Donnerstag, 18. Mai 2023

Slow Food Kochkurs: Start in die Grillsaison mit Archepassagieren

Die Grillsaison ist eingeläutet

Schon vor über zehn Jahren war Slow Food Bochum mit Kochevents in der gut ausgestatteten Küche der Katholischen Erwachsenen- undFamilienbildungsstätte am Bochumer Bergbaumuseum zu Gast (klick hier). So griff jetzt das Convivium um Leiterin Wiebke Rieck gern die Idee auf, für neue Veranstaltungen nach der durch Corona erzwungenen Zwangspause wieder dorthin zurück zu kehren.

Trubel in der Lehrküche

Der erste Slow Food Kochkurs fand am 12. Mai 2023 unter Motto „Start in die Grillsaison mit Archepassagieren“ statt. Im Kurs sollten Grillwürstchen aus Fleisch und auf pflanzlicher Basis hergestellt werden und dazu passende Beilagen. Der Clou dabei: Es sollten dafür weitgehend Produkte aus der „Slow Food Arche des Geschmacks“ verwendet werden.

Die "Arche des Geschmacks" wurde von Slow Food 1996 ins Leben gerufen, um dem voranschreitenden Verlust der biokulturellen Vielfalt im Lebensmittelbereich entgegen zu wirken. Mittlerweile hat sie weltweit über 5.200 Passagiere - Nutztierrassen, Kulturpflanzen und wilde Arten, die aufgrund ihrer schwierigen industriellen Verwertbarkeit und des voranschreitenden Klimawandels vom Aussterben bedroht sind, aber auch traditionelle Produkte und Zubereitungsarten von Lebensmitteln, die in ihrer Existenz bedroht sind. Um Näheres über die „Arche des Geschmacks“ zu erfahren bitte hier klicken.

Wiebke und Katrin beim Bütterchen-Schmieren


Jochen präsentiert einen alten Balsamico

Peter verzweifelt am elektrischen Fleischwolf

So machten sich mit Wiebke die Slow-Food-Mitglieder Katrin Manzke, Jochen Hoss und Peter Krauskopf daran, diese Produkte zu beschaffen, eine Aufgabe, die durchaus einen gewissen Aufwand erforderte. Einiges hatte Wiebke von der Slow-Food-Messe in Stuttgart mitgebracht, bei der Beschaffung besonders von regionalen Produkten war die Fleischerei „Ferdi. Pütz“ in Gelsenkirchen und der Bio-Laden „Gemüse Gebauer“ in Witten hilfreich. Um zu einer Liste der verwendeten Produkte und ihrer Hersteller zu gelangen, bitte hier klicken.



Die Kursteilnehmer brachten eine Menge Kochkompetenz mit.

Am Kochabend selbst trafen sich die vier Slowfoodies dann mit acht weiteren Kochinteressierten, um die ausgesuchten Rezepte zu realisieren. Es wurde eine lockere Kochparty, die zu leckeren Ergebnissen führte. Zum Gelingen trug auch bei, dass die dazu gestoßenen Kursteilnehmer und –teilnehmerinnen eine ganze Menge Kochkompetenz mitbrachten, besonders beim Wurstmachen.. Größtes Malheur war, dass der elektrische Fleischwolf gleich am Anfang seinen Geist aufgab und auf die Schnelle ein manuelles Gerät besorgt werden musste. Mit dem funktionierte das Wursten dann aber wie am Schnürchen.




Als der manuelle Fleischwolf heran geschafft war,
lief das Wursten wie am Schnürchen.
 
 

Hier also die hergestellten und mit großem Appetit aufgegessenen Gerichte des Abends. Die Archeprodukte sind kursiv gekennzeichnet.

Vorweg


Zum Einstieg gab es ein paar von Wiebke und Katrin liebevoll geschmierte Bütterchen. Das Brot dazu war aus Dickkopfweizen-Mehl gebacken. Bestrichen waren sie mit Rillete von der Lippegans und einer Marmelade aus aus Höri Bülle, einer Zwiebelspezialität vom Bodensee mit Apfelgesälz vom Jakob-Fischer-Apfel sowie Lupinenhumus.
Getrunken wurden dazu Fruchtseccos aus Apfel-Quitte bzw Trauben und Sparkling Juicy Tea aus Darjeeling, Rhabarber und Rosenblättern von Van Nahmen. 


Die Würste

Die pflanzlichen Würstchen





Für die pflanzlichen Würstchen wurde eine Seitanmasse aus Borlotti-Bohnen, Glutenmehl sowie weiteren Zutaten und Gewürzen hergestellt, die portionsweise wie Serviettenknödel in Folie gewickelt und verschnürt wurde. Diese würstchenförmigen „Bonbons“ wurden dann im Ofen „gebacken“, anschließend ausgewickelt und der Pfanne noch einmal gebraten. Zum Rezept hier klicken.


Bratwürste vom Bunten Bentheimer Schwein nach Salsiccia-Art


Für die Bratwürste aus Fleisch wurde Schulter vom Bunten Bentheimer Schwein durch den Wolf gedreht. Das Brät wurde mit Salz, Pfeffer, Muskatnuss, gerösteten Fenchelsamen, Zitronenschale und Weißwein nach Salsiccia-Art gewürzt und an in Schweinedarm gefüllt und abgedreht. Dann waren sie fertig zum Braten. Zum Rezept hier klicken.



