Montag, 14. November 2011

Aus dem Archiv: Weinrestaurant Julius - Sitzfleisch für den Aromenmarathon

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2012".
Das Restaurant gibt es nicht mehr. Im Bistro befindet sich heute (2024) das ialienische Restaurant "Fratelli".

Im März 2012 wird vieles anders im Julius. Das Weinrestaurant in der Herner Innenstadt wird Vollrestaurant, erweitert um ein Bistro, das täglich geöffnet hat. Allerlei Tapas wird es dann geben, spanische natürlich, aber auch Französisches und Westfälisches. Im Café-Bereich wird die Tradition der alten Herner Konditorei Funke wieder aufleben. Und natürlich werden die bislang zweimal im Monat stattfindenden Menüabende, die das Julius in den letzten Jahren einzigartig in der Gastrolandschaft des Ruhrgebiets gemacht haben, weiter fortgesetzt. Und das, obwohl Patron Hartmut „Julius“ Meimberg eigentlich kürzer treten will. Mit 60 kann man darüber schon mal nachdenken.

So hat der kochende Weinhändler die Weichen für die Zukunft gestellt. In der vierten Generation führt er die Herner Firma Julius Meimberg und hat in den letzten 25 Jahren aus der ehemaligen Brennerei eine der profilierteste Weinfachhandlung im Ruhrgebiet gemacht. In den alten Produktionsräumlichkeiten im großbürgerlichen Eckhaus Bahnhof-/Viktor-Reuter-Straße hat er 1988 dazu das Weinrestaurant Julius eingerichtet. Für beide Bereiche sind jetzt Nachfolger bzw. Partner gefunden. Doch vollständig zurückziehen wird Meimberg sich nicht. Dazu ist er viel zu sehr mit seinem Betrieb verwurzelt und mit voller Leidenschaft bei der Sache. So hat er, damit die Gerichte, die dort serviert werden, auch wirklich zu dem individuellen Weinangebot der Weinhandlung passen, kurzerhand das Kochen gelernt und im renommierten Club der kochenden Männer e.V. den Grand-Maître de Chuchi gemacht. Das Ergebnis: Heute kocht der einstige Amateur in der Köchegruppe „ReVier“ mit den Ruhrgebietsspitzenköchen Mario Kalweit (Dortmund), Stefan Manier (Waltrop) und Dirk Eggers (Sprockhövel) zusammen. Das Quartett hat Meimberg im Kulturhauptstadtjahr 2010 ins Leben gerufen, um der Ruhrgebietsküche neuen Drive zu geben.

Was er darunter versteht, kann man den ReVier-Menüabenden erleben, die mehrmals im Jahr neben den klassischen Weinmenüs mit italienischer und französischer Küche stattfinden. Dann zelebriert er eine kreative Ruhrgebietsküche, die tief im Westfälischen verwurzelt ist, aber die Einflüsse der Arbeitsimmigranten, die das Revier so nachhaltig prägen, aufgenommen hat. Beim Testbesuch Mitte November servierte er einen Reigen von acht herbstlichen „Ruhrgebiets-Tapas“ (65 Euro inkl. Weinbegleitung), die mit allerlei Kücheneinflüssen und Aromen spielten.

Auf eine „Westfälische Pizza“ aus Kartoffelteig mit Schmand und Mettwurst folgte eine Terrine, in der er normale und lila Kartoffeln mit weißer Schokolade zu einer überraschenden Einheit verband. Darauf wurde eine geräucherte Makrele von Schäumen aus grünem Senf und frischem Meerettich umspült. Dann gab es moderne Interpretationen der westfälischen Henriette-Davidis-Klassiker Spanisch Fricco (ein Kartoffelauflauf mit Iberico-Schwein) und Blindhuhn (kein Geflügel, sondern ein Bohneneintopf mit prickelnder Chorizo). Die Granate schlechthin war der Bratapfel, der mit Blutwurst, Pumpernickel und Haselnüssen gefüllt und auf einem Saucenspiegel aus dem exklusiven ReVier-Senf der Schwerter Senfmühle angerichtet war. Nach diesen Ouvertüren folgte als Hauptgang ein Schweinefilet im Brotmantel, dessen Teig nach dem Rezept des westfälischen Kastenpickert angerichtet war. Den Nachtisch bildete schließlich ein Apfel-Tiramisu. Sitzfleisch musste man schon mitbringen, um diesen fünfstündigen Aromenmarathon bewältigen zu können, aber jeder Gang war diese Anstrengung wert.

Zur Erleichterung wurden zudem alle Gerichte selbstverständlich von sorgfältig ausgewählten Weinen aus den Kellern der Weinhandlung begleitet. Neben Spitzentropfen aus Spanien, Österreich, der Pfalz und von der Mosel waren auch zwei dabei, die Meimberg exklusiv unter dem ReVier-Label abfüllen lässt: ein Riesling Sekt brut als Aperitif und ein Rheinhessen Riesling trocken. Und als Digestif gab es zum Abschluss u.a. zwei Schnäpse, die Meimberg immer noch nach den traditionellen Rezepte des Hauses produzieren lässt: den sechs Jahre im Weinbrandfass gelagerten Korn Sternalten und den Halbbitter Förderturm.

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Weinrestaurant Julius: Ruhrgebiets-Tapas in Herne

Im "Julius" finden keine Menüveranstaltungen mehr statt.


