metropole Ruhr 2016: Der Lorenz meint‘s gut. Fast zu gut.



Und gülden glänzt der Doppelbock.

In der Gourmetmeilen-Saison 2016 hat der Genießer genug verregnete Eröffnungstage erlebt, aber das großartige Kaiserwetter, das gestern zum Start der Gourmetmeile Metropole Ruhr auf Zollverein herrschte, wird in die Geschichtsbücher eingehen. Der Lorenz (Revierdeutsch für: Sonne) knallte vom mediterran blauen Himmel, es herrschten subtropische Temperaturen von um die 30 Grad, und die Gastronomen, die ihre Zelte im Schatten der gigantischen Kulturerbe-Gemäuern aufbauen konnten, waren froh, dass sie nicht wie andere Kollegen, die unter freiem Himmel campieren müssen, in der Sonne schmoren mussten.

Und der Taschen-Fotoapparat des Genießers, sozusagen die caméra stylo des Genuss-Paparazzos, macht schlapp, weil die Belichtungsautomatik sich angesichts der Schlagschatten und harten Kontraste nicht zwischen Sonnenschein und Kunstlicht entscheiden konnte.

Grandiose Kulisse: Welterbe Zollverein

Um nicht selbst schlapp zu machen, hatte sich der Genießer entschlossen, sofort nachdem die Stände um 16 Uhr geöffnet hatten, die „Großen 3“ der Meile abzuessen: die beiden Fernsehköche Nelson Müller und Björn Freitag mit ihren Sternrestaurants Schote und Goldener Anker sowie Essens heimlichen Stern Hannappel. Es gelang ihm sogar, auch noch kurz beim Halterner Tannenhäuschen auf ein Gurken-Curry-Süppchen einzukehren, bevor es um 18 Uhr offiziell losging.

Re-inszeniertes Abendmahl auf der Showbühne.

Da re-inszenierte Veranstalter Rainer Bierwirth von Essen genießen e.V. auf der kleinen Showbühne noch einmal das Letzte Abendmahl, das er schon letzte Woche beim Pressetermin vor der großen Kulisse des Zollverein-Doppelbock-Förderturms aufgeführt hatte. Er stellte die 17 Gastronomien aus 8 Ruhrgebietsstädten vor, die die Gourmetmeile Metropole Ruhr bestreiten. Nachdem auch noch Essens OB Thomas Kufen, Zollverein-Chef Hermann Marth und Haupt-Sponsor Thomas Stauder ihre Großworte gesprochen hatten, gings zu einem Eröffnungsempfang, der bei mittlerweile neutralem Licht ein hübsches Menü aus dem volkstümlicheren Angebot der Meile bot.

Goldener Anker
Warm gebeizter Label Rouge Lachs mit Gurken-Wasabi-Carpaccio
Mit diesem Gourmet-Gericht machte Björn Freitag auf seinem ersten Auftritt auf der Gourmetmeile Metropole Ruhr seinem Ruf als Sterne- und Fernsehkoch alle Ehre. Die ordentliche Tranceh Lachs bestach durch eine kräftige Aromatik und verblüffender Saftigkeit, die japanisch anmutenden Gurken waren erfrischend pikant.

Schote
Schnibbelbohneneintopf mit grünen Bohnen, krossem Schweinebauch, Mettenden von unserem Metzger Holz
Der Sternekoch Nelson Müller kann auch Bergmannsküche. Die gartenfrisch schmeckenden Gemüse, der butterzarte Schweinbauch mit knuspriger Kruste, die herzhaften nicht zu salzigen Mettenden in köstlicher Brühe hätten auch meiner Mutter geschmeckt. Vor der gigantischen Kulisse von Zollverein ein Monument der Ruhrgebietsküche.

Hannappel
Milchkalbstafelspitz mit eingelegten Gemüsen und grüner Sauce
Fotogen, wie dieses Gericht ist, erweist sich Knut Hannappel einmal mehr als Essens heimlicher Stern. Was wie ein bunter Kindergeburtstag daherkommt, eweist sich in der Aromatik als ziemlich erwachsen. Statt überkandidelter Süße erdige Wurzelaromen und pikante Säure. Tipp: Warten, bis die Tafelspitzröllchen aus der Kühlung in der Sonne Umgebungstemperatur angenommen haben.

Tannenhäuschen
Gurken-Currysüppchen mit Jakobsmuschel
Optisch äußerst elegant präsentiert sich dieses Süppchen. Es wäre zu überlegen, ob man es bei den zu erwartenden Temperaturen auch als Kaltschale anbieten sollte.

Acquario
Duo die Bruschetta
Klassisches Tomatenbrot mit vielen Zutaten für den großen Hunger vom Italiener aus Essen-Steele.

Tucholsky
US-Beef Tatar mit Ramen, Wildkräutern, Meersalz, Kapernöl, Wachteleiern
Einmal mehr ein Beispiel dafür, wie der Zollverein-Newcomer aus Bochum sich immer mehr von der Studentenkneipen-Küche des Bermudadreiecks entfernt hat. Vorzügliche (US-Beef) und exotische (asiatischen Nudeln Ramen) Zutaten kreativ miteinander kombiniert. Was schon auf der Bochumer Gourmetmeile ein wenig irritierte, war die etwas schüchterne Würzung der Tucholsky-Gerichte.

Schmachtenbergshof
Dreierlei Flussfische: gebratener Zander, Wels und Lachsforelle auf Schrebergartenzucchini mit Kirschtomaten und Kartöffelkes
Der Kettwiger Schmachtenbergshof ist ebenfalls ein Newcomer auf Zollverein. Was er hier als Bergmannsgericht anbietet, stimmt von den Zutaten (Flussfische und Gartengemüse), zeigt aber auch, wie sehr das Mediterrane die Ruhrgebietsküche umgekrempelt hat. Zudem hatte der Genießer Pech. In der Hektik des Eröffnungsempfangs fehlte auf seinem Teller wohl der Wels.

Acquario
Profiteroles
Italienische gefüllte Windbeutel mit weißer Mousse und frischen Beeren
Ein Dessert für Leute, die süße Füllungen mögen vom bewährten Acquario in Steele.

 Bei La Turka gibt's Lammkeule vom offenen Feuer.

 Für's Musikprogramm ist der bewährte Igor Albanese zuständig.

Hier geht es mit der Berichterstattung über die Gourmetmeile Metropole Ruhr weiter. Klick hier.

Die Gourmetmeile Metropole Ruhr auf Zollverein in Essen geht noch bis zum 28. August 2016. Fr ab 16 Uhr, Sa+So ab 12 Uhr. Alle Infos hier.


Dienstag, 23. August 2016

Herbst-Aktionen 2016: Restaurant-Karussell und Westfalen-Gourmetfestival



Léa Linster beim Westfalen Gourmetfestival,
Berthold Bühler beim Restaurant-Karussell

Während die wettertechnisch launische gastronomische Outdoor-Saison mit der „Gourmetmeile Metropole Ruhr“ auf Zollverein in Essen noch einmal auf einen tropischen Höhepunkt zusteuert und nächste Woche dann mit dem „Kulinarischen Altstadt Markt“ in Hattingen und „Steele à la carte“ im Essener Osten stimmungsvoll auspendelt, beginnt am Wochenende der Herbst mit seinen Indoor-Veranstaltungen. Am 26. August startet in Essen die Herbst-Ausgabe des „Restaurant-Karussells“ von Essen genießen e.V., bei dem bis zum 9. Oktober 33 Restaurants mit einem speziellen Menü-Angebot aufwarten. Eine wunderbare Gelegenheit, von Berthold Bühler und seinem 2-Sterne-Restaurant Résidence in Kettwig Abschied zu nehmen, das bekanntlich Ende des Jahres seine Pforten schließt. Alle Infos zum Restaurant-Karussell hier.

Am 29. August findet in der Rohrmeisterei Schwerte die – ausverkaufte - Eröffnungsgala des diesjährigen Westfalen-Gourmetfestivals statt. Leider nimmt außer der Rohrmeisterei in diesem Jahr kein weiteres Restaurant aus dem westfälischen Ruhrgebiet an dieser Aktion teil, doch es lohnt sich, Ausflüge ins Münster- oder Sauerland zu den Menüveranstaltungen namhafter westfälischer Restaurants mit bekannten Gastköchen zu machen. Die Rohrmeisterei tischt Ende Oktober/Anfang November noch fünf Mal im Rahmen des Festivals auf. Am 7. November wird z.B. die alte Freundin des Hauses Léa Linster erwartet. Alle Infos zum Westfalen-Gourmetfestival hier.

