Dienstag, 15. Dezember 2009

Neu in Bochum: „Lidl“ im Bermudadreieck




Gestern eröffnete eine neue „Lidl“-Filiale in der Bochumer Innenstadt. Eigentlich nichts Besonderes, ist die Filiale doch nicht mehr als ein weiterer Spielstein im Expansions-Konzept des Discounters. Was den Genießer enttäuscht ist jedoch, dass sie im Bermudadreieck liegt, mitten im „ViktoriaQuartier", das nach dem Willen der Bochumer Stadtplaner und der Strategen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 ein Zentrum der Kreativitätswirtschaft sein soll. Als ein Vertreter der sog. „Kreativen Klasse“ hatte sich der Genießer, der hier schon seit Jahren wohnt, etwas anderes gewünscht als einen Billig-Discounter. Wenn schon eine Handels-Kette, warum dann nicht einen Bio-Supermarkt von „Basic“? Der hätte imagemäßig viel besser hier hin gepasst und die Einkaufssituation in Bochum tatsächlich gehoben. Der Genießer jedenfalls versäumt es nie, die entsprechende Filiale in Essen zu besuchen, wenn er da ist, und fährt gelegentlich auch extra dort hin. Will er sich in seiner Heimatstadt bio-mäßig versorgen, muss er die Innenstadt verlassen.
Sicher sind preiswerte Einkaufsmöglichkeiten in einer wirtschaftlich gebeutelten Stadt wie Bochum notwendig, aber die gibt es hier wahrlich genug. Verhungern tut hier keiner. Es ist ein Armutszeugnis, das für die Stadt mit der „Lidl“-Ansiedlung an der Viktoriastraße ausgestellt wird – zumal mit dem Bau des auf Hochwertigkeit setzenden Konzerthauses für die Bochumer Symphoniker ein paar Schritte weiter noch gar nicht begonnen wurde. Es wird jetzt wohl als „Bauplatz neben Lidl“ in die Stadtgeschichte eingehen.
Immerhin: „Lidl“ selbst sieht alles sehr realistisch. Der Eingang zum Laden wurde diskret nach hinten zum Parkplatz angebracht und nicht nach vorn zu Viktoriastraße und Konrad-Adenauer-Platz. Das wird den Discounter jedoch nicht daran hindern, als Bier-Nachttanke für das kreative Prekariat (sprich: arme Studies) zu dienen, die sich die Kneipenpreise im Bermudadreieck nicht leisten können.

Diskreter Eingang vom Parkplatz aus

Kommentare:

  1. So bedauerlich diese Entwicklung ist, so hat die Stadt wohl wenig Einflussmöglichkeit auf die Unternehmensauswahl. Es sei denn, das Grundstück befand sich vorher im städtischen Besitz. Im Übrigen ein Konzerthaus neben "Lidl", das ist doch schon typisches Ruhrgebiet. Bezüglich Konzerthaus ist der Zug wohl abgefahren. Eine Pleitestadt wird sich auch in Zukunft so etwas nicht erlauben können. Das Problem stellt also nicht.

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  2. Es ist eine Schande für diesen Teil Bochums, ich werde diesen Laden nicht betreten!!

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  3. Standesdünkel in Bochum? Ob nun Lidl (deren Personalpolitik anzuprangern ist) oder Basic - das Gebäude wäre das selbe - oder? Ist nicht gerade der Facettenreichtum ein Merkmal des Ruhrgebietes?

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  4. Ich finde es nicht schlimm, einen Standesdünkel zu haben, wenn es um eine Verbesserung des Angebotes geht. Bei Basic gibt es einfach die besseren Produkte, das sollte man als Kulinariker wissen. Ich kann zwei Discounter (und einen konventionellen Supermarkt) zu Fuß erreichen, wozu brauche ich da noch einen dritten? Zum nächsten Bioladen muss ich hingegen mit dem Auto. Es ist ja nicht das Problem in Bochum, billig einzukaufen, sondern gut. Mehr gute Lebensmittelgeschäfte, das wäre Facettenreichtum.

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  5. ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich kann mich wohl einfach nicht in die Angebotswüste Bochum hineinversetzen. Ich erreiche fußläufig Basic, SuperBioMarkt, Aldi, Netto, Edeka und real. Doch wie unser Freund Herbert G. so passend fragte: 'Wer wohnt schon in Düsseldorf ...'

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  6. Ich gehe nie zu Lidl!
    Oma ist da mal böse gestürzt und gehören die nicht auch zu Scientology?

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  7. O.K., vorher stand da ein Autohaus auf Privatgrundstück, umgeben von einem heruntergekommenen Umfeld, auch wenn da wo das "Riff" steht. Aber wenn seitens der Stadt beabsichtigt war, das miese Grundstück im Kulturhauptstadtjahr hochzupuschen und den Bosys eine neue Spielstätte nebenan zu verschaffen (wer von der geneigten Leserschaft war denn schon mal im PrinzRegentRevier + hat sich die derzeitige Übungsstätte angeschaut???), dann hätte hier ein neuer Bebauungsplan hergemusst. Dann wären vielleicht dererlei Geschäfte nicht möglich gewesen. Aber unsere Stadtregierung hat einfach nichts mit Kultur im Sinn! Seit wann wissen die eigentlich, daß Bochum zur "Kulturhauptstadt 2010" gehört?! Jetzt folgt eine Blamage nach der anderen. Und das weiß bald ganz EUROPA!