Auch wenn das Kulturhauptstadtjahr vorbei ist, Hartmut Julius Meimberg vom Weinrestaurant Julius in Herne bleibt dem Weg treu, der 2010 mit der Gründung der Köchegruppe ReVier eingeschlagen worden ist. Besonders mit ReVier-Mitglied Mario Kalweit aus Dortmund kocht immer wieder zusammen. Leider konnte der Genießer an ihrem letzten gemeinsamen Menü Anfang Oktober nicht teilnehmen. Am Samstag präsentierte Julius aber ganz allein acht Ruhrgebiets-Tapas in seinem Restaurant. Das konnte sich der Gneießer nicht entgehen lassen. Das Menü war ein fünfstündiger Aromenmarathon, der es in sich hatte, begleitet von souverän ausgewählten Weinen sondergleichen.

Westfälische Pizza aus Kartoffelteig mit Schmand und Mettwurst: ein klasse Einstieg.


Luftige Kartoffelterrine von weißer und lila Kartoffel mit weißer Schokolade auf knallgrünem Kopfsalat-Jus mit luftgetrocknetem westfälischem Schinken. Die Verbindung von Kartoffel und Schokolade war hinreißend. Der Genießer weiß jetzt, was er demnächst ans Püree tut.
Wein: 2010 Weißburgunder trocken, Weingut Später-Veit (Mosel)


Häppchen von fein geräucherter Makrele auf Schäumchen von frischem Meerettich und grünem Senf. Besonders der Senfschaum überzeugte und spiegelte die Aromen des Weins wider.
Wein: 2009 Rheinhessen Riesling trocken. Selection ReVier

Westfälisches Bohnengemüse (Blindhuhn) mit Birne und Brösle von spanischer Chorizo. Die spanische Paprikawurst machte das Gericht überraschend pikant.
Praline von Spanisch Fricco. Das westfälische Traditionsgericht ist von Henriette Davidis überliefert. Julius kombinierte ein Kartoffelgratin mit einem Würfel vom Iberico-Schwein.

Kleiner Bratapfel gefüllt mit Blutwurst, Pumpernickel und Haselnüssen, dazu Sauce vom ReVier-Senf. Die Granate des Abends:. Apfel und Senf gingen fantastisch miteinander.
Wein: 2008 Spätburgunder trocken, Weingut Minges (Pfalz)


Filet vom Landschwein im würzigen Brotmantel aus Kastenpickert-Teig. Nahrhaft und gut!
Wein 2005 Navarra Garnacha Reserva, Bodegas Alconde (Spanien)


Westfälisches Apfel-Tiramisu
Wein: 20o6 Chardonnay Beerenauslese, Weingut Auer (Thermenregion/Österreich)


Zum Abschluss: Förderturm Halbbitter von Meimberg

 Ausgesuchte Weine charmant serviert.

Sonntag, 13. November 2011

Gestern bei Mama: Kastaniengulasch

Gestern habe ich für Mama Kastaniengulasch gemacht. Die Idee dazu kam mir, als ich die Wiederholung einer Sendung der Reihe „Was die Großmutter noch wusste“ gesehen hatte, in der die legendäre Schweizer Fernsehköchin Kathrin Rüegg dieses Gericht in skurriler Eintracht mit dem schwäbelnden Werner O. Feißt zubereitete. Das war ganz einfach zu machen und begeisterte mich sofort.

Statt Kalbsgulasch wie in der Sendung vorgeschlagen, nahm ich Rindergulasch, das mir Frau Hirt bei Metzger Gläser aus der wunderbar marmorierten Keule eines fetten niederrheinischen Weideochsen schnitt. Ein Glas geschälter Bio-Kastanien hatte ich noch von letztem Jahr im Küchenregal stehen. Dazu gab es gegarte Rote Bete auf Feldsalat, die ich in einem Dressing aus Aceto Balsamico, Apfelessig, Walnussöl, Apfelsaft, Pfeffer, Salz und Zucker mariniert hatte, und in Butter geschwenkte Nudeln.

Mama war leider indisponiert und mochte kaum etwas essen. Die Kastanien waren ihr zu trocken. So blieb mir nichts andres übrig, als selbst kräftig zuzulangen und den Rest des Gulasch dem Haushalt meiner Schwester zu stiften.


Rezept: Kastaniengulasch frei nach Kathrin Rüegg

30 Gramm Butterfett
800 Gramm Rindergulasch
3 Zwiebeln, fein gehackt
200 Gramm Karotten, kleine Würfel
20 Gramm Tomatenmark
700 Gramm Kastanien, geschält
3 EL Mehl
100 ml Rotwein
500 ml Wasser
Salz
Pfeffer
Paprikapulver
Gewürzmischung aus Pfeffer, Piment, Koriander und Zimt

In einem Bräter iZwiebeln, Karotten und und Tomatenmark in etwas Butterfett andünsten. In einer separaten Pfanne die Fleischwürfel portionsweise anbraten und in den Bräter geben.
Mehl darüber streuen und mit Wein ablöschen. Das Wasser dazu gießen und gut umrühren. Mit Salz, Pfeffer, Paprikapulver und Gewürzmischung abschmecken. Ca. 90 Minuten köcheln lassen, bis das Fleisch weich ist. Kurz vor Schluss die Kastanien aus dem Glas dazugeben und 10 Minuten mitziehen lassen.

Freitag, 11. November 2011

Aus dem Archiv: Parkhaus Hügel - Baldeneyer Impression

Der Text erschien erstmals in "Essen geht aus 2012".

