Donnerstag, 22. Oktober 2015

Aus dem Archiv: Diergardts „Kühler Grund“ - Spagat als Motto

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2016".

Obwohl es in Hattingen einer ganze Reihe von schmucken Traditionsgasthäusern gibt - um so etwas wie in Diergardts „Kühler Grund“ auf den Teller zu bekommen, muss man sich schon ein paar Kilometer in alle Himmelsrichtungen bewegen. Nach Osten etwa bis Overkamp in Dortmund, nach Süden bis Eggers in Sprockhövel und nach Westen bis Stemberg in Velbert.

Mit dem schillernden Sterne-Landhaus in Velbert hat Diergardts mehr gemein als nur die Tatsache, dass in den letzten Jahren die Juniorchefs das Sagen in der Küche übernommen haben. Wie Sascha Stemberg versucht auch Philipp Diergardt, mit einem kulinarischen Spagat sein altes Traditionshaus zu modernisieren. Was sich im Velberter Grüngürtel zwischen den NRW-Metropolen Düsseldorf und Essen „Zwei Küchen von einem Herd“ nennt, heißt im Schatten der Hattinger Henrichshütte „Heimat & Leidenschaft“. Mit diesen beiden Begriffen bezeichnet Philipp Diergardt die beiden Richtungen, mit denen er sein Publikum glücklich machen will. Zu „Heimat“ gehören leckere, preiswerte Dreigänge-Menüs um die 30 Euro mit traditionellen Gerichten, aber auch die zahllosen Schnitzel-, Wild- und Gänseaktionen, mit denen sein Haus in Konkurrenz zu den örtlichen Mitbewerbern steht. Und natürlich das Stammsteak (mit Zwiebel-Senfkruste und Beilagen 23 Euro), das seit Menschengedenken auf der Karte steht. Unter „Leidenschaft“ wird das subsumiert, was Philipp dazu gebracht hat, Koch zu werden und was er in seiner Ausbildung bei Sterneköchen gelernt hat.

Obwohl: Sterneküche ist es nicht, was hier angeboten wird, soll es gar nicht sein. Es gibt keinen avantgardistischen Schnickschnack, sondern das Essen auf dem Teller sieht auch wie Essen aus. Wichtig sind die Produkte und Zutaten, die alle erstklassig sind. Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass der Lieferant der Haxen vom schwarzen Bigorreschwein erst einen Tag später liefert und so das Fleisch durch Bäckchen und Kotelett aus dem eigenen Reifeschrank ersetzt werden müssen.

Das heißt nicht, dass der Ausflug in die Leidenschaft besonders teuer wäre. 64 Euro kostet das fünfgängige Menü „Leidenschaft“ zuzüglich Käseabschluss. Dazu kommt noch eine Weinbegleitung vom Feinsten, denn Philip Diergardt ist nicht nur gelernter Koch, sondern auch gelernter Winzer.

So kredenzt er zum ersten Gang einen Vin doux naturel vom Fuß der Pyrenäen, der die dunkel-süßen Aromen des Zweierlei von der Gänseleber harmonisch unterstreicht. Die Leber gibt es gebraten uns als Pastete mit Mürbeteig und Valhrona-Schokolade, dazu selbst eingemachte Kirschen vom Grafschafter Obsthof Kiesling, Brioche und Portweinjus. Zur knackig gebratene schottische Jacobsmuschel mit Topinambur, Birne und Champagnerschaum gibt’s einen weichen Riesling von Zilliken an der Saar, zu den zwischen Brotchips versteckten Seeteufelbäckchen mit Kürbis und Feldsalat einen knackigen Sauvignon blanc von Von Winning in der Pfalz. Beide Fischgänge sind hocharomatisch und gemeinsam mit den Weinen einfach ein Genuss.

Dass der Hauptgang eine Improvisation ist, merkt man gar nicht. Statt der auf der Karte angekündigten Haxe gibt es Kotelett und Bäckchen vom Schwarzen Bigorreschwein, dazu Sojajus, Linsen und Steinpilze. Besonders die Bäckchen zergehen auf der Zunge. Zu dieser herzhaften Angelegenheit, schenkt Philipp Diergardt den Zwalu aus, eine südafrikanische Kreation seines Winzer-Lehrherrn Meyer-Näkel und dessen dortigem Partner Neil Ellis.

Höhepunkt des Doppeldesserts ist nicht die süße Mangoschnitte, sondern der darauf folgende Vacherin Mont d’Or, ein zart geschmolzener warmer Käse, der mit Feigen, Kürbis und frischem Thymian direkt am Tisch vom Chef persönlich angemacht wird. Dazu der empfohlene trockene Manzanilla-Sherry – was soll man dazu noch weiter sagen?

Kulinarisch lohnt sich ein Ausflug in das burgartige Landhaus mit der prächtigen Holzvertäfelung auf alle Fälle. Ab nächstem Jahr soll auch das Ambiente behutsam überarbeitet werden. Schließlich ändern sich die Zeiten.
-kopf

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Fon 0 23 24. 9 60 30
Mi--Fr 18-23 Uhr, Sa 12-23 Ur, So 12-22Uhr. Mo, Di geschlossen
https://www.diergardt-hattingen.de/

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