Sonntag, 11. Oktober 2015

Aus dem Archiv: Gasthaus Weiß - Von Salatbasteleien und Birnenkartoffeln

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2016".

Wer Thomas Weiß auf der Gourmetmeile „Bochum kulinarisch“, dem Kulinarischen Altstadt-Markt oder dem Panhas-Fest in Hattingen schon einmal live erlebt hat, weiß, was für ein Temperamentbolzen der Küchenchef sein kann. Zusammen mit seinem Bruder Uwe betreibt er das Gasthaus Weiß, eines der Aushängeschilder unter den traditionsreichen gastronomischen Familienbetrieben in Hattingen. Dorfgasthaus mit Kegelbahn, Ausflugsrestaurants für die Nachbarstädte , Wintergarten und Sommerterrasse – fast jeder Tag ist ein Aktionstag mit besonderen Angeboten und bringt Leben in den elegant eingerichtete Laden nicht weit von der Wuppertaler Straße, der Einflugschneise von Bochum nach Hattingen. Kulinarisch macht Thomas Weiß gern den Spagat zwischen westfälischer Bodenständigkeit und exotischen Zutaten. So stehen Oma Lenchens westfälische Kartoffelsuppe im Weckglas (8,50 Euro) einträchtig mit getrüffeltem Carpaccio vom Weiderind aus Namibia (11,20 Euro) auf der Speisekarte, auf „Bochum kulinarisch“ sind Tante Hertas Blaubeer-Pfannkuchen der jährlich Renner, wenn ihnen nicht gerade Weltläufiges wie Südafrikanisches Straußensteak den Rang abläuft.

Ich habe das Glück, an einem donnerstäglichen Schnitzeltag das Gasthaus zu besuchen und finde ein so gut wie ausgebuchtes Restaurant vor. 11 Euro kosten die üppigen Schnitzelvariationen, die hurtig ihren Weg in die hungrigen Mägen der Hattinger finden, doch ich studiere erst einmal die Tagesgerichte, die auf einer Extra-Tafel annonciert werden. Dort werde ich schließlich fündig. Das Wildschweinschnitzel für 18,50 Euro scheint mir eine gelungene Mischung aus Aktions- und Gourmetgericht zu sein und den Stil des Hauses genau zu treffen. Als Beilagen werden neben Mischpilzsauce, Preiselbeeren und Rahmrosenkohl auch Birnenkartoffeln versprochen, und damit ist die Fantasie angeregt. Handelt es sich dabei vielleicht um eine Variante von Himmel und Erde, bei der die Äpfel durch Birnen ersetzt wurden? Als der Teller schließlich kommt, wird das Rätsel gelöst. Es sind simple Kartoffelkroketten in Form kleiner Birnen, bei denen der Stiel durch eine Gewürznelke imitiert wird. Naja. Immerhin ist die verspielte Beilage eine nette Ergänzung der kleinen Blumenvase samt Inhalt, die als weitere Dekoration auf dem großen Teller steht. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Teil als eine Bastelarbeit aus verschiedenen Salat-Stängeln und einer essbaren Blüte, die in einem Stück ausgehöhlter Gurke stecken. Hübsch anzusehen, aber mit etwas Dressing angemacht hätte ich den Salat lieber gegessen. Fleisch und Beilagen schmecken übrigens prima. Lediglich die beiden Wildschweinschnitzel sind noch von etwas Fett und Sehnen durchzogen, die sich bei der kurzen Bratzeit wohl nicht aufgelöst haben.

Zuvor hat es als Vorspeise ein Apfel-Kürbis-Currysüppchen mit einer Schmalzstulle (6,20 Euro) gegeben, die ebenfalls von einer Salatvase begleitet wird, die ebenfalls ungegessen zurückgeht. Die Suppe ist wunderbar würzig-süß-pikant, und die getrockneten Apfelchips darauf von idealer Konsistenz, knusprig und dennoch saftig.

Der Nachtisch ist ein Glücklichmacher schlechthin, ein Säckchen aus Strudelteig, gefüllt mit Nougat und Schattenmorellen (7,90 Euro). Als ich alles aufgegessen habe, durchzieht mich ein sattes Wohlgefühl, das ich mit dem Rest Merlot, der noch im 0,2-l-Glas (5,90 Euro) ist, behaglich begieße.

