Dienstag, 14. Juli 2009

Wie skandalös sind Lebensmittel-Imitate wirklich? Teil II



Wenn ich mir die Diskussion um die Lebensmittel-Imitate der letzten Tage ansehe, kommt mir das wie das schöne Gericht "Himmel und Erde" vor. Da werden Äpfel und Kartoffeln in einen Topf geworfen. Wirklich skandalös finde ich nur, wenn in der Gastronomie nicht ausgewiesen wird, wenn anstelle von echtem Schinken und Käse die Ersatzprodukte verwendet werden. Dass so etwas bei industriellen Fertiggerichten geschieht, liegt auf der Hand. Die hat diese maschinenfreundlichen und kaloriensparenden Dinge schließlich erfunden, um ihre Produkte rationeller, billiger und - ironischerweise - auch gesünder herstellen zu können. In der Regel ist ihr Einsatz auch auf den Verpackungen vermerkt. Wenn nicht, muss der Gesetzgeber dafür sorgen, dass das geschieht.Wenn hingegen sog. "minderwertige", aber natürliche Komponenten bei der Herstellung eines Produktes verwendet werden, ist das für mich nur eine Frage des Preises. Denn was "minderwertig" ist, lässt sich gar nicht definieren. Was der eine niemals essen würde, danach leckt sich der andere die Finger.
Viel skandalöser finde ich es, wie bereitwillig wir Verbraucher der verschleiernden Sprache der Marketing- und Werbe-Strategen auf den Leim gehen. Da hat man häufig das Gefühl, die Produkte der Lebensmittelindustrie wollten mit dieser Sprache den Platz ihrer echten, handgemachten Vorbilder im Bewusstsein von uns Verbrauchern verdrängen. Und wir lassen das zu und bemänteln damit gern unsere eigene Unwilligkeit, uns mit einer solch grundsätzlichen Lebensvoraussetzung wie der Ernährung auseinanderzusetzen.
Als ich Kind war, hieß der Muckefuck mit den schönen blauen Punkten noch "Linde's Kaffee-Ersatz", siehe Foto (Quelle). Und niemand hat sich daran gestört, nur "Ersatz" zu trinken. Man hatte ein Bewusstsein dafür, dass Bohnenkaffee etwas Besonderes war. Stellen wir uns einmal vor, auf den Packungen der Tiefkühl-Pizzen stünde "Dr. Oetker's Ersatzpizza". Würde das einer kaufen? Niemals.
Vergessen wir nicht: Der Skandal ist die Tiefkühl-Pizza selbst. Damit so ein Ding tiefgekühlt und vor allem aufgetaut und gebacken auch wie eine Pizza aussieht (nicht unbedingt schmeckt), müssen ihre Bestandteile auf irgendeine Art künstlich aufbereitet werden. Sonst ist das Produkt technisch kaum herstellbar. Deswegen gibt es Analog-Käse seit 30 Jahren - so lange es Tiefkühl-Pizza gibt.
Die einzige Alternative bleibt da das Selber-Machen. Dazu hat aber nicht jeder immer Zeit. Wenn dann der Gang in die Pizzeria, wo immerhin die Pizza vom Pizzabäcker selbst gemacht wird, auch nur zu Gel-Schinken und Analog-Käse führt, dann ist das wirklich ein Skandal.
Wie skandalös sind Lebensmittel-Imitate wirklich? Teil I

1 Kommentar:

  1. Das Problem ist doch, dass heute nur noch in Ausnahmefällen in der Familie selbst gekocht wird. Woher sollen dann Waren- und Produktkenntnisse kommen? Die Lebensmittelindustrie hat sich entsprechend entwickelt und erfüllt fast alle Wünsche zu geringem Preis. Dabei wird in der Werbung das Blaue vom Himmel gelogen und das nicht nur bei Lebensmittel. Man kann nur durch Aufklärung dagegen halten, Ross und Reiter nennen. Dieser Blogg "Genussbereit" ist ein gutes Beispiel.

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