Samstag, 14. August 2010

Kochbücher: Ruhrgebietsküche, Teil VI



Dr. Oetker Ruhrgebiet Kochen von A – Z“. 2010. Dr. Oetker Verlag. 256 Seiten. 9,95 Euro. Sonderausgabe für die Mayersche Buchhandlung.

„Dr. Oetkers Schulkochbuch“ ist für die Kochkultur in Deutschland mehr verantwortlich als jede andere Publikation, auch als sein großes Vorbild, das „Praktische Kochbuch“ von Henriette Davidis. Denn anders als das mittlerweile antike Standardwerk der Haushaltslehrerin aus Wetter an der Ruhr hat das geniale Marketing-Produkt des Bielefelder Backpulver- und Tiefkühlpizza-Produzenten die große kulturelle Zeitenwende in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg überstanden, nicht zuletzt, weil sich Dr. Oetker zu einem modernen, weitverästelten Großkonzern entwickelt hat. Doch nach wie vor verquickt das Kochbuch die Aufklärung übers Kochen mit der Werbung für die vielen hausgemachten Küchen-Helferlein der Lebensmittelindustrie.

Doch schon seit dem 1970er Jahren musste das Schulkochbuch mit der steigenden Unernsthaftigkeit, die sich beim Kochen in den Haushalten breit machte, auseinandersetzen und gegen das massenhafte Erscheinen von lustvollen Kochbüchern bei steigender Unlust an der Bedienung des Herdes auseinandersetzen. So wundert es nicht, dass sich auch das Angebot des Dr Oetker Verlages ausdifferenzierte. Passend zum Kulturhauptstadtjahr erschien als Sonderausgabe für die Mayersche Buchhandlung im Frühjahr „Dr. Oetker Ruhrgebiet Kochen“. Alphabetisch werden hier über 240 Rezepte in perfekter ökotrophologischer Aufbereitung präsentiert. Wer nach diesen Anweisungen kocht, dem kann nichts misslingen.

Die Auswahl der Rezepte ist durchaus ruhrgebietsgemäß, viele Eintöpfe, Spezialitäten wie Westfälisches Blindhuhn, Pfefferpotthast, Streuselkuchen oder die unvermeidliche Currywurst sind selbstverständlich dabei. Dennoch scheint das Buch jene Skeptiker zu bestätigen, die behaupten, es gäbe überhaupt keine eigenständige Ruhrgebietsküche. Denn manches Gericht wie etwa Rumpsteak in Pfeffersauce scheint sehr beliebig. Das sehr knapp gehaltene Vorwort sieht in der Ruhrgebietsküche nur eine nostalgische Sehnsucht nach den Gerichten der Kindheit; es scheint aber, als sei es in Wirklichkeit die Sehnsucht nach der Zeit, als Dr. Oetker noch die unangefochtene Autorität am deutschen Herd war. „Dr. Oetker Ruhrgebiet Kochen“ ist ein modernisierter Wohlfühl-Streifzug durch die allgemeine deutsche Küche des letzten Jahrhunderts, der auf die brisante, von Einwanderung geprägte Geschichte und Gegenwart des Ruhrgebiets nicht eingeht.

1 Kommentar:

  1. Werde mir das Kochbuch dennoch beschaffen. Auch ich habe u.a. nach dem Dr. Oetker Schulkochbuch in den 40er Jahren das Kochen gelernt. Warum sich nicht jetzt mit einer Neuauflage beschäftigen.

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