Eines der bestgehüteten Dokumente im Archiv des Essener Gastronomen Hans-Hubert Imhoff ist ein altes Schriftstück, in dem die Stadt Essen garantiert, dass der Blick von der Terrasse des Parkhaus Hügel auf den Baldeneysee nicht durch große Bäume und Büsche zugepflanzt wird. Denn dieser elegische Blick über die Freiherr-vom-Stein-Straße hinweg aufs Wasser ist einer der Gründe, weshalb hier bei gutem Wetter so etwas wie Thomas-Mann-Atmosphäre herrscht. Hier, mitten im Herzen des Ruhrgebiets, kommt man sich vor wie am Vierwaldstätter See, wenn bei entsprechendem Wetter die formvollendeten Servicekräfte mit geradezu Schweizer Gastronomie-Professionalität die Küche von Suvad Memovic servieren. Nur die Berge sind nicht so hoch. Hans-Hubert Imhoff konnte in diesem Jahr etwas verspätet das 55. Jubiläum des Parkhaus Hügel feiern, doch die Beziehung der Familie Imhoff zu der gediegenen Restauration zu Füßen der Villa Hügel ist noch älter. Bereits in den 1920er Jahren belieferte sein Vater Hubert Imhoff als Konditor die damalige „Hügelgaststätte“ mit Kuchen, bis er sie 1955 schließlich pachtet. Als „Parkhaus Hügel“ entwickelte sich zur eleganten Stube des Essener Bürgertums, und die internationalen Staatsgäste, die die den Krupp-Stammsitz besuchten, wurden hierher zum Essen geführt. Hans-Hubert Imhoff konnte das Haus 2004 schließlich kaufen. Mittlerweile ist es zum Stammsitz eines kleinen Gastronomie-Imperiums mit weiteren Häusern in Essen, Duisburg, Mülheim und Oberhausen geworden.

Seit etwas mehr als anderthalb Jahren kocht Suvad Memovic im Parkhaus Hügel. Lange Zeit hat der gebürtige Dortmunder mit dem 2-Sterne-Koch Thomas Bühner zusammen gearbeitet, und es ist ihm gelungen, die im Lauf der Jahrzehnte etwas betulich gewordene Küche des Hauses behutsam zu modernisieren. Die gutbürgerlichen Klassiker haben nun Sterne-Chic. So wird etwa in der Speisekarten-Rubrik „Klassische Gerichte neu interpretiert“ der Westfälische Sauerbraten als „sauermariniertes Rinderfilet mit Spitzkohl, Apfelgelee und Apfelwürfel, Kartoffelklößchen und Rosmarinjus (24 Euro) angeboten. Aber auch hinter den unprätentiösen Bezeichnungen der anderen Gerichte verbergen sich kulinarische Pretiosen: Rote Bete-Essenz mit luftgetrocknetem Rindfleisch, Kohl und Sauerrahm (9 Euro), Teriyaki mariniertes Wagyu Rind mit Enoki-Pilzen, Zuckerschoten, Basmatireis und Kokos-Chilisud (27 Euro) oder Bäckchen und Filet vom Kalb mit Urkarotten, Kräuterseitlingen, cremigem Kartoffelpüree und Rucolaschaum (26 Euro).

Lohnenswert ist es, wenn ein Aktionsmenü wie beim Restaurantkarussell auf dem Programm steht. Da wird ein günstiger Streifzug durch Küche und Weinkeller des Hauses geboten und ein viergängiges Menü schnell zu einem kleinen Festmahl, denn bei fast jeder Gang besteht aus zwei verschiedenen Haupt-Komponenten. Beim Testmenü (46 Euro inkl. Wein) machten herrliches, hausgebackenes Brot und ein kleines schaumiges Kürbissüppchen als Amuse gueulle den Entree. Der erste Gang war Suvad Memovics fantasievolle Antwort auf den Italo-Klassiker „Vitello Tonnato“: für rosa Kalbsrücken und mit gegrilltem Thunfisch und Parmesaneis richtete er die einzelnen Bestandteile völlig neu mit einem Salat aus essbaren Blüten an. Wären doch nur die Thunfischstückchen größer gewesen! Köstlich war der Suppengang. Eine Consommé vom Fasan mit wilder Feige und eine Maronenschaumsuppe wurden in hohen, Schnapspinnchen ähnlichen Gläsern serviert, garniert mit winzigen Miniaturstückchen vom Fasan auf kleinen Spießchen und Zuckerstäbchen. Das war sehr hübsch anzusehen und schmeckte auch, war aber aus den hohen schmalen Gläschen schwierig auszulöffeln (und zum Kippen viel zu schade). Zum genussvollen Satt-Essen war dann der Fleischgang, ein zart gegartes Entrecôte vom Hohenloher Rind mit Arganöl, geschmortem Chicoree und einem Kalbsbäckchencannelloni mit Datteljus und Kichererbsenspüree, das mit Orange parfümiert war. Als Dessert gab es schließlich eine Mango-Currymouse mit eingelegter Ananas und Bananensorbet. Die Weine waren gut ausgesucht und ergänzten die Gänge harmonisch, ohne groß herauszufordern: 2009 Forster Ungeheuer von Dr. Deinhard in der Pfalz, 2008 Shiraz Vi de La Terra vom Castell Miquel auf Mallorca und eine süße 2006er Riesling Auslese von Losen-Bockstanz an der Mosel.

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45133 Essen-Bredeney, Freiherr-vom-Stein-Straße 209
Fon 0201. 47 10 91
https://www.parkhaus-huegel.de/

Aus dem Archiv: Restaurant MUMM - Kreative Fröhlichkeit

Der Text erschien erstmals in "Essen geht aus 2012".