-kopf


45529 Hattingen-Winz-Baak, In der Delle 4
Fon 0 23 24. 85 5 58
Do-Sa ab 16.30 Uhr, Küche ab 17.30-22 Uhr, So ab 10 Uhr, Küche 11.30-14 & 17.30-21 Uhr
Mo, Di, Mi geschlossen.
https://www.gasthaus-weiss-hattingen.de/

Samstag, 10. Oktober 2015

Herbstvergnügen: Da Mario in der Birschelmühle, Hattingen

Ein kleines Menü bei Mario in der Birschelmühle an der Hattinger Ruhrbrücke. Ein schönes Lokal mit gutem Essen.

Brot mit Tapenade und Artischockencrème.
Im Glas ein Primitivo di Manduria.

Risotto mit frischen Steinpilzen.

Kaninchen auf ligurische Art
mit schwarzen Oliven und Pinienkernen.
Dazu Mangold und Rosmarinkartoffeln.
Bonnet mit Beeren.
Bonnet ist ein kuchenartiger Schokoladenpudding aus dem Piemont.



Donnerstag, 8. Oktober 2015

Aus dem Archiv: Da Mario in der Birschelmühle - Umami macht glücklich

Der Text erschien erstmals in "Bochum geht aus 2016"
Das Restaurant ist in die Hattinger Innenstadt umgezogen. 


Die Birschelmühle an der Hattinger Ruhrbrücke ist ein einzigartiges Denkmal der Industriekultur im romantischen Tudorstil, das heute gastronomisch und als exklusive Wohnanlage genutzt wird. Ich bin freudig überrascht, als mich Sylwia, die Bedienung bei Mario, sofort in den wintergartenartigen Anbau des eleganten italienischen Restaurants führt, wo schon einige Gäste sitzen. Von dort hat man durch die großen Fenster eine schöne Aussicht auf die Bucht, die entstand, als die Ruhr hier vor mehr als 50 Jahren begradigt wurde.

Im Sommer ist die kleine Terrasse vor dem Eingang ein beliebtes Ausflugsziel für Radler und Spaziergänger, denn es gibt bei Mario nachmittags Kaffee und Kuchen, und der Aperol Sprizz kann es mit seinen Verwandten in Venedig getrost aufnehmen. Die Kleinigkeiten der warmen Küche sind ebenfalls nicht zu verachten. Ich erinnere ich mich gern an die Pizza Speciale mit Birnen, Tiroler Speck und roten Zwiebeln (12,50 Euro) als ein saftiges Pizza-Erlebnis auf dünnem, knusprigem Teig, das Zutaten kombiniert, wie man sie anderswo selten bekommt.

Überhaupt legt man bei Mario viel Wert auf gute und außergewöhnliche Zutaten. Das Angebot der Standardkarte ist ein durchdachter Streifzug durch die gehobene italienische Küche. So taucht die Birne z.B. auch als Beigabe zu Feldsalat mit Walnüssen und Balsamico auf. Carpaccio gibt es nicht nur vom Rind, sondern auch vom Seeteufel.

Die wahren Schmankerln findet man jedoch auf der Tageskarte, die als handgeschriebene Tafel auf einer Art Notenständer an den Tisch gebracht wird. Unter den fünf, sechs saisonbedingten Spezialitäten sticht mir sofort der Risotto mit frischen Steinpilzen ins Auge, der mit 22,50 Euro allerdings einen überaus stolzen Preis hat. Doch ich kann ihn auch als kleine Vorspeisen-Portion haben, die schließlich mit 15,50 Euro zu Buche schlägt. Da bleibt vom Ausgeh-Etat immer noch genug übrig, dass ich mir auch noch ein Hauptgericht und ein Dessert leisten kann.

Der Risotto ist tadellos, ein wenig schlotzig, der Reis noch mit etwas Biss. Brühe, Parmesankäse und natürlich die aromatischen Steinpilze haben beim langsamen Risotto-Kochen genau den Geschmack entwickelt, der unter dem japanischen Namen Umami als fünfte, die Sinne betörende Geschmacks-Richtung in die Sensorik eingegangen.