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  8. Dafür gibt es wohl keinen objektiven Anhalt, nur massenhaft rumors im Netz. Ansonsten: Man kann sich natürlich auf die Gleichung Lidl= Billigschmuddel für die Armen einigen. Tut dem eigenen Ego ja auch gut, so etwas Abgrenzung und das Herausstellen der "kleinen Unterschiede".
    Lidl fährt übrigens gerade eine Marketingkampagne contra billig: Dieter Müller (3 Sterne), Kolja Kleberg (1 Stern), Mario Kotaska (1 Stern) stehen als Pappkameraden im Eingang und zeigen, wie man mit den Einkäufen ausm Laden leckere Sachen machen kann. Und in den Regalen liegt natürlich außer Hundefutter für 39 Cent auch der Trüffelkäse - schon klar, der ist natürlich nicht so gut wie der "Richtige".

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  9. Mit der Sterneköche-Kampagne will Lidl dem Aldi-Kult, der schon seit Jahren unter Leuten herrscht, die es eigentlich nicht nötig hätten, da zu kaufen, im Kampf um Marktanteile etwas entgegensetzen. Um im kulinarischen Klassenkämpfer-Jargon zu bleiben: Mir scheint es ein unüberwindliches Dilemma zu sein, dass man anscheinend nur durch "Ausbeutung" von Mitarbeitern (z.B. Bespitzelungs-Vorwürfe) und Warenproduzenten (z.B. Milchpreise-Druck) für sozialverträgliche Lebensmittelpreise sorgen kann. Wobei "sozialverträglich" in diesem Zusammenhang wohl bedeutet, dass beim Kunden noch genug Geld für anderen "Konsumschrott" übrig bleibt.
    Dabei wollte ich mit meinem Post doch nur zum Ausdruck geben, dass ich mich über einen Bio-Markt in meiner direkten Nachbarschaft sehr gefreut hätte und ich das ViktoriaQuartier für ein ideales Pflaster dafür halten würde. Und da halte ich eine Lidl-Filiale für eine vertane Chance.

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  10. Da gibt es etwas dass sich Markt nennt: Wenn des den für Basic in der Bochumer Mitte geben würde, wäre er da. So ist nun einmal Lidl da. Und: Standesdünkel ist etwas für Leute, die nichts leisten, worauf sie stolz sein könnten.

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  11. Georg aus Bochum meint:
    (Will nicht anonym bleiben, hat aber keine Lust/Zeit für Anmeldeprozedur)
    In der Tat schließt doch dieser Lidl eine Lücke im City-Bereich. Ein Aldi ganz in der Nähe wäre jetzt noch schön. Wir wohnen z.B. in der Nähe der Innenstadt (bei der U35-Station Waldring) und der nächste zumutbare Aldi wäre für uns in der Bessemerstraße oder Blumenstraße. Für die wöchentliche Basisversorgung geht es nicht ohne Aldi - Lidl ist da noch kein wirklicher Ersatz. Für die wenigen Dinge, die man nicht bei Aldi bekommt (Frischwurst, trinkbaren Wein, gute Tiefkühlpizza...) genießen wir dann gern das hervorragende Ambiente bei Edeka Burkowski. Ohne dort mehr Geld zu lassen als unbedingt nötig.
    Und zu einer Formulierung von "Genießer": Was soll das heißen, "Leute, die es eigentlich nicht nötig hätten, bei Aldi zu kaufen"? Den Einkauf bei Aldi diktiert doch die reine Vernunft. Im Gegenteil: Wer hat es nötig, überteuerte Waren in gleicher Qualität in anderen Läden zu kaufen? Denn dass die Discounterprodukte sich nicht in der Qualität, sondern nur in der Abwesenheit des "Snob-Effekts" unterscheiden, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Läden wie Basic oder der Biomarkt an der Wittener Straße leben doch letztlich davon, den Standesdünkel der paar übriggebliebenen Ökos zu bedienen und ihnen mit überteuerter Ware das Geld aus der Tasche zu ziehen. Erfrischenderweise zeigt sich, wie bereits angemerkt, dass der Markt für derlei Einkaufs-Manierismus im Citybereich nicht ausreichend tragfähig ist. Dazu braucht es wohl eines von Pädagogen und Vollzeit-Müttern dominierten Stadtviertels.
    Meine Vermutung (Hoffnung): In der Gegend leben mehrheitlich Leute, die den Wert des verdienten Geldes zu sehr zu schätzen wissen, um es zu verfuttern. Lecker und sättigend - das geht auch billig. Und so bleibt mehr Geld für die Sachen, die wirklich Spaß machen und befriedigen: Kino, Theater, Musik, Gadgets, Elektronikspielzeuge usw. Das ist auch besser fürs Cholesterin und das Gewicht, sprich das Aussehen.

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