Mintrop’s Landhotel ist ein mit besten Referenzen versehenes Tagungshotel. Abgeschieden und dennoch gut erreichbar auf den Ruhrhöhen im Essener Stadtteil Burgaltendorf gelegen, bietet der ehemalige Bauernhof ein einladendes Ambiente für Tagungs- und Übernachtungsgäste. Alle Zimmer sind individuell mit viel Witz künstlerisch gestaltet, und das setzt sich auch im Restaurant MUMM fort. Das Design des Schweizer Konzeptionisten Klaus Frost und seiner Tochter Christine pulsiert geradezu vor Kreativität und setzt Motive aus der griechischen Sage von Ikarus um. Literarische Zitate werden an die Wand projiziert, an der Decke schwebt eine geflügelte Skulptur, und selbst die Schirme der Halogenlampen haben die Form von Schwalben am Himmel. Wer Spaß an solch fröhlicher Deko hat, kommt hier aus dem Staunen nicht heraus.

Für die Tagungsgäste bietet die Hotelküche ein konzentrationsförderndes und schmackhaftes Catering, das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auf ihre besonderen Bedürfnisse eingeht. Dieses Wissen prägt auch in das À-la-Carte-Programm des Restaurants, auf der selbstverständlich immer auch vegetarische Gerichte zu finden sind. Küchenchef Sven Heinroth und sein Team bieten eine ausgewogene, saisonale und kreative Frischeküche mit regionalem Einschlag an, die auch dann einen Besuch lohnt, auch wenn man nicht im Hotel übernachten will. An Dekorationsfreude können es die Arrangements auf dem Teller mit der Raumausstattung durchaus aufnehmen, und so ist ein Dinner im MUMM immer auch ein kleines Festmahl.

Garnele auf Couscoussalat


Gratinierter Ziegenfrischkäse


Das dreigängige Menü, das ich mir beim Testbesuch von der Karte zusammenstellte, ließ kaum einen Wunsch übrig. Nach dem Amuse gueulle, einem Löffelchen pikantem Couscoussalat mit einer gebratenen Garnele als Krönung, war der mit Tannenhonig und Pinienkernen auf Walnussbrot gratinierte Ziegenfrischkäse mit Blattsalat (11 Euro) an diesem kühlen Herbstabend ein angenehm warmer und dennoch frischer Einstieg mit einer behaglichen Aromenvielfalt.


Kabeljau mit Muscheln


Den Hauptgang bildete ein tadellos gebratenes Kabeljaufilet, das mit einem Rheinischen Muschelessen eine herzhafte Vermählung eingegangen war (19 Euro). Der Fisch, genau auf den Punkt gegart, thronte auf einem Spinatkissen, um das herum eine ordentliche Portion Miesmuscheln mit Lauch und Zwiebeln in animierend pikantem Pfeffersud angerichtet war. Nicht so überzeugend waren leider die Butterkartoffeln, die dazu in einem Extraschälchen gereicht wurden. Eine festkochende Sorte war sehr al dente gegart, was erstens dem Kartoffelgeschmack nicht zu Gute kam und mich zweitens um das Vergnügen brachte, Muschelsud, Spinat und Kartoffeln mit der Gabel zu einer Art köstlichem grünem Labskaus zu zermanschen (man verzeihe diesen lustvollen Ausdruck). Die Dinger waren einfach zu hart. Aber immerhin wurde ich mit einem Glas 2010er Riesling Sommerpalais vom Reichsgraf von Kesselstatt an der Mosel (0,1l 2,90 Euro), das noch vom Aktions-Menü des Restaurant-Karussells übrig war, geschmacklich bestens entschädigt.


Dessert


Am Dessert, einem Birnen-Quarkstrudel mit Cranberrysorbet und Calvadosfeigen, (8 Euro), war nichts auszusetzen. Es war eine angenehme herbstliche Süßigkeit, die einen schönen Anschluss für diesen lohnenswerten Ausflug nach Burgaltendorf abgab.
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Zur Website klick hier.
45289 Essen
Schwarzensteinweg 81
02 01. 57 17 10
tägl. ab 12 Uhr

Aus dem Archiv: Eggers - Au Schweinebacke!

Der Text erschien erstmalig in "Bochum geht aus 2012"

Mein Gott, brummt dieser Laden! Wir haben Donnerstagabend, und es ist ein ständiges Kommen und Gehen, so dass die Bedienungen kaum Atem schöpfen können. Hotelgäste, Damenkränzchen, Ehepaare aus der Nachbarschaft gehen in den verwinkelten Gasträumen ein und aus, und vorn an der Theke erfüllt das Hotel-Restaurant Eggers auch noch die den Zweck als Dorfkneipe. In der Hektik fällt kaum auf, dass plötzlich meine Tischdekoration, eine elegante Rose mit allerlei Trockengrün, an der heruntergebrannten Kerze Feuer fängt und von meinem Tischnachbarn durch beherztes Darüberwerfen einer Serviette gelöscht wird. Das angekokelte Ding wird kurzerhand entfernt und weiter geht’s - business as usual.

Dirk Eggers hat es wie kein anderer im Ennepe-Ruhr-Kreis geschafft, die rustikale Bodenständigkeit der Region in kulinarische Höhen der Gourmet-Küche zu integrieren. Deutlich wird das in seinem Klassiker „Paella des Bergmanns“ (15 Euro), bei der er deftigen Grünkohl mit so ausgesuchten Köstlichkeiten wie Mettwurst, Speck, gebackenen Kalbfleischklößchen, gepökelter Schweinebacke, Gänsebratwurst und Blutwurst garniert – den süßen Senf-Dipp nicht zu vergessen.

Gelernt hat Dirk Eggers sein Handwerk im Hattinger Haus Kemnade und arbeitete dann im Goldschmieding in Castrop-Rauxel, um sich den Feinschliff u.a. bei Jean-Claude Bourgeuil im Kaiserswerther Schiffchen zu holen. 2012 kann er mit seinem Hotel-Restaurant in Sprockhövel sein 15-jähriges Jubliäum feiern. Seit 1999 hat er sogar die Weihen des Guide Michelin, den „Bib Gourmand“ für ein besonders gutes Preis-Leistungsverhältnis.