Der Hauptgang, ebenfalls von der Tageskarte, ist ein ebensolcher Glücklichmacher, Kaninchen auf ligurische Art (23,50 Euro). Das bedeutet, dass in der gebundenen Weißweinsauce schwarze Taggiasca-Oliven und Pinienkerne auftauchen. Pinienkerne hätten es ein paar mehr sein können, doch dafür finde ich noch einige Kapernfrüchte. Das Fleisch der beiden Kaninchen-Hinterläufe ist löffelweich bis an den Rand der Faserigkeit geschmort und fällt vom Knochen, wenn man es mit dem Besteck berührt. Auch die Sauce schmeckt wunderbar umami, dass ich froh bin, mit dem Beilagen-Mangold und den Rosmarinkartoffeln die Reste behaglich auftunken zu können.

Zu Risotto und Kaninchen passt der süditalienische Primitivo die Manduria (0,2-l-Glas 7,80 Euro) mit seiner dunklen Fruchtigkeit ganz hervorragend. Und auch die Aromen des Nachtischs spiegelt er ganz unkompliziert wider, so dass ich es problemlos verschmerzen kann, dass es keinen koffeinfreien Caffè gibt. Beim Dessert handelt sich um einen Bonnet (5,80 Euro), einen kuchenähnlichen Schokoladen-Pudding aus dem Piemont, mit frischen Beerenfrüchten und Vanillesauce.

-kopf

45525 Hattingen, Schleusenstr. 8

Dienstag, 6. Oktober 2015

Genießers Kochkurs: Der Pott kocht II

Hier ein Bild vom ersten Abend.

Fast eine Woche ist es her, dass der zweite Teil meines Ruhrgebiets-Kochkurs stattgefunden hat. Leider hatte ich meine Kamera vergessen (das Alter, das Alter…), und in meinem Fotoarchiv konnte ich keine Fotos von allen Gerichten finden. So müssen die Matjestürmchen, die Blutwurst-Apfeltaschen nach Nelson Müller und die Potthucke ohne Foto bleiben.
Nach den eher polnisch-schlesischen Gerichten des ersten Abends gab es diesmal den Clash der der (nieder-)rheinischen und der westfälischen Esskultur. Darüber hinaus wurde mit dem Schokoladenpudding nach Henriette Davidis dem historisch-kritischen Kochen und der Bierkultur im Revier ein Denkmal gesetzt.

Hier die Rezepte:

Fingerfood
Dreierlei Pumpernickeltrüffel aus der arte-Serie „Zu Gast in“ (Rezept hier), Blutwurst-Apfeltaschen nach Nelson Müller (Rezept hier), Matjes-Türmchen (Rezept hier).

Erster Gang
Muschelsuppe (Rezept hier). Weil das berühmte Rheinische Muschelessen zu dürftig erschien, griffen wir auf ein französisches Gericht zu, dass zusätzlich noch Speck, Crème fraîche und grüne Bohnen enthielt.

Hauptgang
Niederrheinischer Altbiergulasch (Rezept hier) mit westfälischer Potthucke (Rezept hier). Der westfälische Kartoffelkuchen eignet sich bestens als Saucenträger. Für die Sauce wurde ein Alt der Bochumer Brauerei Moritz Fiege genommen.

Dessert
Schokoladen-Pudding nach Henriette Davidis (Rezept hier) mit Vanille-Sauce nach Johann Lafer (Rezept hier).

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat es so gut geschmeckt, dass sie im Frühjahr bei weiteren Ruhrgebiets-Kochkursen mitmachen wollen. Geplant sind ein Abend über die mediterranen Wurzeln der Ruhrgebietsküche (vorr. 19. Mai 2016) und einer über das typische Kleinvieh der Region, den Täubchen und Kaninchen (vorr. 2. März 2016). Sobald man sich für die Kurse bei der VHS Herne anmelden kann, werde ich es bekannt geben.
Übrigens: In meinem Männerkochkurs am 9. Dezember 2015 sind noch ein paar Plätze frei. Es geht ums Flambieren, siehe hier und hier. Anmelden kann man sich hier.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Herbstvergnügen: Rinderfilet auf Steinpilzrisotto und Feldsalat mit Roter Bete


Hier geht's zu den Rezepten. Rinderfilet (klick hier), Steinpilzrisotto (klick hier). Feldsalat (klick hier). Der Wein dazu war war vor Jahren als Geschenk für einen notorischen Mallorca-Fahrer gedacht, doch dazu war es nicht gekommen. Also trank ich jetzt den AN/2 aus dem Jahr 2003 von der mallorquinischen Kult-Bodega Anima negra. Von der schwarzen Seele war nach all den Jahren nicht mehr viel zu merken. Stattdessen hatte ich einen eher hellen ziegelroten Wein im Glas, der an einen gereiften Burgunder erinnerte.