Die Beilagen

Hasselback- Kartoffeln


Für diese einfache Zubereitung werden Kartoffeln fächerförmig angeschnitten, gewürzt und im Ofen gebacken. Zum Rezept hier klicken. 


Salat von der Alblinse mit Kirschessig
aus Schattenmorellen vom Mittelrheintal



Für diesen Salat werden braune Alblinsen, die körnig bleiben, mit knackigen Gemüsen und Zitrusaromen kombiniert. Ergänzt wird das durch ein Mus roten Linsen und Senf, das ebenfalls als eine Art Mayonnaise separat zu den Würstchen gereicht wurde. Zum Rezept klick hier.

 
Rhabarber-Ketchup


Ein fruchtiger, süß-pikanter Ketchup aus Rhabarber, passierten Tomaten und anderen Aromaten. Zum Rezept klick hier.


Dessert

Bergisches Tiramisu mit Burger Brezeln


Ein dem italienischen Tiramisu nachempfundenes Dessert auf Basis der Burger Brezel, einer Spezialität aus dem Bergischen Land. Zum Rezept klick hier.

Im Uhrzeigersinn rund um den Linsensalat: Bratwürtschen vom Bunten bentheimer, Hasselback-Karoffeln, Seietan-Bratwurst, Linsen-Mayonnaise, Rhabarber-Ketchup.
 

Dienstag, 16. Mai 2023

Lecker Essen für Europa: Dicke Spaghetti in Zwiebel-Sardellen-Salsa, Spargel mit Roquefort-Sauce und ein Rosé aus Apulien.


Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet das Rezept für Moscardini di Caorle marinati, also für marinierte Moschuskraken nach Art des venezianischen Badeortes Caorle, nach zwei Jahren geschafft hat, sich klammheimlich wieder in die Top Ten der meistbesuchten Posts in diesem Blog zu schleichen. Eigentlich finde ich ja das Gericht mit den Minitintenfischen und dem schwarzen Kartoffelpüree ein wenig strange, aber vielleicht haben die Leute ja auch Spaß an meinen Reminiszenzen an einen Adria-Urlaub in den 1960-er Jahren, mit denen ich diesen Post garniere (klick hier).

Jedenfalls war das der Anlass, im Internet noch einmal nach weiteren Rezepten aus Caorle zu suchen. Ich wurde auf einer Touristischen Internetseite fündig. Da stand das Nudelgericht „Bigoli in Salsa“, das ich leicht variiert auch auf anderen Seiten und in meinen beiden Kochbüchern über die venezianischen Küche fand. Es war so simpel zuzubereiten, dass ich unbedingt nachkochen wollte. Bigoli sind eine spaghettilange, aber regenwurmdicke Nudelspezialität aus Venetien, für die der Nudelteig durch die Lochscheibe eines extra dafür entwickelten Gerätes oder eines Fleischwolfes gedrückt wird. Und bei der Salsa handelt es sich um mit Weißwein, Knoblauch, Olivenöl und Sardellen eingekochte weiße Zwiebeln, die, so wollte es die Tourismusseite wissen, unbedingt aus dem venezianischen Gemüsezentrum Chioggia stammen müssten.


Roscoff-Zwiebel, Sardellen, junger Knoblauch

Beides hatte ich natürlich nicht zur Hand. Statt der Bigoli mussten einfach dicke Spaghetti, so genannte Spaghettoni, herhalten, die sich beim Kochen allerdings ziemlich aufplusterten. Und Chioggia-Zwiebeln hatte ich auch nicht, sondern nur die zartrosanenen Roscoff-Zwiebeln aus der Bretagne, die sich meiner Meinung aber auch hervorragend für die Salsa eigneten. Schließlich hatte ich damit schon früher die recht ähnliche Basis für meine Pariser Zwiebelsuppe zubereitet (klick hier).

Spargel, Roquefort, Zigenjoghurt und -butter

Nur der Teller Nudeln mit Zwiebeln schien mir aber als Mittagsmahl zu dürftig, und so beschloss ich, noch etwas Spargel zu machen und dazu eine Sauce mit Blauschimmelkäse. Um auf den norditalienischen Pfaden zu bleiben, hätten es natürlich grüner Spargel und Gorgonzola sein müssen, doch ich hatte nur weißen aus Bottrop (frischer ging nicht) und ein Stückchen sahnig-süß-pikanten französischen Roquefort, den ich als Pröbchen am Käsestand im Biomarkt bekommen hatte. Also war es mit Venetien auf dem Südbalkon diesmal nichts, sondern es gab eher ein lecker Essen für Europa, und da machte es auch nichts, dass der Rosé, den ich dazu trank, aus dem süditalienischen Apulien stammte. Traumhaft und einzigartig war das Essen allemal, zumal ich für die Salsa auch noch ganz jungen, schnittlauchähnlichen Knoblauch und für die Roquefort-Sauce einige Reste Ziegenbutter und –joghurt verarbeitete.