„Auf gut Deutsch“ ist das Motto seiner Küche, was aber nicht heißt, dass er nicht über den Tellerrand hinausblickt. Zum Entree, zwei Scheiben selbst gebackenes Brot, wurden mir beim Testbesuch neben einem Stück mit Grünkohl verfeinerter Mettwurst, Gänseschmalz und Kräutersalz auch mit Kreuzkümmel aromatisiertes Öl gereicht – ein Gruß an die aus Deutschland und besonders dem Ruhrgebiet nicht mehr wegzudenkende türkische Küche. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war Dirk Eggers Mitbegründer der Köchegruppe „ReVier“, für die er leider kaum noch Zeit hat, und seit neustem ist er auch Mitglied des Vereins „Westfälisch genießen“. So kommt es, dass er neben 120 anderen Postionen auch die exklusive Cuvée Roter bzw, Weißer Westfale des Pfälzer Weingut Bürklin-Wolf führt. Überhaupt macht er sich für den Wein in der Region stark und legte im vorigen Jahr den ersten Weingarten in EN an. Die dort wachsenden Tafeltrauben kommen natürlich in der Küche zum Einsatz.

Als Vorspeise hatte ich aus dem saisonalen Gänsemenü die Praline aus der Gänseleber (10 Euro) gewählt, eine wunderbar zarte Pastete, die in Pumpernickelbröseln gewälzt war und fast wie ein Schokoladenmousse-Trüffel aussah und schmeckte. Die Süße dieser Preziöse wurde durch ein Gelee aus Trauben aus eigenem Anbau konterkariert. Dazu gab‘s süßlich aromatisierte Kürbiskügelchen und in einer extra Schale winterlichen Rapunzelsalat mit einem warmen, vielleicht etwas zu schweren Speckdressing.

Geradezu sternverdächtig war dann das Hauptgericht: In Altbier und Senfsaat glacierte Schweinebacke auf dicken Bohnen in Thymian und dicken Bratkartoffeln (16 Euro). Butterzartes Fleisch, bei dem jede Faser auf der Zunge zerschmolz, dazu die pikante Aromatisierung mit Bier und Senf – einfach einzigartig. Und dazu die samtweichen dicken Bohnen, leicht säuerlich und gelegentlich von einem knusprigen Crouton begleitet. Denn Streit, ob man die dicken Bohnen nun mit oder ohne innere Pelle serviert, umging Dirk Eggers, indem er einfach so zarte junge Kerne einsetzte, bei denen die Pelle einfach nicht störte. Den Genuss wäre geradzu perfekt gewesen, wenn die Bratkartoffeln etwas weicher gewesen wären. Die krosse Kruste der dicken Dinger löste sich von einem Kern, den man leider nicht mit der Gabel zu einem idealen Saucenträger zerdrücken konnte, sondern dem man mit den Messer zu Leibe rücken musste.

Als Nachtisch bot Dirk Eggers eine Dreier-Variation von Schokolade und Öl an (9 Euro), deren Bestandteile auch einzeln zu bestellen waren. Da ich ahnte, dass so ein Drittel als Dessert völlig reichen würde, bestellte ich die Terrine von Vollmilchschokolade im Baumkuchenmantel mit Muskatnuss (3,50 Euro) und wurde voll bestätigt. Die drei dicken Scheiben waren wie ein Spiegelbild der Gänseleber-Praline der Vorspeise: zart, süß und betörend. Geradezu pfiffig war, wie das Walnussöl dazu gereicht wurde. Es befand sich in einer kleinen Pipette, wie sie Feinmechaniker bei ihrem diffizielen Handwerk beim Ölen benutzen, und konnte je nach Geschmack über die Schokoladenterrine geträufelt werden. Sie war natürlich schneller alle gedacht, so wohlschmeckend war der Inhalt.

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Hauptstraße 78, 45549 Sprockhövel. Tel. 02324-71780. Do-Mo 11:30 - 23.00 Uhr,  Küche  12:00 - 14:00 Uhr & 18:00 - 21:00 Uhr. https://www.eggers-sprockhoevel.de/

Donnerstag, 10. November 2011

Aus derm Archiv: Waldhaus - Schmorzauber im Märchenwald

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2012".

Ganz tief im Weitmarer Holz wird Bochum sagenhaft. Am Bliestollen, wo sich das alte Gemäuer des Malakowturms der Zeche Brockhauser Tiefbau aus einer verwunschenen Waldschlucht erhebt, soll in grauer industrieller Vorzeit der Schweinehirt Jörgen die Steinkohle entdeckt haben, die dann dem ganzen Ruhrgebiet zum Schicksal wurde. Noch heute steht ein hübsches Fachwerkhaus da, das sich fantasiebegabte Menschen prima als Heim für Schneewittchen vorstellen können – wie sie auf die sieben Zwerge wartet, die von ihrer Schicht im Bergwerk nach Hause kommen.

Schneewittchen trägt in Wirklichkeit den albanischen Namen Ardita Demiri und betreibt in dem schmucken Häuschen mit ihrem Mann Lan schon seit 1985 ein Restaurant, dessen Name Waldhaus nicht besser gewählt sein könnte. Die Dielen knarren, und blankgeputzte Gläser funkeln auf weiß eingedeckten Tischen im Licht der flackernden Flammen eines offenen Kamins und der Glühbirnen eines gediegenen Kronleuchters. Das ist gemütlich, hat aber dennoch etwas Elegantes.