Sonntag, 21. August 2016

Bochum: Ein Besuch im „Neuland. Bar. Bistro. Stadtzimmer“ in der Rottstr. 15



 Im Glas funkelt ein Tariquet.

Man kann von den pingeligen Essgewohnheiten der Jugend von heute denken, was man will. Veganismus oder der neue Burger-Kult machen immerhin deutlich, dass sich die Leute Gedanken um die Qualität des Essens und der Zutaten machen. Das war nicht immer so. Als der Genießer vor etwa 25 Jahren begann, sich mit der Gastronomie kritisch auseinanderzusetzen, waren mexikanische Restaurants in Mode. Mit Schaudern denke ich an den Eröffnungspressetermin eines Mexikaners in Dortmund-Hörde zurück, auf dem der Betreiber voller Stolz verkündete, keinen Herd in der Küche zu haben. Stattdessen präsentierte er eine Batterie von Mikrowellen, in denen die Fertiggerichte aus den dazugehörigen Tiefkühltruhen aufgetaut wurden. Das einzige, was in zwei Fritteusen frisch zubereitet wurde, waren die Pommes.

Moderne von gestern im Blaubuchsenviertel

Das ist im Neuland anders. „Selbstverständlich kochen wir nur frisch und legen Wert auf gute Zutaten, besonders beim Fleisch“, sagt Andreas Browa, der die mit den Prädikaten „Bar, Bistro, Stadtzimmer“ versehene ehemalige Eckkneipe im Bochumer Griesenbruch seit zweieinhalb Jahren betreibt. Regelmäßig finden hier Kulturveranstaltungen statt und setzen die Tradition fort, die die Adresse Rottstr. 15 seit dem Kulturhauptstadtjahr hat. Im Zug des damaligen Kreativwirtschaftshype und dem beginnenden Bau des Bochumer Musikzentrums, das in diesem Herbst tatsächlich eröffnet wird, hatten die Stadtplaner das westlich der City gelegene Stadtviertel zwischen Viktoria-, Hattinger, Bessemer-, Allee- und Rottsraße mit seiner 50-er-Jahre-Architektur kurzerhand zum ViktoriaQuartier umfirmiert, in der Hoffnung, es würde einen ähnlichen Aufschwung nehmen wie das Bermudadreieck. Die Gastronomien am Hans-Ehrenberg-Platz boten dafür ein schönes Beispiel. Ein großer Schritt war die Etablierung des Moltke Marktes auf dem Springerplatz, und auch die Eröffnung des spanischen Restaurants „La Mesa“ im edel renovierten „Bessem-Carré“ (klick hier) scheint zu funktionieren. Doch der soziale Wandel im ehemaligen Blaubuchsen-Viertel geht nur langsam voran.

Urbanes Wohnzimmer.

Auch das Neuland profitierte ein wenig von der Politik und fand bei der Gründung Unterstützung beim Kulturamt der Stadt, das sich beim Ordnungsamt für den Laden einsetzte. Doch das Szenepublikum hielt sich leider nicht so ganz an die Vorgaben der Stadtplaner und fand in letzter Zeit seine neue Heimat eher am Kortländer, da wo sich die Ausfallstraßen Dorstener und Herner Straße am nördlichen Rand der City endlich küssen. „Da fehlt mir jetzt die Laufkundschaft“, meint Andreas etwas sehnsüchtig.

 Leckere Frischeküche.

Von den gebratenen Sesamgnocchi mit Fenchel, Kirschtomaten, Parmesan, Dattel-Pflaumen-Pesto und Schweinefilet (16,80 Euro), die Andreas mir von der kleinen Karte serviert, bin ich jedenfalls begeistert. Alle Aromen sind präsent, und das Filet ist schön saftig. Dazu ein Glas Tariquet, was Besseres kann es an einem späten Samstagnachmittag kaum geben.

 Clash der Wohnkulturen.