Im Glas: Primitivo Rosato aus Apulien


Rezept: Dicke Spaghetti in Zwiebel-Sardellen-Salsa und Spargel mit Roquefort-Sauce


Spaghetti in Zwiebel-Sardellen-Salsa:
Pro Portion 100 g dicke Spaghetti
1 mittelgroße weiße oder rosafarbene Zwiebel
3 Sardellen
2 Stängel jungen Knoblauch (oder 1 Zehe)
0,1 l Weißwein (oder Rosé) oder mehr
Olivenöl
Pfeffer, Salz
gehackte Petersilie

Sind die Sardellen in Salz eingelegt, erst einmal eine halbe Stunde wässern. Sardellen in Öl kann man sofort verwenden.
Die Zwiebel in sehr dünne Ringe hobeln. Den jungen Knoblauch in dünne Ringe schneiden. Nimmt man eine Knoblauchzehe, kann die im Ganzen mit gegart werden.
Olivenöl in einer Pfanne erhitzen, Knoblauch und Zwiebelscheiben darin glasig dünsten. Die Sardellen zugeben und mitbraten, bis sie zerfallen. Mit Weißwein ablöschen und bei geschlossenem Deckel weiter schmurgeln lassen, bis die Zwiebelringe fast zerfallen und karamellisieren und eine cremige Salsa ergeben. Das kann eine gute halbe Stunde dauern. Immer wieder Wein oder Nudelkochwasser nachgießen. Mit Pfeffer und sehr vorsichtig mit Salz abschmecken.
Spaghetti nach Packungsvorschrift al dente kochen. Unter die heiße Salsa mischen und mit gehackter Petersilie bestreuen.

Spargel mit Roquefortsauce:
pro Portion fünf bis sechs Stangen Spargel
Rapsöl
Zitronensaft
Salz, Zucker
2 TL (Ziegen-)Butter
1 TL Mehl
0,2 l flüssiger (Ziegen-)Joghurt
1 EL Roquefort
Geriebene Muskatnuss

Spargel schälen. Etwas Wasser zum Kochen bringen, je ein Prise Salz und Zucker, einen Schuss Rapsöl und etwas Zitronensaft hinzufügen. Spargel dazugeben und bei geschlossenem Deckel ca. zehn Minuten bissfest dünsten.

Für die Sauce in einer Kasserole Butter auslassen, Mehl darin verrühren und eine Mehlschwitze herstellen. Mit Ziegenjoghurt auffüllen und unter Rühren köcheln lassen, bis der Mehlgeschmack verschwunden ist und die Sauce etwas eingedickt ist. Roquefort darin auflösen. Mit Muskat abschmecken.

 
Gab's auch noch: Bottroper Erdbeeren und
Castroper Ziegenjoghurt zum Dessert

Sonntag, 7. Mai 2023

Gourmetmeilen 2023: Mit "OE schlemmt" in Oer-Erkenschwick startet die Saison


Endlich hat es der Genießer einmal geschafft, die kleine Gourmetmeile „OE schlemmt“ zu besuchen, die in diesem Jahr bereits zum fünften Mal den Startschuss für die Gourmetmeilensaison im Ruhrgebiet gibt. Es ist schon erstaunlich, was in Oer-Erkenschwick im Kreis Recklinghausen auf die Beine gestellt wird. Fünf Gastronomien zaubern auf dem Hünenplatz, dem Marktplatz der kleinen Gemeinde, ein gemütliches Dorffest, nicht unbedingt ein touristisches Ausflugsziel, sondern ein Nachbarschaftstreffen fürs Vest, bei dem sich die Leute mit Kind und Kegel mal richtig durchschlemmen können. Es gibt ein Kinderprogramm und Live-Musik.


Live Musik

Kinderspaß

Mit dabei sind die Gourmetmeilen-bewährte Gourmetabteilung (Zu Gast in Recklinghausen) des Wellnes-Resorts Maritimo, das Ausflugslokal Mutter Wehner, EDEKA Zierles, das Hotel Stimbergpark und die Fleischerei Tewes. Jede Station bietet fünf Gerichte an, nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen, spätabends als Rausschmeißer ‘ne Currywurst. Wie die Gäste es auf den Gourmetmeilen im nördlichen Ruhrgebiet mögen, sind die Teller sehr üppig, mit viel Fleisch drauf und eher rustikal angerichtet. Vegetarisch sind nur ein paar Desserts.

Folgende subjektiv ausgewählte Gerichte wurden probiert.


Zum Einstieg
Amérie Spritz – Münsterländer Aperitif
Der Likör Amérie von der Feinbrennerei Sasse besteht aus Öko-Getreide, handverlesenen Walderdbeeren und Himbeeren vom Hof Groethues-Potthoff in Senden. 

 



Hotel Stimbergpark
Salat Falafel (vegan)
mit Tomate, Gurke, Paprika, Möhren, Mango, Granatapfelkernen und saftigen Falafelbällchen, dazu Mango-Vinaigrette 10,50 Euro
Das einzige als vegan ausgezeichnete Gericht auf OE schlemmt. Die Gemüse waren schöne frisch und knackig, die Mango-Vinaigrette in passender Menge. Die Falafel waren pikant mit Kreuzkümmel abgeschmecket, aber leider nicht so saftig wie angegkündigt.



EDEKA Zierles
Emder Matjessalat
mit Äpfeln, Zwiebeln, Paprika und Baguette 8 Euro
Schön mild und leicht abgeschmeckt, der ziemlich groß gestückelte Matjes zart bis zum Zerfallen. Viel Brot zum Aufnehmen der Marinade.




