Sonntag, 11. Oktober 2015

Aus dem Archiv: Gasthaus Weiß - Von Salatbasteleien und Birnenkartoffeln

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2016".

Wer Thomas Weiß auf der Gourmetmeile „Bochum kulinarisch“, dem Kulinarischen Altstadt-Markt oder dem Panhas-Fest in Hattingen schon einmal live erlebt hat, weiß, was für ein Temperamentbolzen der Küchenchef sein kann. Zusammen mit seinem Bruder Uwe betreibt er das Gasthaus Weiß, eines der Aushängeschilder unter den traditionsreichen gastronomischen Familienbetrieben in Hattingen. Dorfgasthaus mit Kegelbahn, Ausflugsrestaurants für die Nachbarstädte , Wintergarten und Sommerterrasse – fast jeder Tag ist ein Aktionstag mit besonderen Angeboten und bringt Leben in den elegant eingerichtete Laden nicht weit von der Wuppertaler Straße, der Einflugschneise von Bochum nach Hattingen. Kulinarisch macht Thomas Weiß gern den Spagat zwischen westfälischer Bodenständigkeit und exotischen Zutaten. So stehen Oma Lenchens westfälische Kartoffelsuppe im Weckglas (8,50 Euro) einträchtig mit getrüffeltem Carpaccio vom Weiderind aus Namibia (11,20 Euro) auf der Speisekarte, auf „Bochum kulinarisch“ sind Tante Hertas Blaubeer-Pfannkuchen der jährlich Renner, wenn ihnen nicht gerade Weltläufiges wie Südafrikanisches Straußensteak den Rang abläuft.

Ich habe das Glück, an einem donnerstäglichen Schnitzeltag das Gasthaus zu besuchen und finde ein so gut wie ausgebuchtes Restaurant vor. 11 Euro kosten die üppigen Schnitzelvariationen, die hurtig ihren Weg in die hungrigen Mägen der Hattinger finden, doch ich studiere erst einmal die Tagesgerichte, die auf einer Extra-Tafel annonciert werden. Dort werde ich schließlich fündig. Das Wildschweinschnitzel für 18,50 Euro scheint mir eine gelungene Mischung aus Aktions- und Gourmetgericht zu sein und den Stil des Hauses genau zu treffen. Als Beilagen werden neben Mischpilzsauce, Preiselbeeren und Rahmrosenkohl auch Birnenkartoffeln versprochen, und damit ist die Fantasie angeregt. Handelt es sich dabei vielleicht um eine Variante von Himmel und Erde, bei der die Äpfel durch Birnen ersetzt wurden? Als der Teller schließlich kommt, wird das Rätsel gelöst. Es sind simple Kartoffelkroketten in Form kleiner Birnen, bei denen der Stiel durch eine Gewürznelke imitiert wird. Naja. Immerhin ist die verspielte Beilage eine nette Ergänzung der kleinen Blumenvase samt Inhalt, die als weitere Dekoration auf dem großen Teller steht. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Teil als eine Bastelarbeit aus verschiedenen Salat-Stängeln und einer essbaren Blüte, die in einem Stück ausgehöhlter Gurke stecken. Hübsch anzusehen, aber mit etwas Dressing angemacht hätte ich den Salat lieber gegessen. Fleisch und Beilagen schmecken übrigens prima. Lediglich die beiden Wildschweinschnitzel sind noch von etwas Fett und Sehnen durchzogen, die sich bei der kurzen Bratzeit wohl nicht aufgelöst haben.

Zuvor hat es als Vorspeise ein Apfel-Kürbis-Currysüppchen mit einer Schmalzstulle (6,20 Euro) gegeben, die ebenfalls von einer Salatvase begleitet wird, die ebenfalls ungegessen zurückgeht. Die Suppe ist wunderbar würzig-süß-pikant, und die getrockneten Apfelchips darauf von idealer Konsistenz, knusprig und dennoch saftig.

Der Nachtisch ist ein Glücklichmacher schlechthin, ein Säckchen aus Strudelteig, gefüllt mit Nougat und Schattenmorellen (7,90 Euro). Als ich alles aufgegessen habe, durchzieht mich ein sattes Wohlgefühl, das ich mit dem Rest Merlot, der noch im 0,2-l-Glas (5,90 Euro) ist, behaglich begieße.

-kopf


45529 Hattingen-Winz-Baak, In der Delle 4
Fon 0 23 24. 85 5 58
Do-Sa ab 16.30 Uhr, Küche ab 17.30-22 Uhr, So ab 10 Uhr, Küche 11.30-14 & 17.30-21 Uhr
Mo, Di, Mi geschlossen.
https://www.gasthaus-weiss-hattingen.de/

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