Mittwoch, 30. September 2015

Delinale 2015 im Schauspiel Dortmund

Letztes Jahr fand die die Delinale, das Festival über den Kulturwandel dessen, was wir trinken und essen, noch im kleinen Rahmen in einer Kneipe im Kreuzviertel statt. In diesesem Jahr hat man großes vor. Erstmals findet das Festival am Freitag, 2. Oktober, um 19 Uhr im Schauspiel Dortmund statt.  Obgleich die Themen Kochen, Backen, Ernährungstipps oder mitunter auch mal Lebensmittel-Skandale gleichermaßen in den Mediensparten Online, On Air oder Offline reüssieren, Street Food und Gourmet Festivals Besucherrekorde feiern, behandelt das Schauspiel Dortmund gemeinsam mit der Delinale die Gesamtthematik Essen und Trinken erstmals im Kontext des Kulturwandels. Die Delinale 2015 debattiert und serviert im Studio des Schauspiel Dortmund einen kulinarischen Diskurs samt Kostproben sowie einem Pop Up-Store im Institut. Karten für 15 Euro sind an der Vorverkaufskasse im Opernhaus, unter www.theaterdo.de oder 0231/50-27222 erhältlich.
2. Oktober 2015, 19 Uhr, Schauspiel Dortmund.
Infos hier.

Freitag, 25. September 2015

Genießers Kochkurs: Der Pott kocht I

 Gut drauf: Teilnehmerinnen des Kochkurses

Vorgestern fand der erste Abend meines Herbstkochkurses an der VHS Herne statt. Nach langer Zeit war wieder einmal der Ruhrgebietsküche gewidmet.

Es ist gar nicht so einfach zu definieren, was das überhaupt ist. Das Ruhrgebiet ist mit etwa 170 Jahren eine recht junge Region und die ihre Traditionen noch nicht besonders alt. Die industrielle Entwicklung hat sich nicht an die althergebrachten kulturellen und politischen Grenzen gehalten und das Rheinland und Westfalen zwangsvermählt und vor allen Dingen die landwirtschaftliche Produktion an den Rand der Region gedrängt. Eine gewaltige Bevölkerungsexplosion hatte zur Folge, dass die Region allein die Menschen nicht mehr versorgen konnte.

Die Millionen Einwanderer brachten ihre eigenen Ess- und Kochtraditionen ins Ruhrgebiet mit, zuerst die Polen, später dann die Gastarbeiter aus den Mittelmeerländern, deren Küche für die Deutschen gleichzeitig eine Urlaubserinnerung war. Anfangs wurden die Menschen ins Ruhrgebiet gelockt, indem man ihnen neben Arbeit und Wohnung auch einen eigenen Garten anbot, in dem sie ihre gewohnten Lebensmittel anbauen konnten. Und so sind es die verschiedensten nationalen Einflüsse und der Gemüsegarten, die die Ruhrgebietsküche definieren. Wer will, kann im Manifest zur Ruhrgebietsküche, das der Genießer zusammen mit Slow Food Bochum im Kulturhauptstadtjahr 2010 verfasste, all das und noch viel mehr nachlesen. Klick hier.




Emsiges Treiben in der Lehrküche der VHS Herne

Zum Kochkurs fand sich ein munteres Trüppchen zusammen: drei Mütter und ihre Töchter, ein Ehepaar und ein einzelner Herr. Der Genießer hatte ein Menü zusammengestellt, das besonders die schlesisch-polnische Tradition der Ruhrgebietsküche in den Mittelpunkt stellte.

Fingerfood: Fleischbällchen in Currysauce, Schlesische Bierspeise und Stramme Mäxchen

