Mittwoch, 9. September 2015

Aus dem Archiv: Ristorante Nuragus - Sardische Melancholie

Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2016".
Das Restaurant gibt es nicht mehr.


Ein gehobenes italienisches Restaurant wie aus dem Bilderbuch. Elegant eingedeckte Tische mit gediegen weißen Tischtüchern. Durch die hohen Altbaufenster blickt man auf den Kaiserbrunnen, der von einer noblen bürgerlichen Vergangenheit Dortmunds kündet. Aus den Lautsprechern grunzt sanft Paolo Conte seine Canzoni, die in den populären Fassungen von Adriano Celentano u.a. zu Welthits geworden sind. Es herrscht eine heimelige, würdevolle Melancholie, die nur durch das bunte T-Shirt gebrochen wird, die Padrone Marco Oggiano heute ausnahmsweise anstelle von Schlips und Kragen trägt. Es schmerzt ein wenig, dass ich an diesem Abend der einzige Gast in dieser Stätte der konservativen Esskultur bin. Zumal ich noch den überfüllten Imbiss-Trubel in einem populären Steakhaus in Erinnerung habe, wo das Essen auch nicht preiswerter war.

Nuragus heißt eine autochthone weiße Rebsorte auf Sardinien, die nach den prähistorischen Wachtürmen auf der italienischen Mittelmeerinsel benannt ist. Als Restaurantname soll Nuragus die regionale Küchenausrichtung des Hauses andeuten. Doch wenn man Marco auf sardische Küche anspricht, freut er sich, druckst aber ein wenig herum. Von den Vorspeisen und von den Desserts kann er typische sardische Spezialitäten empfehlen, die ich selbstverständlich nehme. Bei den Hauptgängen, die eher klassische italienische Fleisch- und Fischgerichte sind, sei leider nichts dabei.

Als ich als Pasta-Gang Ciccioneddos (12,50 Euro) und zum Nachtisch die Su gioddu (6,50 Euro) vor mir stehen habe, bemerke ich, dass ich beide Gerichte in gleicher Form schon vor fünf Jahren serviert bekam, als ich das erste Mal im Nuragus war. Aber was soll‘s. Ich bin wieder total begeistert. Ciccioneddos sind sardische Gnocchi, die Marco mit einem Sugo aus Cocktailtomaten, inseltypischem Fenchel, Salsicca, einer ebenfalls mit Fenchel gewürzten Wurst, und gereiftem Pecorino anrichten lässt. Su gioddu ist eine Mousse aus Joghurt, ausdekoriert mit frischen Früchten, und eine wunderbar leichte Alternative zur ewigen Panna cotta.

Beim Hauptgericht folge ich ebenfalls Marcos Empfehlung und bestelle die Corona di agnello (26 Euro), Lammkarree mit Kräutern, in dem seine Vorstellung von Küche besonders deutlich zur Geltung käme. Das zarte Karree ist nur dezent vom Fett, dem wichtigsten Geschmacksträger, befreit und mit Kräutern und Knoblauch aromatisiert. Vielleicht hätte sich das Fleisch ein wenig leichter vom Knochen lösen können. Dazu gibt es die klassischen Beilagen wie Kartoffelgratin und geschmorte Gemüse, einfach, elegant und gut. Den sardischen Touch bringt dann der Wein, ein gereifter roter Cannonau di Sardegna Riserva (0,25-l-Glas 10 Euro), die Variante der südfranzösischen Grenache-Traube. Er stammt von Sella & Mosca, der wichtigsten Kellerei der Insel.

Bestens auf meinen bevorstehenden Italien-Urlaub eigestimmt, verlasse ich nach genussreichem, nur von Marcos charmantem Service unterbrochenem Mahl das schöne Lokal. Ich muss unwillkürlich an einen Satz aus dem Roman „Der Leopard“ denken, der das konservative Weltbild seines Helden umreißt: Manchmal muss man etwas verändern, damit alles so bleibt wie es ist.

Naja, vielleicht aber auch nicht.

-kopf


44135 Dortmund-Kaiserstraßenviertel, Goebenstraße 1

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