Mutter Wehner
Hüftsteak vom Wasserbüffel
mit Süßkartoffelpüree und Gremolata, dazu Rosmarinjus und Portweinzwiebeln 14 Euro
Der Höhepunkt der Gourmandise. Zart und saftig geschmortes Fleisch, in sogar noch rosa, an dem man den Eigenschmack des Wasserbüffels erkennen konnte. Die Beilagen sehr klassisch und schmackhaft. Der Rosmarinjus erinnerte mehr an ein Pesto, war aber aromatisch.




Fleischerei Tewes
Bacon Bomb
Pikant gewürzte Hackfeischbällchen mit flüssigem Käsekern, ummantelt mit angeräuchertem Speck! Mit Schwarzbiersoße und einen Gemüsevariation aus der Gusspfanne 10 Euro
Eher der Ausreißer der Gourmandise. Die Hackfleischbällchen waren zwar pikant komponiert, lagen aber wie Kanonenkugeln schwer und knochentrocken im Magen. Sie kamen nicht heiß genug auf den Teller, damit der die Käsefüllung wie versprochen noch flüssig war. Das Gemüse eher latschert, wie man in Österreich sagen würde.



„OE schlemmt“ auf dem Hünenplatz in Oer-Erkenschwick läuft noch bis heute Abend.
Alle Gourmetmeilen 2023 klick hier


Donnerstag, 4. Mai 2023

Frühlingslust: Wirsing-Roulade mit Füllung aus Ruhrtaler Freilandschwein-Brät, Fenchel und niederrheinischem Cidre auf mit Ziegenbutter verfeinertem Risi e Bisi



Venezianer mit Haut und Haaren, war er (
Brunetti) mit risi e bisi aufgewachsen (…) „Höre ich da das Betteln eines Süchtigen?“ fragte sie (Paola). (…)
Auf der Mitte des Tisches hieß ihn eine Porzellanschüssel Risotto mit Erbsen willkommen, der sich beinahe wellte, so cremig war er. Nachdem Brunetti Platz genommen hatte, löffelte Paola ihm dampfenden Risotto auf den Teller. Dann den Kindern, dann sich selbst.
„
Risi bisi, risi bisi“, jubelte Chiara.
Brunetti bat jene Instanz, die er nicht kannte und an die er eher nicht glaubte, Chiara noch viele Jahre lang Freude an Erbsen zu bescheren. Dann wäre sie im Leben glücklich, ahnte er.


Nach längerer Zeit hatte ich mal wieder Lust, einen Donna-Leon-Roman mit dem venezianischen Commissario Brunetti zu lesen, den ich noch nicht kannte. Es war der achtundzwanzigste Fall von mittlerweile zweiunddreißig mit dem Titel „Ein Sohn ist uns gegeben“, der mir in die Finger kam. Über die recht betuliche Story will ich gar nichts sagen. Aber ich amüsierte mich sehr über das medienspezifische Paradoxon, dass die Jahrzehnte lang laufende Fernsehserie nach den Romanen u.a. deswegen eingestellt werden musste, weil die Darsteller viel zu alt für ihre Rollen geworden waren, während im Buch Brunettis Tochter Chiara auch nach 30 Jahren problemlos noch ein Teenager mit kicherigem Sweet-little-sixteen-Charme sein konnte.

Aber noch mehr freute ich mich darüber, dass mich der Roman auf die Idee brachte, mal wieder risi e bisi zu kochen – nicht zuletzt, weil ich darüber stolperte, dass die Bezeichnung für dieses Gericht im Abstand von wenigen Zeilen in gleich zwei Schreibweisen auftauchte. Ich glaube, risi e bisi und risi bisi sind beide möglich, kann mir aber nicht wirklich vorstellen, dass Donna Leon beide in ihrem Manuskript benutzt hat, etwa um die Zugehörigkeit von Brunetti und seiner Tochter zu verschiedenen Generationen zu illustrieren. Ich glaube eher, es war eine Schlamperei des Lektorats des Verlages beim Korrekturlesen. (Ich weiß, ich weiß, als Blog-Schreiber sollte man bei solchen Fehlern lieber nicht mit Steinen werfen, weil man viel zu sehr im Glashaus sitzt...)


Frühling auf dem Balkon

Nun denn, die Idee, mein altes Rezept für risi e bisi, das aus einem venezianischen Kochbuch stammt (klick hier), erneut zu realisieren, scheiterte an meiner Faulheit. Dazu hätte ich aber frische Erbsen in der Schote gebraucht, weil die leeren ausgekocht werden müssen, um die Brühe zum Reiskochen zu liefern. Auf dem Wochenmarkt oder im Frischeparadies hätte ich vielleicht welche als Importware aus Italien (hierzulande ist erst im Juni Saison) bekommen können, aber dazu war es an diesem Samstagnachmittag schon zu spät. Also beschloss ich zu schummeln, indem ich mir im noch geöffneten Biosupermarkt eine kleine Dose Fertig-Erbsen besorgte.