Fingerfood ist eigentlich ein Widerspruch zur Ruhrgebietsküche, ist deren wichtigstes Merkmal doch das „Viel“. Zu unserem bunten Gruß wurden zwei Klassiker minituriarisiert. Die unvermeidliche Currywurst wurde zu „Fleischbällchen in Currysauce“. Dafür wurde eine Currysauce hergestellt, in der gebratenen Bällchen aus Bratwurst-Brät schwammen, das mit abgeriebener Zitrone und Curry nachgewürzt wurde. Rezept hier.
Die Strammen Mäxchen wurden verkleinert, indem statt der Hühnereier des Originals Wachteleier zu Einsatz kam. Dazu gehörte viel Fingerspitzengefühle, denn die dicken Schalen der kleinen Eier mussten mit einem Sägemesser vorsichtig aufgesägt werden, um das Eigelb nicht zu zerstören. Rezept hier.
Das Rezept der Schlesischen Bierspeise stammt aus dem Bierkochbuch von Josef Schwinning, dem langjährigen Küchenchef des Fiege Sudhaus‘ in Bochum. Es ist ein Brotaufstrich aus Ölsardinen, Schmand, Kapern, Senf und Bier. Wir verwendeten Fiege Bernstein, ein helles süßliches Bier, das gut zu den ebenfalls süßlichen Ölsardinen passte, schmeckten aber auch noch mit Zitronensaft ab. Rezept hier.

Schlesisches Himmelreich
Schweinbauch ist eine wichtige Fleischsorte im Ruhrgebiet und kommt in vielerlei Form auf den Tisch, etwa paniert und gebraten als falsches Kotelett. Wir stellten eine süß-pikante schlesische Variante her, gekocht mit Backobst. Rezept hier.


Rinderrouladen
Auch die Rinderrouladen, gefüllt mit Senf, Speck und Gewürzgurke, sind schlesischen Ursprungs. Wir bereiteten sie nach einem Rezept des Essener Kochs Patrick Jabs zu. Wichtig ist dabei, das Schmorgemüse mit jeweils einem Schuss Rotwein mindestens dreimal einkochen zu lassen. Darüber hinaus bekommen sie eine besondere Not, weil der Senf mit geröstetem Paprikapulver vermischt wurde. Rezept hier.

 Pflaumen-Birnen-Auflauf
Desserts sind eine Luxusprodukt, und deshalb fallen sie im proletarischen Ruhrgebiet recht einfach aus. Saisongemäß gab es einen Auflauf aus Zwetschgen, Birnen und Zwieback. Rezept hier.

Mittwoch, 9. September 2015

Aus dem Archiv: Ristorante Nuragus - Sardische Melancholie

Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2016".
Das Restaurant gibt es nicht mehr.


Ein gehobenes italienisches Restaurant wie aus dem Bilderbuch. Elegant eingedeckte Tische mit gediegen weißen Tischtüchern. Durch die hohen Altbaufenster blickt man auf den Kaiserbrunnen, der von einer noblen bürgerlichen Vergangenheit Dortmunds kündet. Aus den Lautsprechern grunzt sanft Paolo Conte seine Canzoni, die in den populären Fassungen von Adriano Celentano u.a. zu Welthits geworden sind. Es herrscht eine heimelige, würdevolle Melancholie, die nur durch das bunte T-Shirt gebrochen wird, die Padrone Marco Oggiano heute ausnahmsweise anstelle von Schlips und Kragen trägt. Es schmerzt ein wenig, dass ich an diesem Abend der einzige Gast in dieser Stätte der konservativen Esskultur bin. Zumal ich noch den überfüllten Imbiss-Trubel in einem populären Steakhaus in Erinnerung habe, wo das Essen auch nicht preiswerter war.

Nuragus heißt eine autochthone weiße Rebsorte auf Sardinien, die nach den prähistorischen Wachtürmen auf der italienischen Mittelmeerinsel benannt ist. Als Restaurantname soll Nuragus die regionale Küchenausrichtung des Hauses andeuten. Doch wenn man Marco auf sardische Küche anspricht, freut er sich, druckst aber ein wenig herum. Von den Vorspeisen und von den Desserts kann er typische sardische Spezialitäten empfehlen, die ich selbstverständlich nehme. Bei den Hauptgängen, die eher klassische italienische Fleisch- und Fischgerichte sind, sei leider nichts dabei.

Als ich als Pasta-Gang Ciccioneddos (12,50 Euro) und zum Nachtisch die Su gioddu (6,50 Euro) vor mir stehen habe, bemerke ich, dass ich beide Gerichte in gleicher Form schon vor fünf Jahren serviert bekam, als ich das erste Mal im Nuragus war. Aber was soll‘s. Ich bin wieder total begeistert. Ciccioneddos sind sardische Gnocchi, die Marco mit einem Sugo aus Cocktailtomaten, inseltypischem Fenchel, Salsicca, einer ebenfalls mit Fenchel gewürzten Wurst, und gereiftem Pecorino anrichten lässt. Su gioddu ist eine Mousse aus Joghurt, ausdekoriert mit frischen Früchten, und eine wunderbar leichte Alternative zur ewigen Panna cotta.