Genauso wie Lan Demiris Küche, die alles andere als biedermeierlich ist. Die aufs Wesentliche reduzierte Zubereitung guter Zutaten hat er einst in Italien gelernt. Und so sind seine Gerichte stark mediterran geprägt, mit einem Hauch französischer Küche. Carpaccio gibt es da, klassisch vom Rinderfilet (14,50 Euro) oder auch vom Lachs (12,50 Euro), und eine Reihe schöner Nudelgerichte wie Spaghetti mit frischen Peperoni und Krabben in einer Hummersauce (14,50 Euro) oder Tortellini mit Rinderfiletstreifen und frischem Gemüse der Saison in einer Tomatensauce (14,50 Euro). Auch vegetarische Versionen sind dabei. Zu den „Waldhaus-Klassikern“, die die Karte ausweist, gehören u.a. zwei Fischgerichte: einen Fisch-Teller „Waldhaus“ mit 3 verschiedenen Filets mit Gemüsejuliennes in „Waldhaussauce“ (22,50 Euro) und eine Bouillabaisse mit Safran, die bei dem stolzen Preis von 45 Euro für zwei Personen so einiges verspricht.

Doch mir ist an diesem kühlen Herbstabend nicht nach Strandurlaub im Märchenwald zu Mute, sondern nach heimeliger Herzenswärme. Die verspricht die Tafel mit den Tagesangeboten, auf der ich einen Sauerbraten mit Kartoffelklößen, Rotkohl und Apfelkompott (16 Euro) finde, den ich unbedingt bestellen muss.

Er ist ein Volltreffer, denn Lan Demiri ist ein Meister des Schmorens. Butterweich ist das dunkle Rindfleisch und dabei so wunderbar saftig, so dass ich nicht genug davon bekommen kann. Als ich nachfrage, wie er das so schön hingekriegt hat, meint er bescheiden: „Es war halt ein gutes Stück Fleisch.“ Drei Wochen hat er es in einer milden Beize aus Branntweinessig, Wurzelgemüse und allerlei Sauerbratengewürzen eingelegt und dann bei niedriger Temperatur lange im Backofen geschmort. Genauso perfekt ist auch der Rotkohl. Zwar nicht ganz so fein geschnitten wie es sich eine Hauswirtschaftslehrerin wünscht, zergeht er in holder Eintracht mit dem Braten auf der Zunge wie ein Stück Butter in der heißen Pfanne. Dass für das Apfelkompott vielleicht eine etwas aromatischere Apfelsorte angebrachter gewesen wäre, schmälert den Genuss nicht.

Als Vorspeise hatte ich eine Pilzsuppe mit frischen Kräutern (8,50 Euro) gewählt. Sie war hoch aromatisch und hatte eine üppige Pilzeinlage, die für ein befriedigendes Mundgefühl sorgte. Auch an verfeinernder Sahne war nicht gespart worden. Von Vor- und Hauptgang wunderbar angewärmt, machte ich mich schließlich über das Dessert her: heiße frische Datteln in einer Butter-Sancerre-Sauce, die langsam in einer vor sich hin schmelzenden, gehörigen Portion Vanilleies versanken. Serviert wurde der Nachtisch in einem monströsen Glaspokal, der mich im ersten Augenblick daran zweifeln ließ, ob ich ihn leer essen könnte. Doch dann kam alles anders. Es blieben keine Dattel und kein Löffel Eis übrig.

Das Wohlbehagen, das nach sich nach diesem Essen einstellte, fand ich in einer kleinen Episode bestätigt, die ich am Nebentisch beobachten konnte. Da saß eine junge Familie, und das vielleicht zweieinhalbjährige Töchterchen stapfte durch den Raum, um den offenen Kamin einer ausführlichen Okularinspektion zu unterziehen. Dann befahl die selbstbewusste Zwergenprinzessin dem Papa mit ausgestrecktem Zeigefinger, den am Eingang bereitstehenden Kinderstuhl zum Tisch zu schleppen. Als sie dann darauf platziert worden war, disponierte die kapriziöse junge Dame jedoch um. Mit lautem Geknatsche bedeutete sie, der Stuhl mache ihr „Aua“. Prompt wurde sie auf Mamas Schoß umgesetzt. Der glückliche Ausdruck, der jetzt über das Gesicht des Mädchens ging, gab genau das Gefühl wider, das ich beim Verzehr des Sauerbratens empfunden hatte. Es war wie bei Mama, wo es doch am Schönsten ist.

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Am Bliestollen 44, 44797 Bochum.
Tel. 0234. 47 53 52. Mi-Sa ab 15.00 Uhr, So ab 12.00 Uhr. Mo, Di geschlossen.
https://waldhaus-bochum.de/


Aus dem Archiv: Leonardo - Hausmannskost und Trüffel

Der Text erschien erstmals in "Essen geht aus 2012".
Das Restaurant gibt es nicht mehr.

Landgericht, Amtsgericht, Landessozialgericht, Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium - wundert es bei dieser Nachbarschaft, wenn Igor Albanese für sein Restaurant Leonardo mit dem Slogan „Mittagstisch mit Richtern und Anwälten“ wirbt? In der Tat ist das in rustikal-elegantem Weiß gehaltene Bistro zur Mittagszeit von Herren mit gelockertem Schlips und Damen in businessmäßigen Hosenanzügen gut besucht, die sich bei deftiger und erstaunlich preiswerter Hausmannskost für die nachmittäglichen Kämpfen vor den Schranken der Justiz rüsten. Aber auch Rüttenscheider Künstlervolk und andere Paradiesvögel schneien herein.

