Freitag, 13. Oktober 2017

Mal woanders: Gasthof Zufriedenheit in Naumburg



 Blauschimmelkäse gefroren │ geräuchertes Apfelmus │ Orangenkrokant
Experimentelles Dessert

Zugegeben, es waren keine kulinarischen Gründe, die den Genießer nach Naumburg verschlugen. Vielmehr war es der 24. Kongress der Karl-May-Gesellschaft, der in Bad Kösen, einem idyllischen nach Naumburg eingemeindeten Örtchen am Saaleufer, Anfang Oktober stattfand. Aber dass die Stadt in Sachsen-Anhalt noch nicht einmal in der Gerolsteiner Bestenliste 2017, die alle 4075 Restaurants, die im letzten Jahr in den sieben wichtigsten Restaurantführern Deutschlands bewertet wurden, auftaucht, machte mich doch stutzig. Dabei ist Naumburg doch eine äußerst attraktive Destination und müsste es doch eigentlich auch kulinarisch sein.

Hl. Uta.
Foto: wikipedia/ Fewskulchor


Mitten in der Weinbauregion Saale-Unstrut gelegen, könnte die völlig erhaltene historische Stadt, läge sie in der Toskana, jeden Schönheitswettbewerb für touristische Reiseziele gewinnen, mit ihren wunderbaren alten Häusern, der mythischen Kloster- und Internatsanlage Kloster Pforta, einem Dom von Kulturerbe-Format und einer Stifterfigur namens Uta, die so cool und sexy über den hochgeschlagenen Kargen ihres Mantels blickt wie kaum eine andere Heilige.

Gasthof Zufriedenheit in Naumburg

Da war der Genießer froh, wenigstens in der neuen Ausgabe des Falstaff Gasthausführers den Hinweis auf das Naumburger Gasthaus Zufriedenheit zu finden, dem chicen, in diesem Jahr neueröffneten Restaurant eines sog. Boutiquehotels, das in dieser Form sogar in Düsseldorf existieren könnte. Zu meiner Überraschung waren die Tische am Freitagabend sogar ausgebucht, und das, obwohl draußen die Bürgersteige hoch geklappt schienen und nur ein einsamer Nachtwächter sein Wesen trieb.

Nachtwächter am Naumburger Dom

Das, was Küchenchef Robert Klaus dann servieren ließ, war ein hoch ambitionierter Versuch, experimentelles fine dining mit bodenständiger Küche zu verbinden. Ich will es kurz machen und gleich mit dem Dessert beginnen, das am irritierendsten daher kam: „Blauschimmelkäse gefroren │ geräuchertes Apfelmus │ Orangenkrokant“. Ich musste sofort an Sven Nöthels provokanten Nachtisch auf der „Essen geht aus“-Party denken (klick hier), der mit Lardo und Rote Beete ebenfalls fürs Dessert untypisch pikante Zutaten kombinierte. Während ich die gefrorene Blauschimmelnocke noch als angenehm empfand, wurde mir die starken Räuchernoten der viel zu großen Portion Apfelmus dann doch zu viel. Da nützte auch das schöne Blattgold nichts, unter dem sie versteckt war. Bei der Vorspeise war es hingegen anders. Da störten die Aromen der angeräucherten Kürbisterrine kaum, und vom herzhaften Wildscheinschinken hätte man sich mehr gewünscht als die winzigen Partikel auf dem Teller.

Hier mein kleines Menü in Wort und Bild.
(Dessert siehe oben.)

Terrine vom geräucherten Kürbis mit Wildschweinschinken, Salz-Birne und Buchweizen
Die Vorspeise stammte aus dem saisonalen Kürbismenü, und die einzelnen Komponenten waren ähnlich irritierend auf dem Teller verteilt wie die Gebäude von Kloster Pforta auf dem Campus des Internats (klick hier).

Süppchen von der Edelkastanie │ Kalbsbries
In der schokoladigen Suppe ging das in Nudeln versteckte Kalbsbries etwas verloren

 Königsberger Klopse neu interpretiert mit glasierten Flusskrebsen und Schnittlauch
Die Neuinterpretation des tadellos zubereiteten Gerichts erinnerte mich an die Vermählung der Königsberger Klopses mit dem Leipziger Allerlei. Neben der klassischen Klops-Beilage gab es die nicht weniger klassischen Allerlei-Komponenten Flusskrebse und Erbens in Gestalt eines Pürees.

Zu den Gängen wurden selbstverständlich Saale-Unstrut-Weine von Spitzenerzeugern der Region serviert, angenehm leichte, unaufdringliche Tropfen: ein 2015 Blanc de Noir vom Spätburgunder vom Weinhof Gussek und ein 2016 Blauer Zweigelt von Bernard Pawis.

Gasthof Zufriedenheit, Steinweg 26, 06618 Naumburg. www.gasthof-zufriedenheit. de

 Naumburger Dom: Gemälde von Christopher Lehmpfuhl

Naumburger Dom

Naumburg bei Nacht

Der Genießer woanders


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen