Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2013".
Das Restaurant gibt es nicht mehre. Seit 2020 betreibt Toni Pace "Toni's Gusto Italiano".
Einer dieser ländlichen Stadtteile, die ein Auswärtiger im Dortmunder Süden gar nicht vermuten würde, ist Löttringhausen, ein idyllisches Wohnviertel zwischen Wiesen und Feldern, wo im Spätsommer die Freizeitreiter über die abgeernteten Felder galoppieren. Hier befindet sich (nach dem Umzug) das Ristorante von Toni Pace, und wenn man den stolzen Fuhrpark, der sich im Laufe eines Abends auf dem Parkplatz vorm Haus ansammelt, betrachtet, weiß man, dass die Kundschaft des Hauses etwas auf sich hält. Betritt man den flachen Restaurantbau, so wird dem idyllischen Ruhrgebiet noch eins draufgesetzt. Die Tische sind nobel eingedeckt, Tischwäsche und Stuhlhussen strahlen in elegantem Weiß, die Gläser blinken. Betritt man dann die die Terrasse, so glaubt man sich in Edelrestaurants an der Amalfi-Küste oder auf Capri versetzt. Säulen und Statuen erinnern an die Terrazza dell'Infinito der Villa Cimbrone in Ravello, nur geht die Sonne nicht überm blauen Mittelmeer, sondern hinter dem Schönheitsstudio auf der Straßenseite gegenüber unter. Irgendwelche Schwellenangst ist jedoch nicht angesagt, denn bedient werden die Gäste von Tonis Ehefrau Jenni Polte und ihrer Mutter mit einer Herzlichkeit, die die italienische Familiarität mit der unkomplizierten Leutseligkeit des Ruhrgebiets verbindet. Gibt man bei der Reservierung an, dass man mit dem Besuch etwas Besonderes feiern will, so wird der Tisch entsprechend hergerichtet, bei einem Hochzeitstag z.B. romantisch mit Rosenblättern bestreut. Besonders prickelnd ist der Weg zu Toilette. Er führt zwischen Regalen und Kühlschränken hindurch, in denen eine beachtliche Sammlung an italienischen Spitzenweinen auf den Genuss wartet.
Die italienische Küche ist durch zwei Aspekte gekennzeichnet, durch eine ausgeprägte Regionalität und durch die einfache, minimalistische Zubereitung hochwertigster Zutaten. Besonders der zweite Aspekt tritt in Toni’s Ristorante bei seinen z.T. süditalienisch geprägten Gerichten zu Tage. Eine hübsche Anzahl von Pasta-Gerichten ist für ein italienisches Restaurant unabdingbar, so auch bei Toni. Als Vorspeisen führt die Karte u.a. auch Klassiker wie Carpaccio (12,20 Euro), Vitello tonnato (12,30 Euro) oder Spezialitäten wie Weiße Trüffelcréme mit gerösteten Scampi (16,90 Euro) und Jacobsmuscheln auf grünen Linsen (12,90 Euro) auf.
Ich entschied mich jedoch für ein Tagesangebot, Thunfisch in schwarzem Sesammantel. Was da als Vorspeisenportion kam (15,90 Euro), war Minimalismus pur. Vier dicke Tranchen Thunfischfilet in Sushi-Qualität, perfekt rot gebraten, waren auf ein paar Blättern Rucola und der unvermeidlichen Balsamicocrème-Malerei angerichtet. Der Fisch war saftig und hatte durch den Sesam ein asiatisch anmutendes Aroma, die würzige Salatgrundlage brachte die nötigen Säureblitze, übertünchte aber nichts. Ich hätte mich noch über ein Schälchen Fleur de Sel gefreut, aber eigentlich war das nicht nötig.
Beim Hauptgang verzichtete ich folglich auf ein Fischgericht wie Wolfsbarsch auf Orangenjus (27,80 Euro), eine sardische Spezialität, oder Seeteufel in Safranjus (26,40 Euro), sondern ging zum Fleisch über. Da fand ich „Filetto con miele e pinioli“, Rinderfilet in Rotwein-Honigjus mit Pinienkernen, (27,40 Euro) am exotischsten. Und wieder wurde ich durch die Schönheit des schieren Minimalismus überwältigt. Auf dem Teller lag das sorgsam gebratene, boxerfaust-große Stück Fleisch, von dunkler Sauce überzogen, in der golden die Pinienkerne und ein paar weichgeschmorte Zwiebelstreifen schimmerten. Wie ein dezentes Tüpfelchen auf dem i war oben auf dem Fleisch ein kleiner Rosmarinzweig das einzige Dekors. Entsprechend einfach die Gemüse-Beilage, Kartoffeln, Karotten und Böhnchen. Das Fleisch war perfekt medium gebraten, und die Sauce von einer ausgewogenen Süß-Säuerlichkeit, gegen die der empfohlene leichte Valpolicella (0,2l 8,10 Euro), im Sommer eigentlich ideal, nicht ganz ankam. Einen Chianti mochte man mir nicht öffnen.
Zum Dessert gab es noch ein Stück hausgemachter Schokoladentorte mit Eis und Früchten (8,80 Euro), die ich den italienischen Dessert-Standards Panna Cotta (7,20 Euro) und Tiramisù (6,90 Euro) vorzog. Eine Zabaglione (8,80 Euro, mit Vanilleeis) frisch zu schlagen, wollte ich der Küche nicht zumuten. Toni’s Ristorante hatte sich mittlerweile gut gefüllt, und ich hätte bestimmt länger warten müssen.
-kopf
44229 Dortmund-Löttringhausen, Max-Brandes-Str. 25
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