Beim Testbesuch sah die täglich wechselnde Mittagskarte eine deftige Scheibe Leberkäse mit Spiegelei auf Bratkartoffeln, Matjes mit Zwiebeln und Salzkartoffeln und eine ordentliche Portion Kassler (alles 6 Euro) vor, die von in elegante Bistroschürzen gehüllten Bedienungen serviert wurden. Das ging fix, und während der kurzen Mittagszeit waren manche Plätze sogar zweimal besetzt. Nach etwa einer Stunde war der Leberkäse alle und wurde von der Mittagskarte gestrichen.


Frittierte Teigkugeln mit Curryfüllung

Kalbsleber in Salbeibutter

Bei der Kalbsleber in Salbeibutter (14 Euro), die ich mir bestellt hatte, war es anscheinend etwas zu fix gegangen. Fast flüssig kam die Leber daher; die Salbeiblätter waren zum Teil schwarz gebrutzelt und verbreiteten eher Bitterkeit als mediterrane Aromatik, doch die Linguine mit den angebratenen Cocktailtomaten als Beilage hoben das wieder auf. Zumal ich mir vorher noch von der Standardkarte die Indischen Currybällchen (6 Euro) bestellt hatte, zwei vegetarische frittierte Teigkugeln mit herzhafter Curryfüllung und Asia-Sauce, die den Appetit mächtig anregten. Das Schokoladen-Trüffel-Soufflée (9,50 Euro), ich als Dessert haben wollte, gab es erst am Abend. Für die Mittagszeit sei es zu aufwendig herzustellen, sagte die Kellnerin. So musste ich mit einem hausgemachten Tirami Su (6,50 Euro) vorlieb nehmen, das aber ganz lecker war.

Tirami Su

Mit coolen Adleraugen beobachtete Igor Albanese das quirlige Treiben in seinem Laden, begrüßte charmant die Gäste, führte sie zu Tisch und kümmerte sich um jeden und alles. Dabei ist der Kroate vielmehr als nur Patron eines Restaurants. Er organisiert Musikveranstaltungen, setzt sich für die Neugestaltung des Haumannplatzes vor der Haustür des Leonardo ein - und importiert Olivenöl und Trüffel aus seiner istrischen Heimat. So kommt es, dass er in einer Spezialitäten das Beste der mediterranen und Ruhrgebietsküche kombiniert hat: Pasta mit Currywurst und Trüffelöl (8,50 Euro). Abends, wenn die Mittagsangebote von der Tafel gewischt und von schönen mediterranen Fleisch- und Fischangeboten ersetzt worden sind, bei denen diese istrischen Spezialitäten zum Einsatz kommen, speist hier, so die Werbung des Leonardo, ein „erlesenes, gemischtes Publikum“.

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Zweigertstraße 55, 45130 Essen

Aus dem Archiv: kochBar essBar - Urbane Landhausküche

Der Text erschien erstmals in "Essen geht aus 2012".
In dieser Form gibt es das Restaurant nicht mehr. Seit 2013 residiert die "kochBar essBar" als Kochschule im Schloss Schellenberg.

Wie sinnvoll Gebäude, die ursprünglich als Autoladen konzipiert wurden, auch für kulinarische Belange genutzt werden können, zeigt das Haus Alfredstr. 99 in Rüttenscheid, in dem schon seit längerer Zeit wechselnde Restaurants untergebracht sind. Seit neustem beherbergt das Ladenlokal mit der breiten Fensterfront und dem praktischen Parkplatz die „kochBar essBar“. Statt wie einst um CO2-Schleudern, geht es jetzt in der beeindruckend elegant designten Location um Genuss von qualitativ hochstehenden, nachhaltig produzierten regionalen Lebensmitteln und die Aufklärung darüber. In erster Linie ist die „kochBar essbar“ ein Restaurant, darüber hinaus finden in einer Showküche Kochevents aller Art statt, Kochkurse, Degustationen, Firmenveranstaltungen. Ergänzt wird das Ganze durch einen Shop, in dem handwerklich und regional erzeugte Produkte angeboten werden. Davon gibt es in der Industrieregion Ruhrgebiet mehr, als man denkt. Betreiberin dieses ganzheitlichen, von Slow Food beeinflussten Projekts ist Sonja Beselin mit ihrer Agentur Mobilee, die das Konzept bereits auf Zollverein ausprobierte. Doch da war letztendlich viel zu wenig Platz. „Und im Kulturhauptstadtjahr war eine Massenverköstigung angesagt, die gar nicht unser Anliegen ist“, erklärt Sonja Beselin. Da war sie froh, im Herzen von Rüttenscheid eine passende Location zu finden.

Gekocht wird in der „kochBar essBar“ nur mit hochwertigen, meist Bio-Produkten, die fairerweise ihren Preis haben. Hauptgänge wie Bachsaibling mit Mandelschaum und Rote Bete, Rehrücken mit Rotkohl, Maronen, Pastinaken und Johannisbeergelee oder Wolfsbarsch mit Wirsing-Risotto und schwarzem Öl kosten zwischen 25 und 30 Euro. Preiswert ist hingegen der Mittagstisch mit dem Namen Smart Food, der hübsche Gerichte zwischen 6 und 14 Euro umfasst, die dank ihrer ausgesuchten Zutaten entweder schön (Beauty Food), schlau (Brain Food) oder gutgelaunt (Mood Food) machen.