Während ich esse, ergötze ich mich an der Einrichtung des Ladens. Es ist jener postmoderne Wohnzimmer-Altmöbel-Stil, den ich seit meiner Studienzeit in den 1970-er Jahren aus den Fachschaftsräumen an der Uni und der Hausbesetzerzeit in den 1980-er Jahren kenne. Wie Jahresringe sind die Dezennien der letzten 60 Jahre erkennbar. Pseudobarocke Sitzmöbel sogar noch aus der Vorkriegszeit, Lampenschirme aus den frühen 1950ern, eine Musiktruhe und Kunstledersessel aus den 1960ern, Kneipenstühle aus den 1970ern und ein Thekenbereich aus der Neuzeit. Und langsam füllt sich das Neuland auch mit weiteren Gästen. Ich bin überrascht – es sind keine bärtigen Hipster, sondern ein anscheinend gut situiertes Ehepaar um die 60.

Neuland. Bar. Bistro. Stadtzimmer. Rottstr. 15, Bochum. Dienstag bis Donnerstag 17.30-23Uhr, Freitag und Samstag 17-1 Uhr, Sonntag 15.30-23 Uhr. Infos auch übers Kulturprogramm hier. 


Tapenade-Häppchen zum Wein.

Einst als Eckkneipe gebaut.

Hauptsache gesund!



Freitag, 19. August 2016

Gourmetmeilen 2016: „Gourmetmeile Metropole Ruhr“ auf Zollverein in Essen startet am 25. August



Mit dabei auf Zollverein: TV-Stars und Sterneköche
Björn Freitag und Nelson Müller

Darüber, dass ausgerechnet eine kulinarische Tradition, die im Kulturhauptstadtjahr 2010 begründet wurde, mit beständiger Nachhaltigkeit den Begriff „Metropole Ruhr“ hoch hält, freut den Genießer wie ein Schneekönig. Umso mehr, als das Schlagwort „Ruhrgebietsküche“ nach wie vor von den meisten mit einem skeptischen „Gibt’s doch gar nicht“ kommentiert wird.


 Das gibt es nur auf Zollverein:
Das Abendmahl unterm Doppelbock. Am Mittag.

Damals hatte Rainer Bierwirth vom Verein „Essen genießen“, der schon die Gourmetmeile „Essen verwöhnt“ organisiert, die Idee, eine städteübergreifende Meile auf die Beine zu stellen, die die Gastro-Landschaft des gesamten Ruhrgebiet abbildet. Als ideale Kulisse konnte er dafür das Weltkulturerbe Zollverein im Essener Norden gewinnen, und mittlerweile ist es das siebte Mal, dass die „Gourmetmeile Metropole Ruhr“ dort stattfindet. 17 Gastronomen aus acht Ruhrgebietsstädten nehmen daran teil.

Ob die Auswahl wirklich repräsentativ für die Städte und die Region ist, sei einmal dahin gestellt. Manch wichtiges Restaurant fehlt bedauerlicherweise, so z.B. das auf Zollverein ansässige Casino, das sich ein publikumswirksames Heimspiel durch die Lappen gehen lässt.


Leckere Häppchen gabs auch.

Die Auswahl der Gerichte aber, die die Teilnehmer besonders auch in der Rubrik „Bergmannsgericht“ anbieten, verschaffen dem Feinschmecker allerdings einen tiefen Einblick in die Küche der Region weit über die Currywurst hinaus.

Mit den Fernsehstars Nelson Müller und Björn Freitag kann die „Gourmetmeile Metropole Ruhr“ auch zwei teilnehmende Sterneköche aufweisen. Nelson Müller ist tatsächlich mit seiner besternten „Schote“ dabei und nicht „nur“ mit seiner Brasserie „Müllers auf der Rü“. Björn Freitag und sein Sterne-Restaurant „Goldener Anker“ konnte man bisher nur bei einem kurzen Intermezzo auf der Gourmetmeile in Schermbeck genießen.

Sitzend am Tisch: Brauer Axel Stauder, Nelson Müller,
Rainer Bierwirth, Zollverein-Vorstand Hermann Marth, Björn Freitag

Welch einen Anspruch die „Gourmetmeile Metropole Ruhr“ vertritt, demonstrierte man heute auf einer Pressekonferenz. Die Teilnehmer stellten kurzerhand Leonardos Abendmahl unterm dem Doppelbock von Zollverein nach.

Gourmetmeile Metropole Ruhr. 25.-28. August 2016. Zollverein Essen. Alle Infos hier.