Zutaten: Cidre, Fenchelsamen,
Bratwurstbrät, Wirsing. Nicht im Bild: Bärlauch

Zum Risotto wollte ich aber noch etwas Herzhaftes machen, etwa kleine, lecker gefüllte Wirsing-Rouladen. Schön war es gewesen, ich hätte mir auf dem Markt einen heimischen Maiwirsing, der seit Mitte April Saison hat, besorgt, doch auch das scheiterte an der oben genannten Faulheit. Stattdessen fand ich im Biosupermarkt einen Winter-Wirsingkopf, deren äußere, durch die lange Lagerzeit welk gewordenen Blätter entfernt worden waren und die deshalb nur etwas größer als ein Tischtennissball war. Genau die richtige Größe für mein Vorhaben. Ich zupfte ein paar der Blätter ab, blanchierte sie in Salzwasser, damit sie etwas weicher wurden und schnitt die dicke Mittelrippe flach. Das Blanchierwasser hob ich auf.


In blanchierte Wirsingblätter gefüllt

Für die Füllung operierte ich auf bewährte Art die fantastischen Bratwürste vom Ruhrtaler Freilandschwein zu Salsiccia-Brät um (klick hier), indem ich sie von ihrer Pelle befreite und mit Fenchelsamen vermische, den ich diesmal noch röstete. Ein paar gehackte Bärlauchblätter kamen auch hinein. Für den obligatorischen Schluck Weißwein, der der Masse den letzten Kick geben sollte, hätte ich eine Flasche aus dem Keller holen müssen, wozu ich jedoch auch zu faul war. Stattdessen öffnete ich eine Flasche niederrheinischen Cidre, die griffbereit in der Küche stand, und das war ein Glücksgriff. Die Wurstmasse, die so entstand, war eine Offenbarung, und ich musste aufpassen, dass ich sie mir nicht gleich roh einverleibte oder als eine Art Mett aufs Brötchen strich.


Erst angebraten, dann im Ofen geschmort

Für den Risotto schmorte ein paar fein geschnittene Frühlingszwieneln und eine Knoblauchzehe an, gab den Arborio-Reis dazu und goss nach und nach kochende Brühe dazu, die die aus dem Blanchierwasser des Wirsings, dem Wasser aus der Dose Erbsen und Bio-Gemüsebrühe aus dem Glas bestand. Ganz zum Schluss kamen die abgetropfte Erbsen hinzu, damit sie im Reis warm wurden, und das Ganze wurde mit einem Rest Ziegenbutter, den ich noch hatte, Parmesan und Pfeffer aus der Mühle abgerundet.

Heraus kam dabei ein Risotto-Gericht, das Commissario Brunetti und wohl auch seinen Tochter Chiara in Entzücken versetzt hätte. Nur, dass Chiara als Vegetarierin natürlich die Wirsingroulade verschmäht hätte.



Rezept: Wirsing-Roulade mit Füllung aus Ruhrtaler Freilandschwein-Brät, Fenchel und niederrheinischem Cidre auf mit Ziegenbutter verfeinertem Risi e Bisi

2 Portionen

Wirsingrouladen:
4 nicht zu kleine Wirsingblätter
Brät von 2 Bratwürsten, aus der Pelle gedrückt
½ EL Fenchelsamen, zerstoßen
Schalenabrieb einer Zitrone
2-3 Bärlauchblätter, gehackt
1 guter Schuss Cidre
Salz oder gekörnte Brühe fürs Blanchierwasser
Rapsöl

Wirsingblätter in gesalzenem oder mit gekörnter Brühe gewürztem Wasser 3-4 Minuten blanchieren. Herausnehmen und eiskalte abspülen. Blanchierwasser aufheben.
Fenchelsamen in er Pfanne anrösten und abkühlen lassen. Wurstbrat aus der Pelle drücken. Geröstete Fenchelsamen, gehackte Bärlauchblätter, Zitronenabrieb und einen Schuss Cidre dazu geben und alles gut miteinander mischen. In vier Portionen teilen.
Jede Portion auf ein blanchiertes Wirsingblatt geben und einwickeln. Mit Küchengarn zubinden.
In einer Pfanne die Kohlrouladen pfeffern und salzen, scharf anbraten, bis sie Farbe annehmen. Etwas Flüssigkeit angießen und im 200 Gard heißen hofen 10- 15 Minuten fertig schmoren.

Risi e bisi:
1 Dose Erbsen 280 g
1 Tasse Risottoreis
Rapsöl
3 Frühlingszwiebeln
1 Knoblauchzehe
1 Schuss Cidre
1-1/2 l Brühe aus Erbsenwasser, Blanchierwasser des Wirsings und Gemüsebrühe
50 g geriebener Parmesan
20 g Ziegenbutter (oder anderer)
Salz
Pfeffer aus der Mühle

Dose Erbes abschütten, dabei das Wasser auffangen. Erbsenwasser und das Blanchierwasser des Wirsings mit Gemüsebrühe aus dem Glas auf etwa 1 ½ l auffüllen. Zum Köcheln bringen
Das weiße der Frühlingszwiebeln und die Knoblauchzehe in feine Streifen schneiden. In einem großen Topf in heißem Rapsöl glasig dünsten. Risottoreis dazu geben, umrühren. Mit einem Schuss Weißwein Cidre ablöschen und völlig verdampfen lassen. Dabei immer wieder umrühren. Mit zwei Kellen heißer Brühe auffüllen und in 17 Minuten gar köcheln lassen. Dabei immer wieder Brühe nachgießen und immer wieder umrühren. Zum Schluss die Erbsen dazugeben und mit heiß werden lassen.
Topf vom Feuer nehmen. Ziegenbutter in Stücken unter den heißen Reis heben und schmelzen lassen. Geriebenen Parmesan unterheben. Mit Pfeffer und Salz abschmecken.