Das Konzept der „kochbar essbar“ wurde bestens durch das Aktions-Menü (35 Euro) illustriert, das im Rahmen der „Geschmackstage 2011“ angeboten wurde. Leider ging diese Initiative des Bundes-Verbraucherministeriums am Ruhrgebiet weitgehend vorbei, doch die „kochBar essBar“ nutzte sie zur Zusammenarbeit mit dem Bio-Vertrieb „Flotte Karotte“. Den formvollendeten holländischen Kellner, der mit sonorer Stimme und rollendem Rudi-Carrell-R besonders die weibliche Kundschaft becircte, beim Servieren zu beobachten, machte genauso viel Spaß wie das Menü selbst. Zuerst brachte er im Haus gebackenes Brot, dass man sowohl in Olivenöl, Balsamico und Meersalz tauchen als auch mit dreierlei Butter (mit schwarzem Grubensalz gewürzt, mit Jordan-Olivenöl vermischt und mit einer Tomatenzubereitung) bestreichen konnte. Als Amuse bouche kam dann noch ein à point gebratenes Stückchen Wolfsbarsch auf Kräuterpesto und einem Rote-Bete-Chip. Der erste Gang war ein Kürbissüppchen, ganz saisonal und schön sahnig. Eine Geschmacksexplosion bot das nun folgende Türmchen aus Wildkräutersalat, das mit zwei Nocken Ziegenfrischkäse vom Dorstener Hof Sondermann ergänzt war. Ganz regional gab sich schließlich der Hauptgang, der wie ein abstraktes Gemälde auf einem schmalen rechteckigen Teller angerichtet war: Lammrücken aus Kettwig, schön rosa und butterzart. Dazu gab es verwegen „Ratatouille“ genanntes Gemüse: schmale Miniatur-Streifen von in der Pfanne geschwenkten Paprika und Zucchini, zu einem grafischen Streifenmuster arrangiert. Auch die Kartoffeln boten einen avantgardistischen Anblick: ca. vier Millimeter große Würfelchen, die trotz ihrer Kleinheit perfekt geröstet waren. Das lapidar als „Tarte Tatin“ angekündigte Dessert war eine ebenso kreative Dekonstruktion des französischen Obstkuchen-Klassikers. Ein luftiger Teig und köstliche Apfelscheiben waren auf dem Teller futuristisch arrangiert, mundeten aber wie bei den namensgebenden Schwestern Tatin.
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45131 Essen-Rüttenscheid, Alfredstraße 99

Aus dem Archiv: Die neue Flora - Kettwig zum Wohlfühlen

Der Text erschien erstmals in "Essen geht aus 2012".
Das Restaurant gibt es nicht mehr.

Tradition wir groß geschrieben in diesem Gasthaus in Kettwig. Auf der Internetseite findet man eine liebevolle kleine Darstellung der Geschichte des alteingesessenen, über einhundert Jahre existierenden Lokals im Stadtteil „Vor der Brücke“. In einer Werbeanzeige aus dem Jahr 1906 wird die Aussicht auf zwei Schlösser in der Nachbarschaft gerühmt. Während die Thyssen-Villa Landsberg heute ein lohnenswertes Ziel für Spaziergänger abgibt, ist Hugenpoet eine der führenden kulinarischen Adressen im Ruhrtal und wird nur noch von der Résidence am anderen Kettwiger Ufer übertroffen. Und genau zwischen diesen beiden sterngekrönten Antipoden hat es sich Stefanie Horrigs gemütlich gemacht, die seit Juli 2010 mit ihrem Team die „Neue Flora“ in dem alten Haus betreibt. Eigentlich stellt man sich eine Gasthaus-Wirtin anders vor als die junge, sportlich-blonde Gastronomin. Doch genau das macht den herzlichen Charme der Restauration aus, die jetzt Tradition und Jugendlichkeit verbindet. Und natürlich die gepflegte bürgerliche Küche, die nicht zu den Sternen greift, sondern Bodenhaftung bewahrt.

Kettwig war ja nie ein Kumpel-Städtchen, und so wundert es nicht, dass man keine ausgewiesene Bergmannskost auf der Speisekarte findet. Stattdessen gibt es zahlreiche Anspielungen auf die österreichische Küche, der auch an regelmäßigen Österreich-Abenden gehuldigt wird. „Ich bin damit groß geworden“, erklärt Stefanie Horrigs diese persönliche Note der Neuen Flora kurz und knapp. Neben der wechselnden Wochenkarte wird alle drei Monate die Haupt-Speisekarte geändert. „Das sind wir unseren zahlreichen Stammgästen schuldig, die ja nicht immer das gleiche essen wollen.“ Erhalten bleibt jedoch ein Reihe von „Klassikern“ wie „Leberkäs mit Schmorzwiebeln, Spiegelei und Bratkartoffeln“ (8,90 Euro) oder „Rumpsteak Großmütterchen“ (17,50 Euro) und vor allem die hübsche kleine Auswahl an Hackfleisch-Gerichten zwischen 8,50 und 10,90 Euro.

Kalbsleber mit Beeren auf Rucola


Wiener Schnitzel


Heißer Zwetschgenröster auf Vanilleeis

Zum Testen führte ich mir als Vorspeise eine kleine Portion gebratene Kalbsleber auf „beerigem“ Rucola (9,50 Euro) zu Gemüte. Diese Variation war eine wunderbare Kombination aus knusprig-mürber Leber, süß-sauren Beeren und pikantem Salat. Das Original Wiener Schnitzel (15,50 Euro) zum Hauptgang war, wie es sich gehört, ein schön flach geklopftes Stück Kalbfleisch und herrlich zart, allein die Panade hätte ich mir eine Idee trockener gewünscht. Der Kartoffelsalat war angenehm mild. Der Nachtisch, ein heißer Zwetschgenröster auf Vanilleeis (4,50 Euro), hätte zu Hause nicht besser sein können. Zum Essen hätte ich gern stilecht ein Glas Grünen Veltliner getrunken, doch der war leider aus. So musste ich mit einem etwas einfachen Riesling (0,2l 4,60 Euro) vorlieb nehmen.
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Landsberger Straße 83, 45219 Essen-Kettwig