Beim Hauptgericht folge ich ebenfalls Marcos Empfehlung und bestelle die Corona di agnello (26 Euro), Lammkarree mit Kräutern, in dem seine Vorstellung von Küche besonders deutlich zur Geltung käme. Das zarte Karree ist nur dezent vom Fett, dem wichtigsten Geschmacksträger, befreit und mit Kräutern und Knoblauch aromatisiert. Vielleicht hätte sich das Fleisch ein wenig leichter vom Knochen lösen können. Dazu gibt es die klassischen Beilagen wie Kartoffelgratin und geschmorte Gemüse, einfach, elegant und gut. Den sardischen Touch bringt dann der Wein, ein gereifter roter Cannonau di Sardegna Riserva (0,25-l-Glas 10 Euro), die Variante der südfranzösischen Grenache-Traube. Er stammt von Sella & Mosca, der wichtigsten Kellerei der Insel.

Bestens auf meinen bevorstehenden Italien-Urlaub eigestimmt, verlasse ich nach genussreichem, nur von Marcos charmantem Service unterbrochenem Mahl das schöne Lokal. Ich muss unwillkürlich an einen Satz aus dem Roman „Der Leopard“ denken, der das konservative Weltbild seines Helden umreißt: Manchmal muss man etwas verändern, damit alles so bleibt wie es ist.

Naja, vielleicht aber auch nicht.

-kopf


44135 Dortmund-Kaiserstraßenviertel, Goebenstraße 1

Dienstag, 8. September 2015

Aus dem Archiv: Rodizio - Wie am Spieß

Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2016".

„Established 1999“ lese ich irgendwo, und das zeigt an, dass das Steakhaus Rodizio im automobilen Gewerbegebiet an der Rosemeyerstraße aus einer Zeit stammt, als die schon fast esoterischen Fleischsorten Wagyu oder US-Beef vom 800-Grad-Grill noch nicht als Gipfel der Steakqualität angesehen wurden, sondern das argentinische Rindfleisch. Sicher, auf einer Sonderkarte werden auch Steaks aus den Luxus-Sorten angeboten und kosten fast das Doppelte von den Gerichten der normalen Karte. Hauptattraktion des Ladens ist jedoch wie eh und je der namensgebende Rodizio, ein Spießbraten nach argentinischer Art, der hier als eine ganz besondere All-you-can-eat-Variante zelebriert wird. Die Serviceleute laufen mit großen Spießen durch den Saal, an denen verschiedene Fleischsorten über offenem Feuer gebraten wurden und schneiden einem davon so viel und so oft auf den Teller, wie man haben will. Auch die Beilagen werden in großen Schüsseln gebracht und direkt am Platz aufgetragen. Der ganze Spaß kostet 26 Euro pro Person, und so kann man sich hier ohne Reue einen ganzen Abend lang der Fleischeslust hingeben. Und das tun eine ganze Menge Leute. Das Rodizio scheint immer gut besucht.

Als rasender Restaurantkritiker will man aber nicht immer so viel Zeit investieren, und so suche ich unter den Steak- und Tellerpositionen auf der umfangreichen Speisekarte nach einem Gericht, an dem ich die Grillkunst der Küche überprüfen kann. Ich werde im Steak Teller fündig, bestehend aus 350 Gramm Rumpsteak, Entrecôte, Filet und Hüftsteak sowie einer Folienkartoffel (28,90 Euro). Als Vitaminbeilage ergänze ich das ganze durch einen Salatteller (5 Euro). Nun, die Folienkartoffel ist super, und der Salat schmeckt mir, weil ich ihn am Büffet selbst zusammengestellt habe und kein Koch dafür verantwortlich ist.

Das Fleisch ist klasse. Zart, saftig und dennoch mit Biss, innen von einem kräftigen medium Rosa. Allerdings gelingt es mir nicht, die verschiedenen Fleischsorten zu unterscheiden. Das Rumpsteak ist genauso zart wie das Filet, oder umgekehrt gesehen, das Filet genauso bissfest wie das Rumpsteak. Doch geschmälert wird der Genuss dadurch kaum. Mit Heinz-Ketchup und einer BBQ-Sauce schmeckt alles so, wie es schmecken muss, zumal der argentinische Merlot, der mir dazu in einem hohen Bordeaux-Glas dazu serviert wird, gar nicht übel ist.