Anrichten:
Den Risotto auf vorgewärmten Tellern anrichten. Wirsinggrouladen darauf legen, eventuell halbieren.

Dienstag, 2. Mai 2023

Aus dem Archiv: Bochum-Ehrenfeld - Es wächst zusammen, was zusammen gehört

Der Text erschien erstmalig in "Bochum geht aus 2024"

Im Bochumer Stadtteil Ehrenfeld kann man aufatmen. Nach drei Jahren Bauzeit werden Ende Juni 2023 endlich die Arbeiten an der Riesenbaustelle Hattinger Straße abgeschlossen sein. Dadurch bekommt nicht nur die Außengastronomie auf dem Hans-Ehrenberg-Platz ihre Lebensqualität zurück. Durch den neuen Fußgängerübergang und die Neueröffnung von zwei alteingesessenen Locations wächst auch der Stadtteil wie historisch gewachsen wieder zusammen.

Von Peter Krauskopf

Man kann es sich gar nicht vorstellen. Die kleine Straßenkreuzung am Nordrand des Hans-Ehrenberg-Platzes, an der die Szene-Wirtschaft „Zum Grünen Gaul“ und die Eisdiele „I am Love“ liegen, war vor dem zweiten Weltkrieg jener vielbefahrene Verkehrsknotenpunkt am südlichen Rand der Bochumer Innenstadt, den heute die Riesenkreuzung von Königsallee, Hattinger- und Oskar-Hoffmann-Straße am Schauspielhaus darstellt. Damals schwenkte die Hattinger Straße von Südwesten kommend am heutigen Haus der Fleischerei Haarmann nach links, nahm der heutigen Alten Hattinger Straße folgend den Verkehr von Pieper-, Oskar-Hoffmann-, Diberg-, Ehrenfelder und Clemensstraße auf und ging dann durch die „Mausefalle“ genannte Eisenbahnunterführung über den Konrad-Adenauer-Platz weiter in die Kortumstraße. Postkarten aus dieser Zeit, die Lokalhistoriker Dirk Ernesti gelegentlich auf Facebook präsentiert, zeigen mit prächtigen Gründerzeithäusern, dem Hotel Westfälischer Hof oder dem Café Industrie eine gewisse Kudamm-Atmosphäre.



Historisierende Deko in der Kleenen Tocke

Doch die Luftangriffe des zweiten Weltkriegs machten auch hier im Ehrenfeld Tabula rasa, so dass beim Wiederaufbau Bochums in den 1950er-Jahren der Neuordnungsplan von Stadtbaurat Clemens Massenberg zum Tragen kam. Der sah vor, nach der Beseitigung der Trümmer des 20-er-Jahre-Großkinos Lichtburg und vieler anderer Häuser die Hattinger Straße in Richtung Schauspielhaus zu verlegen. Dabei wurde der Fahrdamm, den kommenden Autoverkehr optimistisch erwartend, highwayartig auf vier Spuren verbreitert, so dass er den Stadtteil fast unüberwindlich in zwei Hälften teilte. Und viele der bestehenden Straßen verloren ihre verkehrstechnische Bedeutung. So auch das kurze Stück der Pieperstraße, das nördlich der neuen Hattinger übrig geblieben war. Der Straßencharakter verschwand völlig, als hier 1979 der Zugang zur Haltestelle Schauspielhaus der neugenbauten U-Bahn eröffnet wurde. 1983 wurde der Straßenrest schließlich in Hans Ehrenberg-Platz umbenannt, nach dem Bochumer Pfarrer, Nazi-Gegner und Mitbegründer der Bekennenden Kirche.

Nach ein paar Jahren entdeckte die Bochumer Szene den jetzt eher kleinstädtisch wirkenden Stadtteil. Das boomende Bermudadreieck platzte mittlerweile als größtes Kneipenviertel der Region aus allen Nähten, und so suchte man nach alternativen Standorten. Es war die Schwulen- und Lesbenszene, die hier mit ihren Clubs und Kneipen Pionierarbeit leistete. Doch auch Orlando, Freibad und Coxx verschwanden wieder, so dass das Veranstaltungsmagazin Coolibri vor fünf Jahren besorgt fragte: Ist der Hype vorbei? Doch dem war nicht so. Rund um den Hans-Ehrenberg-Platz war mittlerweile ein Kiez mit einem Gastronomieangebot entstanden, der den Charme eines Bochumer Prenzlauer Bergs hatte und der sich durchaus als beständig zeigte. Doch die größten Herausforderungen sollten noch kommen. Neben der Corona-Pandemie war das die Großbaustelle zur Sanierung der Hattinger Straße, die 2020 begann und jetzt endlich fertig wird. Das Bauvorhaben war notwendig geworden, weil die Entwässerung erneuert und die Fahrbahnen aufgrund der gewünschten Verkehrswende zurückgebaut werden sollten.


Zum Grünen Gaul

„Zum Glück liegen wir weit genug von der Hattinger Straße entfernt, um keine großartige Lärmbelästigung zu haben“, meint Jana Steffan vom „Grünen Gaul“. „Aber viele Gäste haben Probleme, uns wegen der Absperrungen überhaupt zu finden.“ Ein wirkliches Problem scheint das aber nicht zu sein, denn das Restaurant ist ausgebucht wie immer. Ohne Reservierung ist hier am frühen Freitagabend kein Platz zu bekommen – die herzhaft-kreativen Gerichte und die vorzügliche Weinkarte sind äußerst beliebt. Vor fünf Jahren hatte der Livingroom mit der Gründung des Gauls die Räumlichkeiten des ehemaligen Orlando in seine Restaurant-Familie einverleibt und dem kränkelnden Ehrenfeld damit neuen Lebensmut eingehaucht. In diesem Jahr nimmt der Gaul sogar erstmalig an der Gourmetmeile „Bochum kulinarisch“ teil.

Auch die Stammgäste der Butterbrotbar, die als Tages-Bistro schon seit Jahren einen modernen, frischen Mittagstisch anbietet, und besonders die der Eisdiele „I am Love“ lassen sich von den Unwirtlichkeiten des Baustelle nicht irritieren und nutzen die Freisitze auf dem Hans-Ehrenberg-Platz in Erwartung warmer Sonnenstrahlen. Vor über einem Jahrzehnt eröffneten Kevin Kuhn, Julia Bernecker u.a. die Eismanufaktur unter dem Namen Kugelpudel, doch schon bald kam es zur Trennung. Während Julia unter gleichem Namen an den Kortländer am Rand der nördlichen Bochumer Innenstadt zog, nannte Kevin den Ehrenfelder Laden in „I am love“ um. Beide sind heute jeweils Stammhäuser für kleine Eis-Imperien mit Filialen in verschiedenen Ruhrgebietsstädten. Zudem können Bochumer die extravaganten, z.T. veganen Eiskreationen von „I am love“, die in einem Labor in der Rombacher Hütte hergestellt werden, auch in Linden schlecken. Und neuerdings kann man den Schriftzug „I am love“ auch ein paar Schritte entfernt vom Stammhaus über dem ehemaligen  kleinen Teeladen an der Schauspielhauskreuzung lesen.



Pizza bei Pizza

Auf ihre Stammkundschaft können auch Michail Grabarovsky und seine Partnerin Natalie mit ihrem Imbiss mit dem prägnanten Namen Pizza setzen. Ihre Pizzen nach neapolitanischem Rezept gehören zweifellos zu den besten der Stadt. Der Teig geht tagelang auf, die Auflagen sind exquisit, und im original neapolitanischen Pizza-Ofen werden sie sehr heiß in jenem Leoparden-Look gebacken, der jeden Pizza-Aficionado so fasziniert. Es ist fast zu schade, die herrlichen Dinger im Stehen bzw. auf niedrigen Bierbänken oder anderen Sitzmöbeln draußen im hergewehten Baustellenstaub aus der Hand essen zu müssen, aber das scheint keinen stören. Bei der Frage nach der Baustelle zuckt Michail stoisch mit den Achseln. Das beträfe eigentlich nur die, dir direkt an der Hattinger Straße lägen – wie etwa seine Bar Mischka, die er seit einiger Zeit in den Räumlichkeiten der ehemaligen Kneipe „Zum Warsteiner“ an der Schauspielhaus-Kreuzung betreibt. Der breite Bürgersteig würde zwar viel Platz für einen Außenbereich bieten. „Aber wer will schon direkt neben einer Großbaustelle sein Bier trinken?“, fragt er. Probleme macht die Baustelle auch dem Pizza-Pendant Burger, das er in einem Container ein paar Schritte weiter in einem Container betreibt. Dass die Laufkundschaft, die sich hier verpflegen könnte, nicht gerne stehen bleibt, wird sich wohl erst dann ändern wenn die Baustelle fertig ist.

Ob die neuen engen Bürgersteige, die an der Hattinger Straße entstehen, für Fußgänger wirklich attraktiv sind, sei einmal dahingestellt. Ein großer Fortschritt ist aber der neue Fußgängerübergang über die Hattinger Straße, der dem historischen Verlauf der Pieperstraße folgt. Durch den Rückbau der breiten Straße in einen Autofahrstreifen und einen Radweg pro Fahrtrichtung, einem breiten Mittelstreifen und einer Ampel wird die Überquerung der vielbefahrenen Straße wesentlich vereinfacht. (Ob das den Autofahrern gefällt, die die große Ausfallstraße nutzen müssen, ist eine andere Frage.)

Blickt man hier vom Hans-Ehrenfeld-Platz in die Pieperstraße, merkt man jetzt erst so richtig, wie nah eigentlich der Teil Ehrenfelds südlich der Hattinger Straße ist. Der Filiale von „Bäcker Peter“, die vor gar nicht langer Zeit in den Räumlichkeiten des ehem. Schuhhauses Dömer eröffnet wurde, liegt wie Skylla der Charybdis eine große Filiale der Bäckereikette Schmidtmeier gegenüber. Auch dort wird man froh sein, wenn die Baustelle weg ist, hatte man auf dem zum Vorplatz der St.-Meinolphus-Mauritius-Kirche verkehrsberuhigten Ende der Pieperstraße einen großen Außenbereich eingerichtet, auf dem z.B. die Nachbarschaftsfeste des Vereins „Ehrenfelder Miteinander“ stattfanden. Der kann jetzt wiederbelebt werden.