Eigentlich bin ich schon ziemlich satt, doch als Nachtisch muss ein Banana Spezial, eine panierte Banane mit Zimt und Bourbon-Vanilleeis, einfach sein, als Reminiszenz an selige Kindheitstage. „Ein super Konzept, der Laden“, denke ich, als ich gut gesättigt und steifbeinig wie ein Gaucho auf dem großen vollbesetzten Parkplatz vorm Haus nach meinem Wagen suche.

-kopf

44139 Dortmund, Rosemeyerstraße 2-4
Fon 02 31. 1 06 37 35
Mo-So 12-22.30 Uhr
https://www.steakhouse-rodizio.com/

Aus dem Archiv: Eisenbarth Gastronomie - Eiserne Konsequenz

Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2016"
Die Gastronomie gibt es nicht mehr. Seit 2018 befindet sich in dem Gebäude die Biergaststätte "Hopfen & Salz".

Es ist schon bewundernswert, wie die Familie Eisenbarth es schafft, eine traditionsreiche Ausflugsgastronomie, die in der Kaiserzeit auf dem Höhepunkt der Industrialisierung des Ruhrgebiets konzipiert wurde, als Eventgastronomie ins 21. Jahrhundert zu führen. Auch nach einem Jahrhundert beeindruckt der tadellos in Schuss gehaltene Bau am Lütgendortmunder Volksgarten. Innen herrscht gutbürgerliche Gemütlichkeit, außen lockt ein großer Außenbereich mit verschiedenen Abteilungen von einer eleganten Terrasse über einen mit klassischen Bänken ausgestatteten Biergarten bis hin zu einem Kinderspielplatz. Dass solch ein Prachtbau nur mit einem konsequenten Konzept zu betreiben ist, liegt auf der Hand. So ist die Eisenbarth Gastronomie fürs allgemeine Publikum nur freitags bis sonntags geöffnet, unter der Woche finden in den verschiedenen Räumlichkeiten Veranstaltungen und Familienfeiern statt.

Auch das Bewirtungskonzept wird konsequent durchgezogen. Gern hätte ich an einem warmen Freitagabend auf der wenig besetzten Terrasse gegessen, doch da hätte ich nur in Selbstbedienung verschiedene Flammkuchen (zwischen 6 und 7 Euro) oder die unumgängliche Currywurst (mit Eisenbarths Spezialsauce 2,50 Euro) bekommen. Also musste ich mich in den gutbesuchten holzvertäfelten Kneipenraum setzen, um mir von der gutbürgerlichen Speisekarte ein kleines Menü auszuwählen. Die Saisonkarte war der Jahreszeit gemäß vom Pfifferling geprägt. Doch ich suchte etwas Zeitloses und wurde im Klassischen Sauerbraten mit geschmelzten Thüringer Knödeln (11,60 Euro) fündig. Selbst eingelegt sei der Braten, verriet mir die Bedienung, und stamme vom Rindertafelspitz. Tatsächlich war er angenehm süßsauer und einigermaßen zart. Die Pumpernickel-Honig-Sauce hätte etwas sämiger sein können. Der Johannisbeer-Rotkohl war ziemlich grob geraspelt, was mich nicht störte, weil er trotzdem weich war. Bei Mama wäre das aber nicht durchgegangen. Dazu schmeckte ein Alsterwasser (3,30 Euro) richtig prima.

Zuvor gab es der Jahreszeit gemäß eine geeiste getrüffelte Kartoffelsuppe (3,60 Euro). Mit dem Serranoschinken-Chip als Einlage eine leckere Sache. Doch der Chip war recht groß und mit dem Löffel nicht zu zerteilen, so dass man ihn auf einen Schlapp zu sich nehmen musste und so den größten Teil der Suppe ohne diese salzbetonte Geschmackserweiterung auslöffeln musste. Der Nachtisch war dann wieder klassisch, eine große Portion Rote Grütze mit Beerenfrüchten (4,40 Euro).
Als ich das Gasthaus verließ, war es immer sommerlich warm und ich warf sehnsüchtig einen letzten Blick auf die immer noch wenig besetzten Lehnstühle der schönen Terrasse.

-kopf

 
44388 Dortmund-Lütgendortmund, Volksgartenstraße 61