Und man merkt, wie nah es eigentlich zu einer Ikone der Ehrenfelder Gastronomie ist, der Aubergine. Denise Ostrop zog vor über zwanzig Jahren mit ihrem Restaurant aus Altenbochum hierher. Ihre Mutter Gisela hatte zuvor das kurdisch-westfälische Restaurant Kokille in der Innenstadt betrieben, und gemeinsam versorgten sie nun das kulturell beflissenene Publikum des nahen Schauspielhauses mit feiner mediterraner Küche. Vorher war hier eine Eckkneipe, die Gisela Ostorp als Treffpunkt der Ehrenfelder SPD kannte, und ein chinesisches Restaurant, das so gar nicht zu repräsentativen Architektur im von den Knappschaftsgebäuden geprägten Umfeld des südlichen Ehrenfeldes passte. Bis heute hat sich dieser überzeugende Küchenstil der Aubergine kaum geändert, zumal Denise Ostorp großen Wert auf nachhaltig produzierte Zutaten legt. Dass die Aubergine mit ihrem Angebot quasi die Gastro-Legende „Alt Nürnberg“ beerbte, war den Damen damals nicht bewusst. Dieses Lokal an der Schauspielhauskreuzung war vierzig Jahre lang das Aushängeschild für feine Küche in Bochum und schloss Anfang der 2000-er Jahre – aus kaum nachvollziehbaren Gründen wurde die Location in 1-A-Lage seitdem nie wieder verpachtet

Wenn man von der Aubergine ein paar Schritte Richtung Königsallee geht, kommt man zum William-Shakespeare-Platz, unter dem seit den 1980-er Jahren das Parkhaus des Schauspielhauses schlummert. Pfiffig wie man war, krönte man diese verkehrstechnischen Katakomben mit einem Backsteinhäuschen, das sich gastronomisch nutzen ließ, und unter dem Namen Biercafé eine Legende in der Ehrenfelder Gastronomie wurde. Anfangs wurde es von den Leuten des Mandragora, einer der Wurzeln des Bermudadreiecks, betrieben, später von Thomas Meyer. Seit 2010 prägte dann Rüdiger „Bolle“ Boldt das Image als stilvolle Kneipe für den kulturbeflissenen Biertrinker. Die Corona-Zeit überlebte das leider Biercafé nicht.

Doch nun hat sich eine Lösung gefunden. Hayri Nargili, der an der Hunscheidtstraße den Kiosk „Zum Philosophen“ betreibt, will mit seinem Partner Bilal Balyemez das Biercafé weiterführen - allerdings nach seiner Philosophie. Tatsächlich hat er allerlei Geisteswissenschaften studiert, kam aber dann auf die Die, sich dem realen Leben zuzuwenden. Er übernahm den Kiosk im Ehrenfeld, der sich schon rasch zu einem soziokulturellen Zentrum im Stadtteil wandelte, an dem sich Kinder ihre Klümpkes kaufen können und Eltern ihr Bierchen. Beim neuen Biercafé schwebt ihm Ähnliches vor. Auch das soll ein Kiosk werden, bei dem Bierspezialitäten durchs Fenster verkauft werden. Aber dennoch soll es auch eine Innengastronomie haben, in der kulturelle Veranstaltungen stattfinden können. Und es soll „KultUr-Café Zum Philosophen“ heißen. Doch bis es soweit ist, wird es wohl noch etwas dauern. „Das Gebäude muss erst grundsaniert werden“, sagt Hayri.

Damit die Zeit bis dahin nicht zu lang wird, haben sich Hayri und Bilal vorgenommen, noch in diesem Mai in den Räumlichkeiten des ehemaligen Rimini direkt an der Hattinger Straße das Restaurant „Kleene Tocke“ zu eröffnen. Den Namen haben sie gemeinsam mit dem Bochumer Lokalhistoriker und Postkartensammler Dirk Ernesti gefunden. „Tocke“ sei, so Hayri, ein mundartlicher Name für Ehrenfeld und beziehe sich darauf, dass der Stadtteil früher so klein gewesen sei. Man kann aber auch soekuliern, dass es einfach eine freie Assoziation über den Begriff „Tacos“ sein könnte. Diese mexikanische Spezialität sollte in dem Laden, unterstützt von einer großen Fassadenschrift, nach der Schließung der Pizzeria Rimini verkauft werden, was aber nur kurz gelang. Dennoch hat die Location eine lange gastronomische Geschichte im wiederaufgebauten Ehrenfeld. Das Rimini war, ähnlich wie das „Alt Nürnberg“ ein paar Schritte weiter, fast ein halbes Jahrhundert eine gastronomische Institution an der Schauspielhauskreuzung.



Kleene Tocke

Eine Art türkisch inspirierte Heimatküche will Haiyri in der „Kleenen Tocke“ anbieten. Dass er dabei Mischkas Burger-Container direkt vor der Nase hat, stört ihn weiter nicht. „Obwohl“, so sinniert er, „vielleicht wäre es besser, dort Döner zu verkaufen.“

Dass zur Eröffnung der „Kleenen Tocke“ die Großbaustelle auf der Hattinger Straße verschwinden wird, ist wie für alle Gastronomen im Ehrenfeld ein wahrer Segen. Hoffen wir, dass dann der neue Fußgängerübergang die beiden Hälften des Stadtteils miteinander zusammenführt. Die Verbindung vom ehemaligen Rimini und dem ehemaligen Biercafé durch die gemeinsamen Betreiber ist da ein schöner Anfang.